Thomas Schedel ist Leiter des Kommissariats 61. © Polizei
Angelika und Hubert Eberl in ihrem Esszimmer. Er hält das Telefon in der Hand, sie das Aufnahmegerät. © Marcus Schlaf
Bergkirchen – Als Angelika Eberl ans Telefon geht, ist sie ahnungslos. Die Schneidermeisterin aus Bergkirchen (Kreis Dachau) vermutet einen Kunden. „Mama, Mama, es ist was ganz Schlimmes passiert, ich brauche dringend Hilfe“, ruft eine Stimme. Die 63-Jährige ist kurz in Schockstarre, dann reagiert sie vorbildlich. „Bist du das, Alexander?“, fragt sie. Als der Anrufer bestätigt, weiß sie: ein Betrüger! Denn ihre Söhne heißen ganz anders. Angelika und ihr Mann Hubert, ein pensionierter Polizeibeamter, hatten sich schon länger gedanklich vorbereitet auf solch einen Schockanruf, bei dem Kriminelle die Angst der Opfer nutzen, um an ihr Geld zu kommen. Hubert Eberl geht an den Apparat – und nimmt das Gespräch auf Band auf. Wir drucken das seltene Dokument in nahezu voller Länge ab.
Anrufer: Grüße Sie. Mein Name ist Andreas D. (Name von der Redaktion abgekürzt), ich bin der Polizist von der Verkehrspolizei. Es geht um Ihren Sohn, den Alexander. Ganz schrecklich, was heute passiert ist. Ihr Sohn, der Alexander, war heute etwas zu schnell mit dem Pkw unterwegs, ist leider Gottes über eine rote Ampel gefahren und hat eine junge Dame angefahren, die mit ihrem Kleinkind unterwegs war. Die junge Dame ist leider Gottes vor Ort verstorben. Das kleine Mädchen liegt auf der Intensivstation.
Eberl: Um Gottes willen.
Anrufer: Also ganz, ganz schrecklich, Herr Ebel (der Anrufer spricht den Namen das gesamte Gespräch über falsch aus). Ich habe Ihren Sohn vernommen, weil Zeugen haben berichtet, dass Ihr Sohn keine Erste Hilfe geleistet hat und sich vom Unfallort 250 Meter weit entfernt hat.
Eberl: Das auch noch, Unfallflucht! Um Gottes willen. Ich habe jetzt nicht verstanden, wo ist denn das passiert?
Anrufer: Wo genau, kann ich Ihnen jetzt erst mal nicht sagen, weil von der Verkehrspolizei die Kollegen noch am Unfallort ermitteln. Ich muss Datenschutzrichtlinien hier einhalten. Ich kann Ihnen sagen, wo Ihr Sohn gerade bei der Polizei ist und in welchem Amtsgericht er heute noch vorgeführt wird, Herr Ebel. Haben Sie was zum Schreiben da?
Eberl: Ja, Moment, ich bin jetzt ganz durcheinander. Um Gottes willen.
Anrufer: Wir sind gerade in Augsburg. (…) Er wird im Amtsgericht in Augsburg heute noch vorgeführt. Da wird gegen Ihren Sohn ermittelt wegen einer fahrlässigen Tötung. Erst mal noch in einem Fall, wenn das kleine Mädchen das auch nicht überleben wird, wird das wahrscheinlich in zwei Fällen erfolgen. Der leitende Staatsanwalt ist der Herr Dr. F. (Name abgekürzt). Mit ihm werden Sie im Nachhinein auch noch mal sprechen müssen, ja?
Eberl: Ja.
Anrufer: Das ist der Oberstaatsanwalt Herr Dr. F. (…) Ich habe mit Ihrem Sohn gesprochen, wie der Unfall überhaupt zustande kam. Da hat er mir mit Tränen in den Augen geschildert, dass er versucht hat zu bremsen, es aber leider Gottes schon zu spät war. Er hat eine kleine Millisekunde einfach nicht aufgepasst. Er meinte, er hat einen Anruf bekommen. Er wollte rangehen. Ja, es war ein wichtiger Anruf. Er hat nicht aufgepasst. (…) Ich habe ihn auch gefragt, wieso er sich vom Unfallort entfernt hat. Da meinte er zu mir, er hat so viel Blut gesehen und wollte einfach Hilfe rufen. Er wusste einfach nicht, wie er mit solch einer Situation umgehen soll.
Eberl: Ja, furchtbar.
Anrufer: Ja, ganz schrecklich. (…) Ich habe Ihrem Sohn versprochen, dass ich alles Erdenkliche für ihn tun werde, was in meiner Macht steht, dass er heute entlassen wird. Ich hab’ im Strafregister nachgeschaut. Ihr Sohn hat keine Vorstrafen. Er hat eine weiße Weste.
Eberl: Ja, wir haben gut erzogen.
Anrufer: Er hat einen festen Wohnsitz in Deutschland, ist ein deutscher Staatsbürger. (…) Ich habe mit dem Staatsanwalt gesprochen, ob es die Möglichkeit nach Paragraf 36 Absatz 4 (…) gibt, dass Ihr Sohn erst mal nicht in Untersuchungshaft kommt. (…)
Eberl: Wenn Sie das für uns machen, ja, das war super.
