Heute wäre die Queen 100 geworden

von Redaktion

Das apfelgrüne Kleid, das Elizabeth 1957 im Weißen Haus trug. © Royal Collection Trust

Die Queen und ihre Familie im Jahr 2007: rechts Gatte Prinz Philip, links Prinz Charles (heute König Charles III). Hinten von links: Prinz Andrew, Prinzessin Anne und Prinz Edward. © pa

München/London – Kaum eine Deutsche kennt Großbritannien besser als Annette Dittert. Fast 20 Jahre lang berichtete sie für die ARD aus London. In ihrem neuen Buch „Dear Britain“ (erscheint am 12. Mai) macht sie sich nun auf die Suche nach der Seele des Landes. Im Gespräch mit unserer Zeitung blickt sie auf das Vermächtnis der Queen.

Wie hat sich die Wahrnehmung der Monarchie in Großbritannien seit dem Tod der Queen vor dreieinhalb Jahren verändert?

Erstaunlicherweise hat sich in der ersten Zeit nach ihrem Tod gar nicht viel geändert. Charles hat das Erbe zunächst ziemlich bruchlos übernommen. Das fand ich überraschend, weil viele Monarchie-Gegner dachten: Das wird unser großer Moment. War er aber nicht. Es war so, als ob der Segen seiner Mutter noch eine ganze Weile über Charles hing. Und er hat es geschafft, die Popularitätswerte des Königshauses zu halten – zumindest in der ersten Zeit.

Inzwischen nicht mehr?

Besonders bei den jüngeren Briten sinkt die Zustimmung zur Monarchie kontinuierlich. Das fing zwar schon während der Regentschaft der Queen an, in den Jahren seit ihrem Tod hat sich das aber noch einmal verstärkt. Das hat man bei der Krönung von Charles schon gemerkt. Hunderttausende versammelten sich vor dem Buckingham-Palast, wie immer bei solchen Groß-Events. Aber gleichzeitig war der Altersschnitt doch etwas höher als sonst. Die Krönung hat viele unter 40 im Vergleich zu anderen royalen Großereignissen in den Jahren zuvor deutlich weniger interessiert. Ob diese jungen Briten das vielleicht anders sehen, wenn sie älter werden, kann man noch nicht sagen.

Fehlt auch eine mit der Queen vergleichbare Identifikationsfigur?

Elizabeth war das letzte Verbindungsglied zum Empire. Sie kannte Churchill noch persönlich. Dadurch personifizierte sie die Erinnerung an ein Großbritannien, das nicht nur eine kleine Mittelmacht war wie heute, sondern eine Großmacht.

Hatte Elizabeth auch ein besonderes Charisma, das den anderen Royals fehlt?

Ich habe sie eigentlich nie als besonders charismatisch erlebt. Ihr Charisma lag eher darin, dass sie diese Rolle so lange verkörpert hat. Zum Schluss war sie vor allem eine freundliche, bunte Großmutter – man fühlte sich einfach sicher in ihrer Nähe, weil sie gewissermaßen Kontinuität und Stabilität in ihrer Person verkörperte. Das letzte Mal vor ihrem Tod habe ich sie aus der Nähe bei der Royal Windsor Horse Show gesehen. Eine freundliche ältere Dame, deren Aura vor allem durch die Bewunderung der anderen entstand.

Und trotzdem kann Charles in den Beliebtheitsrankings nicht mithalten?

Ich finde, dass Charles einen sehr guten Job macht. In vielerlei Hinsicht betrachte ich ihn sogar als einen besseren König als Elizabeth, weil er klarer Stellung bezieht zu wichtigen Themen wie Umwelt und Demokratie, soweit es ihm möglich ist. Gleichzeitig hat er es schwerer. Sein Amtsantritt war von Anfang an davon überschattet, dass er nur ein Übergangskönig sein kann, schon aufgrund seines Alters. Dadurch liegt immer auch eine gewisse Melancholie über seinen Auftritten. Und dann hat er jetzt auch noch die Riesenaffäre um seinen Bruder Andrew und dessen Epstein-Verstrickungen zu bewältigen, die weiter das Potenzial hat, die britische Monarchie massiv zu beschädigen …

Wirft dieser Skandal um Andrew auch einen Schatten auf Elizabeths Erbe? Er gilt immerhin als ihr Lieblingssohn …

Das wirft natürlich posthum einen Schatten auf ihr Image und ihr Vermächtnis. Das Königshaus zahlte Virginia Giuffre, einem Opfer des Epstein-Rings, um die zwölf Millionen Pfund, um einen öffentlichen Prozess zu verhindern. Ein großer Teil der Summe kam aus dem Privatvermögen der Queen, auch wenn man die ganz genauen Zahlen nicht kennt. Und das beschädigt ihr Image jetzt natürlich schon. Das erste Mal seit ihrem Tod gibt es jetzt kritische Stimmen, die fragen, was sie sich denn dabei eigentlich gedacht hat. Und warum sie es für eine gute Idee hielt, Andrew viel zu lange zu schützen. Von heute aus betrachtet hat sie der Monarchie damit schwer geschadet.

