München – Durch die Krise hat sich die europäische Luftfahrt fundamental verschoben: Seit Kriegsbeginn gingen 59 Prozent weniger Flüge nach Nahost, allein am Flughafen München wurden bis Donnerstag 700 Starts abgesagt, weil der Luftraum gesperrt ist. Für den Flughafen selbst war der Ausfall überschaubar, teilte eine Sprecherin mit. „Vor Ausbruch des Krieges gab es ab München 95 wöchentliche Starts in Richtung Nahost. Insgesamt erfolgten vor Kriegsausbruch vom Flughafen München aus weltweit etwa 2500 Starts pro Woche.“ Im Sommerflugplan seien sogar 3000 Starts pro Woche im Programm.
Schwer getroffen hat es dagegen die Golf-Airlines: Sie waren durch ihre strategisch günstig gelegenen Drehkreuze und günstiges Kerosin eine starke Konkurrenz auf Asien-Strecken. Laut Eurocontrol stieg der Flugverkehr zwischen Europa und Asien durch diesen Ausfall um 13 Prozent. Kennern zufolge handelt es sich dabei aber vor allem um Frachtlieferungen.
■ Der Nahe Osten will zurück ins Geschäft
Denn Passagiertickets nach Asien sind teuer. Nicht nur fallen die Golf-Airlines als Langstrecken-Angebot teilweise aus, europäische Anbieter müssen jetzt in einem schmalen Korridor über das kaspische Meer fliegen, um den Luftraum über der Ukraine, Russland und dem Iran zu meiden. Die Branche beklagt Nachteile durch die großen Umwege. Chinesische Airlines nehmen etwa den kurzen Weg über Russland.
Doch die Fluggesellschaften aus Nahost wollen zurück ins Geschäft, meldet der Flughafen München: „Die Flugfrequenzen zwischen München und dem Nahen Osten werden derzeit schrittweise wieder erhöht. Aktuell bedienen Emirates, Etihad, Oman Air, Qatar Airways, Royal Jordanian, Saudia sowie wieder El Al entsprechende Strecken.“ Nur die Lufthansa meide bis zum Ende des Sommerflugplans Riad.
Doch die Lage bleibt angespannt. Ein Viertel des europäischen Kerosin-Verbrauchs stammt aus Nahost. Ein langfristiger Ausfall würde zu dramatisch steigenden Ticketpreisen und Treibstoffengpässen führen. Schlechter angebundende Flughäfen – mit kostenbewusster Kundschaft – haben das bereits erlebt: „Wir hatten Probleme aufgrund eines Engpasses an Flugbenzin in drei italienischen Flughäfen – Venedig, Brindisi und Catania“, sagte Wizz-Air-Chef Jozsef Varadi jüngst der Zeitung „Il Sole 24 Ore“. Der Ausfall sei in wenigen Stunden behoben gewesen, zeigt aber, wie eng getaktet die globale Kraftstofflogistik ist.
Sollten die Kerosin-Preise in den kommenden Wochen nicht drastisch fallen, bleibt das Geschäft eine Gratwanderung, sagt Benedict George, leitender Analyst bei Argus Media: „Die Fluggesellschaften werden wahrscheinlich die Treibstoffkosten gegen die Marktanteile abwägen, die sie gewinnen können, indem sie weniger Flüge streichen als ihre Konkurrenten.“MATTHIAS SCHNEIDER