Risiko im Krankenhaus: Nach einer Operation kann gerade bei Senioren ein Delir auftreten. Doch es gibt viele Möglichkeiten, die Gefahr einzudämmen und gegenzusteuern, erklärt unsere Expertin. © smarterpix
München – Jeder fünfte Patient erkrankt während eines Krankenhausaufenthalts an einem Delir, schätzen Experten. „Gefährdet sind vorwiegend Menschen ab 65 Jahren mit einer kognitiven Beeinträchtigung, einer Demenz oder Gebrechlichkeit“, sagt Dr. Christine Thomas. „Allerdings hängt das Risiko stark von individuellen Faktoren ab, etwa davon, ob der Patient über 85 Jahre alt ist. Ebenfalls entscheidend ist, ob es sich um eine geplante Operation handelt, wie lange diese dauert und wie hoch der Blutverlust ist.“ Handelt es sich um einen geplanten Knie-Ersatz-Eingriff, liege das Delir-Risiko bei einem etwa 65 Jahre alten Menschen lediglich bei zehn bis zwölf Prozent, sagt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. „Bei einer schweren Herzbypass-OP, die mehrere Stunden dauert, kann es auf 60 Prozent steigen.“ Muss ein Patient auf der Intensivstation behandelt und beatmet werden, steige das Risiko auf bis zu 80 Prozent.
■ Zwei Hauptformen
Im Gegensatz zu einer Demenz, die in der Regel schleichend über Monate oder Jahre entsteht, tritt ein Delir plötzlich ein, innerhalb von Stunden bis Tagen. Wer diese Art von Bewusstseinsstörung in einer Klinik, zu Hause oder im Pflegeheim erleidet, ist in der Regel orientierungslos und hat Gedächtnisprobleme. In der Medizin wird zwischen zwei Hauptformen unterschieden: Bei einem hypoaktiven Delir ist der Betroffene teilnahmslos und schläfrig, häufig ist diese Form bei demenzkranken Personen. Bei einem hyperaktiven Delir dagegen ist der Mensch rastlos, aufgewühlt und hat starke Stimmungsschwankungen. „Ein Delir ist eine Notfallsituation“, erklärt Dr. Thomas. „Wichtig ist, die Ursachen so schnell wie möglich herauszufinden, damit man gezielt gegensteuern kann.“
■ Gezielte Behandlung
Bei der Behandlung setzt die Ärztliche Direktorin auf Multikomponentenprogramme, die an ihrer Stuttgarter Klinik auf mehr als 20 Stationen täglich eingesetzt werden. „Diese sind individuell auf den Betroffenen abgestimmt. Es gibt unter anderem eine Uhr und einen Kalender im Zimmer sowie ein Schild mit dem Namen der Klinik, damit sich der Patient leichter orientieren kann. Vor einem Eingriff kann eine Handmassage oder auch Lavendelöl helfen, dem Menschen die Angst zu nehmen.“ Nach einer Operation sind die Boxen mit Brille, Hörgerät oder Gebiss nahe dem Patienten platziert, damit diese sofort einsetzbar sind und Klarheit verschaffen können. „Bereits im Aufwachraum erhält der Patient etwas zu trinken oder Wassereis gegen den trockenen Mund, damit der Körper arbeitet.“
Wichtig sei nach dem Eingriff auch die Schlafunterstützung: So werde der Tag-Nacht-Rhythmus eingehalten und der Patient könne sich erholen. „Das kann zum Beispiel ein eigenes Kopfkissen sein oder eine Kuscheldecke, damit sich der Patient trotz der ungewohnten Situation wohlfühlt.“ Wer mehrere Tage in der Klinik verbringen muss, dem hilft auch ein Buch oder ein Hörbuch, um geistig aktiv zu bleiben.
Wann kommen Medikamente zum Einsatz? „Ich empfehle eine medikamentöse Therapie nur bei belastenden Symptomen wie Wahnerleben oder starker Angst. Verwendet werden Antipsychotika, die beruhigend wirken. Hier müssen aber vorher sorgfältig der Nutzen und das Risiko durch Nebenwirkungen abgewogen werden.“
■ Wichtige Nachsorge
Ein Delir dauert meistens einige Tage bis Wochen, in schweren Fällen auch mehrere Monate. „Ein Delir kann sich vollständig zurückbilden“, sagt Dr. Thomas. „Allerdings besteht bei Menschen, die ein Delir erlitten haben, ein erhöhtes Risiko, erneut daran zu erkranken.“ Deshalb sei neben der Prävention (siehe unten) auch eine gute Nachsorge wichtig, damit es nicht zu langfristigen Folgen kommt. „Das kann insbesondere eine pflegerische Unterstützung für zu Hause sein oder auch Ergo- oder Physiotherapie“, erläutert die Expertin.
Um Prävention, Früherkennung, Nachsorge und Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige geht es auch in der neuen Patientenleitlinie, die unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie und der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie entstanden ist. Dr. Thomas hat die wissenschaftliche Erstellung koordiniert. Ihr Wunsch an die Angehörigen: „Wichtig ist, die Betroffenen weiterhin gut zu beobachten, um ein erneutes Delir frühzeitig zu erkennen.“