Die großen Geheimnisse des Alterns

von Redaktion

Sarah Knauss (USA, 1880–1999) wurde 119. Links als 17-Jährige. © Gerontology Wiki

Kane Tanaka aus Japan (1903–2022) wurde 119. Im kleinen Bild als junge Frau im Jahr 1923. © imago/Gerontology Wiki

Die Französin Jeanne Calment (1875–1997) ist mit 122 Jahren die nachweislich älteste Frau der Geschichte. Das kleine Foto zeigt sie als junge Frau. Rechts der älteste Mann: Der Japaner Jiroemon Kimura (1897–2013) wurde 116. Das kleine Bild zeigt ihn als Bub. © imago/wiki

München – Die Lebenserwartung der Deutschen hat sich in den vergangenen 150 Jahren mehr als verdoppelt. Ende des 19. Jahrhunderts wurden Männer im Schnitt 35,6 und Frauen 38,5 Jahre alt. Heute erreichen Männer 78,5 und Frauen 83,2 Jahre. Damit platziert sich die Spezies Mensch unter den Landsäugetieren in den Top Ten. Es gibt aber viele Lebewesen (Artikel unten), die sehr viel älter werden als der Mensch.

Seit 2010 steigt unsere Lebenserwartung langsamer an, während der Corona-Pandemie sank sie sogar. Künftig sei wieder mit leichten Anstiegen zu rechnen, sagt Professorin Anne Schäfer, Leiterin des Max-Planck-Instituts für Biologie des Alterns. „Da ist noch etwas Spielraum, vor allem, wenn wir es schaffen, wirksame Mittel gegen die hauptsächlich im Alter auftretenden neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson zu entwickeln.“ Am Höchstalter gibt es nach derzeitigem Stand hingegen wenig zu rütteln. Mit einer „unantastbaren Betonwand“ vergleicht Anne Schäfer diese Grenze von 120 bis 122 Jahren.

Aber warum altern wir überhaupt? Die Frage ist so alt wie die Menschheit selbst, eindeutige Antworten gibt es noch nicht, weder in der Philosophie, noch in der Medizin oder Biochemie. „Das Altern ist etwas, was wir nicht verhindern können und das alles betrifft, was uns umgibt“, sagt Schäfer. „Auch Galaxien und Sterne altern.“ Hier vereine sich die Alternsforschung mit der Physik und der Biologie. Es gelte das zweite Gesetz der Thermodynamik: Isolierte Systeme bewegen sich Richtung Unordnung.

Unordnung – so lässt sich auch der Alterungsprozess beim Menschen beschreiben. „Wir sehen, dass es in unserem Körper, in den Geweben und Zellen, zu Zusammenbrüchen und Mutationen kommt, die sich mit zunehmendem Alter anhäufen.“ Dieser Verlust an Organisation im Körper ist, wenn man so will, der Alterungsprozess – der chaotisch verläuft. Es gibt nicht das eine Organ, das zuerst altert, oder ein bestimmtes Areal im Gehirn, das zuerst den Geist aufgibt. Der Alterungsprozess sei so diffus und individuell, sagt Schäfer, dass es den Wissenschaftlern schwerfalle, den Finger daraufzulegen, was diesen Prozess konkret auslöse.

Dennoch: Die Alternsforschung macht große Fortschritte. So wurde die epigenetische Uhr entdeckt (siehe Kasten), mit deren Hilfe sich das biologische Alter von Zellen und Geweben sehr exakt bestimmen lässt. Das biologische Alter kann erheblich vom kalendarischen (chronologischen) Alter abweichen. Wir altern individuell, weil wir unterschiedliche Gene, unterschiedliche Kindheiten, Krankheiten und Lebensweisen haben. „Unser Leben hinterlässt Spuren im Körper“, sagt Schäfer. Deshalb kann ein Mann, laut Geburtsurkunde 50 Jahre alt, epigenetisch erst 40 Jahre alt sein. Es werde viel geforscht, einzelne epigenetische Marker zu identifizieren, die alternsfördernd oder- hemmend wirken, sagt Schäfer. Möglicherweise lasse sich die epigenetische Uhr auch ein kleines Stück zurückdrehen. „Ob wir dadurch länger leben oder länger gesund bleiben würden, wissen wir aber noch nicht.“

Es gibt Substanzen, die in der Forschung als lebensverlängernd diskutiert werden, zum Beispiel das Diabetesmittel Metformin. Auch die gezielte Verlängerung der Telomere, der Schutzkappen an den Enden der Chromosomen, wird in Betracht gezogen. Die Aminosäure Taurin und das Polyamin Spermidin stehen ebenfalls im Ruf, das Leben verlängern zu können. Wie diese vermeintlichen Wunderstoffe tatsächlich, vor allem langfristig, im Körper wirken, ist aber noch unklar. Was die Alternswissenschaft weiß, ist, dass bestimmte Faktoren beeinflussen, wie gesund wir bleiben und wie alt wir werden. Die Gene spielen eine große Rolle. Es gibt Familien, deren Mitglieder werden überdurchschnittlich alt, so auch einige Angehörige der französischen Altersrekordlerin Jeanne Calment, die 122 Jahre erreichte. Ihr Vater wurde 92, ihr Bruder 97. Die Wissenschaft kennt mittlerweile 150 genetische Varianten, die bei Hochbetagten häufig vorkommen. Laut einer aktuellen Studie haben Gene bis zu 55 Prozent Einfluss darauf, wie alt wir werden.

Aber gute Gene nützen nichts bei ungesunder Lebensweise. „Wir können selbst beeinflussen, wie wir altern“, sagt Schäfer, die beim Thema Altern zur Gelassenheit rät. „Wir haben im Alter mehr Wissen und Erfahrung, gewinnen an Weitblick, und wir werden weiser.“ Von daher sei das Älterwerden doch auch etwas Schönes.

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