Wie lässt sich das erklären?

Sie dachte wohl: „Je weniger Unruhe und öffentliche Aufmerksamkeit um meinen Sohn entsteht, desto besser ist das für das Königshaus.“ Dass das langfristig auch nach hinten losgehen kann, hat sie wahrscheinlich nicht gesehen. Aber nach den neuesten Epstein-Enthüllungen wurde der öffentliche Druck so groß, dass Charles das Schweigen des Königshauses zu Andrews Verstrickungen brechen musste.

Hätte Elizabeth ihren Lieblingssohn weiter geschützt?

Das ist im Nachhinein natürlich schwer zu sagen. Aber sie hätte es wohl nicht viel anders handhaben können, als Charles es jetzt getan hat. Der öffentliche Druck war zu stark geworden – nicht nur durch die neuen Erkenntnisse aus den Epstein-Files, sondern auch durch das Buch von Virginia Giuffre, das Andrew stark belastet. Vergangenen Sommer erschien dann noch ein anderes Buch, „Entitled“ von Andrew Lownie, einem Biografen von Andrew. Darin zeichnet er akribisch nach, wie selbstgerecht, arrogant und auch womöglich korrupt sich Andrew teilweise verhalten hat. Nach der Lektüre dieser mehr als 400 Seiten versteht man übrigens nicht mehr wirklich, warum die Queen so lange die Hand über ihn gehalten hat. Aber nach all dem, was da jetzt in den letzten Monaten zusammenkam, glaube ich nicht, dass Elizabeth sich viel anders hätte verhalten können als Charles – obwohl sie als Monarchin grundsätzlich zurückhaltender war als ihr Sohn.

Inwiefern?

Sie war sehr viel unpolitischer als Charles. Er machte bereits in seiner Antrittsrede klar, dass er sich als Humanist, und Hüter der liberalen Demokratie in Großbritannien sieht. So klar hat sich Elisabeth nie positioniert, was sie zu einer neutralen Projektionsfläche und weniger anfechtbar machte. Ihre kategorische Zurückhaltung führte sie aber manchmal auch zu falschen Schlüssen.

Zum Beispiel?

2019 stimmte sie der vorzeitigen Auflösung des Parlaments von Boris Johnson zu. Das hätte sie meiner Meinung nach nicht tun dürfen. Diese Entscheidung wurde dann ja auch später vom obersten britischen Gerichtshof als illegal wieder rückgängig gemacht. Aber für Elisabeth ging eben immer die Firma vor. Sie wollte die Monarchie damals nicht in diesen Kulturkampf verwickeln.

Ihre stärksten Statements setzte Elisabeth oft modisch.

Die Queen wurde immer als besonders bescheiden beschrieben. Auf ihre Mode und ihren Auftritt traf das aber nicht zu. Da griff sie wirklich immer in die Vollen – auch aus politisch-strategischem Kalkül. Sie sagte einmal den berühmten Satz: „I have to be seen to be believed.“ Man muss mich sehen, damit man an mich glaubt. Das war letztlich das Mantra für ihre Kleider. Sie waren immer ganz bewusst bunt und auffällig. Sie wollte zeigen: Hier bin ich. Sie setzte Mode immer ganz bewusst ein als öffentliches Signal. Wenn es der Anlass verlangte, zeigte sie sich in ihren jüngeren Jahren auch gerne als Märchenprinzessin. Am beeindruckendsten in dieser Ausstellung finde ich ein Abendkleid (siehe Foto im Kasten), das sie im Weißen Haus beim Staatsbankett zu Ehren von Präsident Dwight D. Eisenhower in den 50ern trug: ein apfelgrünes, engtailliertes Glitzerkleid, mit unzähligen Unterröcken. Sie war damit optisch ganz klar die zentrale Figur

Was verbinden Sie als Erstes mit Königin Elisabeth II.?

Eigentlich ihre Beerdigung – auch wenn das etwas morbid klingt. Das Land war in einem unglaublichen Ausnahmezustand. Anders als bei der Krönung von Charles kam das ganze Land noch einmal zusammen. Ich erinnere mich an diese kilometerlange Schlange, die sich durch ganz London zog, von Briten, die sich von ihr verabschieden wollten. So etwas habe ich noch nie erlebt. Damit hat die Queen noch ein letztes Mal das geschafft, was die eigentliche und wichtigste Aufgabe der britischen Monarchie auf der Insel ist: das Land zu vereinen.

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