Valery Khodemchuk war das erste Opfer. © Wiki/unknown
Der Kontrollraum des Reaktors 4. Hier wurde der Notknopf gedrückt. © Picture Alliance
Die Atomkraftwerke in der Ukraine: Hellrot markiert sind die russisch besetzten Gebiete. © Grafik: mm
Feuerwehrleute reinigen 1986 an der deutschen Grenze kontaminierte Autos aus Polen. © pa
Geister-Riesenrad in Prypjat: Der Freizeitpark sollte fünf Tage nach der Katastrophe eröffnen. © Getty Images
Unter der Stahlhülle strahlen die Überbleibsel des 1986 havarierten Reaktors 4 vor sich hin. © Getty Images
Ein zweiter Sarkophag aus Stahl wurde 2016 über den ersten provisorischen von 1986 geschoben. © IMAGO
6. Mai 1986: Ein Hubschrauber versprüht am wenige Tage zuvor explodierten Block 4 eine Substanz, die den radioaktiven Staub binden soll. Links Anton Yukhymenko auf einer Straße in Tschernobyl. Rechts Valery und Zoya Perevozchenko. © IMAGO/Andy Spyra/privat
Tschernobyl – Die Schutzhülle über dem Reaktorblock 4 ist höher als die Freiheitsstatue in New York. Dass es durch die Decke tropft, ist kein Baumangel. Eine russische Kampfdrohne riss vor einem Jahr ein Loch. Die Strahlung unter dem Sarkophag aus Beton und Stahl kann man nicht spüren, aber der Geigerzähler knattert. „Lass uns gehen, es ist nicht sicher hier“, sagt Anton Yukhymenko (40), der als Führer in der Tschernobyl-Sperrzone arbeitet.
Vor dem Eintritt in die riesige Halle gibt es klare Anweisungen: nicht in die Tropfwasser-Pfützen treten, nichts anfassen, nichts aufheben. Alles ist kontaminiert. Jeder Besucher trägt ein Dosimeter, das die persönliche Strahlenbelastung misst. An Messstationen auf dem riesigen Areal darf man erst weiter, wenn das Gerät grünes Licht gibt. An manchen bescheinigt eine Stimme auf Englisch: „No contamination“, keine Verunreinigung.
40 Jahre sind seit der schwersten zivilen Reaktorkatastrophe der Geschichte vergangen. Die Ukraine war damals noch Teil der Sowjetunion. Heute liegt Tschernobyl im Kriegsgebiet – nur zehn Kilometer entfernt von Russlands Verbündetem Belarus. Nach dem Überfall auf die Ukraine besetzten russische Truppen gut einen Monat lang die Sperrzone und das Atomkraftwerk. Sie sollen dort mit schwerem Gerät radioaktiven Staub aufgewirbelt und Schützengräben in kontaminierten Gegenden gegraben haben.
Vor dem russischen Überfall konnten Touristen das AKW besuchen, 2021 waren es rund 90.000, wie Yukhymenko sagt. Vor allem Amerikaner, Deutsche und Polen führte er in die Sperrzone, die sich im Umkreis von 30 Kilometern um den Reaktor erstreckt. Kommen heute Ausländer, sind es meist Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO oder Journalisten. Armee und Polizei kontrollieren den Zugang. Auf der Straße des riesigen Areals fahren Busse – in Tschernobyl arbeiten immer noch Menschen, auch wenn die anderen drei Reaktoren seit dem Jahr 2000 stillgelegt sind. Die Anlage leitet aber Elektrizität aus anderen Atomkraftwerken weiter. Außerdem muss die Strahlung noch auf unabsehbare Zeit kontrolliert werden.
Eigentlich ist Yukhymenko Designer und Programmierer. Bei einem Besuch als Tourist vor 20 Jahren war er aber so fasziniert, „dass ich beschlossen habe, Tschernobyl mein Leben zu widmen“. Führungen laufen über feste Routen, denn die Strahlung schwankt stark zwischen ungefährlich und gesundheitsgefährdend.
Im Kontrollraum von Reaktor 4 legt der Geigerzähler zu. In jener Nacht zum 26. April 1986 sollte hier getestet werden, ob die Notkühlung auch bei einem Stromausfall ausreichend funktioniert. Als die Leistung außer Kontrolle geriet, drückten die Ingenieure den Notknopf. Doch der Reaktortyp hatte einen Konstruktionsfehler. Die Notbremse verstärkte die Reaktion im Reaktorkern – Sekunden später explodierte er.