Anrufer: Ja, Herr Ebel, ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, dass Ihr Sohn entlassen wird (…) Der Staatsanwalt meinte zu mir, es würde die Möglichkeit geben, jedoch durch eine Auflage. Die erste Auflage wäre, er müsste sich zweimal die Woche bei der nächstgelegenen Polizeiwache in seiner Nähe melden und Haftdienst leisten. (…)
Eberl: Er hat aber kein Geld. Also, mein Sohn hat kein Geld. Wie machen wir das?
Anrufer: Es müsste hier jemand hierher kommen, der den festen Wohnsitz vom Herrn Ebel, Alexander Josef, bestätigt, ja?
Eberl: Ja.
Anrufer: Das würde funktionieren. Wenn Sie heute zum Amtsgericht kommen, den festen Wohnsitz bestätigen. Jedoch, ja, es gibt ein riesengroßes Problem. Der Haftrichter hat hier eine Sicherheit beantragt, die hinterlegt werden müsste beim Amtsgericht in Augsburg, die dafür da ist, dass eben keine Fluchtgefahr gegen den Alexander besteht und dass er an dem Gerichtstermin zu 100 % da sein wird. Eine Sicherheit ist gemeint, eine sogenannte Bürgschaft. (…) Das ist eine Kurzzeitkaution, die hier sichergestellt wird für drei Tage, die Sie dann aber wieder zurückbekommen. (…) Ich habe mit dem Alexander drüber gesprochen. Da meinte er, ich würde hier gerne meinen Papa und meine Mama hier als Kautionssteller angeben. Das wäre meine Frage an Sie, Herr Ebel: Wären Sie in der Lage, für Ihren Sohn heute ein Kautionssteller zu sein?
Eberl: Ja, durchaus. Um wie viel Geld geht‘s denn da?
Anrufer: Um wie viel es geht, weiß ich nicht ganz genau. Aber ich kann Ihnen sagen, bei den meisten Todesdelikten handelt es sich um meistens um einen Mindestbetrag von 50.000 Euro.
Eberl: 70.000 Euro?
Anrufer: 50.000 Euro. Sie müssen bedenken, mit den 50.000 € werden Sie jetzt auch kein Menschenleben mehr wiederherstellen können? Herr Ebel, wenn Sie mir jetzt sagen, Sie wären in der Lage, das heute zu hinterlegen, dann muss ich Sie mit dem Staatsanwalt verbinden, mit dem Herrn Dr. F. Der macht einen Termin mit Ihnen aus und dann zahlen Sie das hier ein, bekommen eine Quittung mitgegeben. Und ein Aktenzeichen, womit Sie Ihre Kaution wieder zurückbekommen.
Eberl: Was müssen wir da jetzt machen?
Anrufer: So, Herr Ebel, ich habe mit dem Alexander gesprochen. Er meinte zu mir, Sie haben immer etwas auf dem Sparbuch zu Hause, damit Sie ja aushelfen könnten. Stimmt das denn?
Eberl: Wir haben kein Geld zu Hause, aber ich habe natürlich ein Sparbuch.
Anrufer: Okay. Herr Ebel, ich glaube, von der Bank bekommen Sie so einen hohen Betrag heute nicht mehr ausgezahlt, ja? (…)
Eberl: Also wir sind momentan total überfordert. Ich muss erst mit meiner Bank Verbindung aufnehmen. Entschuldigung.
Anrufer: Es gibt eine andere Variante, ja. Es gibt auch eine Variante, die ich Ihnen hier nennen könnte, weil der Alexander hat das hier angekreuzt, dass Sie so was dahätten. Bei jedem Amtsgericht gibt es einen Wertbegutachter, der dafür da ist, bei Wertgegenständen den Wert einzuschätzen. Tragbare Wertgegenstände, die werden lediglich fotografiert, protokolliert, und die bekommen Sie dann heute am gleichen Tag wieder mit nach Hause gegeben. Hätten Sie so was wie Antiquitäten, Briefmarken, Gold?
Eberl: Na, na, haben wir nicht.
Anrufer: Es gibt auch die Möglichkeit, dass die Mama Wertgegenstände hätte, wie Goldmünzen, Goldbarren oder Goldschmuck?
Eberl: Na, haben wir leider nicht. Wir täten es jetzt hergeben, aber das haben wir nicht. (…)
Anrufer: Hätten Sie denn was auf dem laufenden Girokonto, Herr Ebel?
Eberl: Am Girokonto ist das Haushaltsgeld, was man für die Rente so kriegt.
Anrufer: Vom Sparbuch werden Sie das ganz sicher nicht ausgezahlt bekommen, ja?
Eberl: Ich habe keine Ahnung, die Bank hat bei uns feste Geschäftszeiten. Angelika, hat die Bank jetzt auf? Sie bringen mich jetzt total durcheinander. … Wissen Sie, was wir jetzt machen? Sie haben jetzt lauter Scheiß verzählt! Ich bin ehemaliger Polizeibeamter, und auf so einen Anruf habe ich schon lange gewartet. Wenn ich Sie jetzt durchs Telefon durchziehen kann, dann tat I des macha! Ein bisschen kennen wir uns aus. Sie können uns nicht für blöd halten.
Anrufer:Flucht und legt auf.