Als erstes Opfer gilt der Reaktorfahrer Valery Khodemchuk, an ihn erinnert eine Gedenktafel im Atomkraftwerk. Die Leiche des 35-Jährigen wurde wegen der enormen Strahlung nie geborgen, liegt bis heute unter den Trümmern von Block 4. Seine Witwe Natalia wurde mit anderen Hinterbliebenen und Überlebenden in einem eigens dafür gebauten Apartmentgebäude in Kiew untergebracht. Dort lebte sie bis zum 15. November vergangenen Jahres – als eine russische Kampfdrohne in ihre Wohnung einschlug.
Nachbarin Zoya Perevozchenko (75) sagt, ihre Freundin Natalia sei mit schweren Verbrennungen im Gesicht, an den Händen und den Beinen runter zu ihr in den dritten Stock gerannt. Die 74-Jährige habe nur ein Nachthemd getragen und sie um Kleidung gebeten. „Natalia stieg unten vor der Tür in einen Krankenwagen ein, aber 47 Prozent ihrer Körperoberfläche waren verbrannt. Sie hat den Morgen nicht mehr erlebt. Nach 40 Jahren ist sie jetzt mit ihrem Valery vereint.“
Zoya Perevozchenkos Ehemann hieß ebenfalls Valery und war Vorarbeiter in Reaktorblock 4. Er machte sich nach der Explosion auf die Suche nach seinem Namensvetter und Kollegen. Als die Anweisung kam, die Rettungsversuche sofort einzustellen, war Valery bereits verstrahlt. Er kam in ein Krankenhaus in Moskau, wo ihn Zoya erst Wochen später besuchen durfte. „Ich konnte nur im Strahlenschutzanzug ins Zimmer“, sagt sie. „Er hatte blutige Wunden bis aufs Fleisch und konnte kaum reden.“ Ihr Mann habe sie gefragt, warum sie die beiden Töchter allein gelassen habe. „Ich habe geantwortet, dass ich ihn vermisst habe. Ich habe ihm nicht gesagt, dass er nicht überleben würde.“ Der 39-Jährige fiel ins Koma, wachte noch einmal auf. „Er sagte, er hätte so gerne ein Bier. Die Ärzte meinten, ich könne ihm alles bringen, was er möchte.“ Also sei sie zum Laden gegangen. „Als ich ins Krankenhaus zurückkam, war er tot. Bis zum Schluss hat er gehofft, aber er hatte keine Chance.“
Zoyas und Natalias Familien lebten in Prypjat, einer 50.000-Einwohner-Vorzeigestadt, 1970 für die AKW-Arbeiter aus dem Boden gestampft. Heute ist Prypjat eine Geisterstadt, die die Natur zurückerobert. Die Gebäude verfallen. In der Sporthalle hängt noch ein Kletterseil von der Decke, am Wegesrand rostet ein Lenin-Porträt vor sich hin. Auf einem zentralen Platz stehen ein rostiges Riesenrad, ein Autoscooter und ein Karussell. Fünf Tage nach der Katastrophe sollte der Vergnügungspark eröffnet werden.
„Es war ein sehr schöner Ort“, erinnert sich Zoya. „Eine junge Stadt mit schöner Natur und einem schönen Fluss. Ich war oft mit meinem Mann fischen.“ Valery ist nicht der einzige Angehörige, den die Katastrophe ihr geraubt hat. Zwei ihrer Brüder waren als sogenannte Liquidatoren bei den Aufräumarbeiten eingesetzt. „Einer ist an den Folgen der Strahlung gestorben, der andere an Herzproblemen“, sagt Zoya. Nach Angaben des Forschungszentrums für Strahlenmedizin leben von den 200.000 bis 240.000 Liquidatoren aus der Ukraine nur noch rund 140.000 – und unter ihnen ist jeder Dritte Invalide.
Heute muss Zoya wieder um ihre Liebsten fürchten, dieses Mal wegen des Krieges: Zwei ihrer Enkelsöhne kämpfen gegen die russischen Truppen. Einer ist erst 19 und wurde bereits dreimal verwundet. „Ich bete jeden Tag, dass Gott meine Enkel schützt“, sagt Zoya, die in Russland geboren wurde. In Moskau liegt ihr Ehemann begraben. Gemeinsam mit Natalia sei sie einst zum Gedenken an die Opfer von Tschernobyl in die russische Hauptstadt gereist. „Und jetzt hat Russland meine beste Freundin getötet.“
SERIE ZU TSCHERNOBYL
Welche Folgen hatte die Katastrophe von Tschernobyl? Wie wurde darüber berichtet? Das lesen Sie demnächst im Rahmen einer Serie in unserer Zeitung.