Missbrauch: Eine Mutter klagt an

von Redaktion

Annas Mutter (links) will anonym bleiben, hat auch das Buch unter einem Pseudonym geschrieben. Oben drei der Angeklagten am Gericht. © Stephanie Angerer

Tatort Wien: Hier ein Blick auf die Altstadt. © imago

München/Wien – In ihrem Kinderzimmer, zwischen Postern und Plüschtieren, verrät Anna (Name geändert) ihrer Mutter ein Geheimnis. Was sie schildert, ist bestürzend und eigentlich viel zu erwachsen, um aus dem Mund eines 13-jährigen Mädchens zu kommen: Mit leiser, stockender Stimme erzählt sie von sexuellen Handlungen – in Parkhäusern, Hotelzimmern oder leer stehenden Wohnungen mit mindestens zehn älteren Jugendlichen.

Gegenüber unserer Zeitung erinnert sich Annas Mutter an diesen Tag im Oktober 2023: „Ich musste eine Mauer vor mich ziehen, sonst wäre ich in diesem Zimmer zusammengebrochen.“ Um das Trauma zu verarbeiten, hat die Wienerin unter dem Pseudonym Sophie N. das Buch „Anna: Die wahre Geschichte meiner Tochter“ (Verlag Edition) geschrieben.

Der „Fall Anna“ ging vergangenes Jahr durch die österreichischen Medien. Zugleich startete ein Prozess gegen zehn Angeklagte. Der Vorwurf: Sie sollen die damals Zwölfjährige im Frühjahr 2023 in ihrer sexuellen Selbstbestimmung verletzt haben. Nach dem Urteil am 26. September war der Aufschrei groß: Alle zehn wurden freigesprochen. Das Landesgericht Wien erklärte laut „Standard“, die Aussagen des Mädchens seien „mit so vielen Widersprüchen“ behaftet gewesen, „dass es nicht möglich war, zu einem Schuldspruch zu kommen“.

Das Gericht sah es nicht als bewiesen an, dass die zehn Buben mit Migrationshintergrund Anna durch Druck, Drohungen oder Gewalt zu sexuellen Handlungen gezwungen hatten. Eine Freundin des Mädchens trug mit ihrer Zeugenaussage zu diesem Eindruck bei: Zwar habe Anna ihr von sexuellen Handlungen erzählt, aber nicht von Zwang. Das Beweisverfahren, so das Gericht, habe deshalb „ganz klar zu einem Freispruch geführt“.

Annas Mutter sieht das ganz anders. In ihrem neuen Buch spricht die Krankenpflegerin ausdrücklich von Missbrauch, prangert ein Versagen der österreichischen Justiz an. Die bemängelten Widersprüche in Annas Aussagen ließen sich dadurch erklären, dass in ihrer ersten Stellungnahme gegenüber der Polizei viele Details nicht thematisiert wurden, in den längeren Gesprächen im Vorfeld des Prozesses hingegen schon. Warum Anna manches also nicht schon früher erzählt hatte? „Die Antwort war einfach: Weil sie nicht gefragt worden war“, schreibt ihre Mutter.

Schonungslos protokolliert die Wienerin den stillen Strudel der Gewalt, in den Anna durch eine scheinbar harmlose Schwärmerei gerät: Die Zwölfjährige verknallt sich im Januar 2023 in einen zwei Jahre älteren Buben. Die beiden treffen sich im Helmut-Zilk-Park und tauschen Snapchat-Infos aus. Bei einem Treffen nimmt er Anna mit in ein Parkhaus. Dort kommt es zum Oralsex. Der Bub erzählt seinen Freunden davon – die zwingen Anna ebenfalls zu sexuellen Handlungen, ansonsten würden sie in der Schule allen erzählen, „was für ein Mädchen sie ist“.

Das Ganze schaukelt sich immer weiter hoch. Am 21. April 2023 wird Anna in das Zimmer eines billigen Hotels gebracht, wo mindestens zehn Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren nacheinander mit ihr schlafen. Danach traut sich die Zwölfjährige nicht nach Hause zu ihrer Mutter, die sie verzweifelt sucht und bei der Polizei als „abgängig“ gemeldet hat. Denn Anna hat die Schule geschwänzt, um die Jungen zu treffen, und befürchtet, Ärger zu bekommen. Stattdessen flieht sie zu einer Freundin der Mutter, trinkt fast zwei Liter Wasser und schläft sofort ein. Über das, was im Hotel vorgefallen ist, verliert sie kein Wort.

Das ändert sich erst, als sie mit einem anderen Jungen zusammenkommt. Ihm erzählt sie von den Vorfällen, er ermutigt sie, ihre Mutter einzuweihen. Doch damit endet auch schon das Positive an Amir, wie er im Buch heißt. Das traumatisierte Mädchen himmelt den älteren Jungen an, ist hörig. Das nutzt Amir aus, um Anna von ihrer Familie zu isolieren. Wenn sie nicht bei ihm ist, überhäuft er sie mit vorwurfsvollen Nachrichten. Mehrmals holt er sie heimlich aus ihrem Kinderzimmer, damit sie die Nacht bei ihm verbringen kann. Schließlich wird Anna mit 13 schwanger, muss an Weihnachten 2023 eine schmerzhafte Abtreibung durchmachen.

Nur wenige Monate später beginnen bereits die Prozessvorbereitungen. Während Anna sich weinend durch ihre Aussagen quält, gehen die Angeklagten deutlich lockerer damit um. Österreichische Medien berichten von grinsenden Gesichtern im Gerichtssaal. Anna hingegen treffen die Folgen mit voller Wucht. Es ist sie, die zitternd und hyperventilierend in den Armen ihres Bruders zusammenbricht, als sie einen der Jungen zufällig bei McDonald’s sieht. Es ist sie, die aus Angst, einer der Beteiligten könnte ihre Identität in den Kommentaren preisgeben, nicht wie andere Mädchen in ihrem Alter Videos auf TikTok posten kann. Es ist sie, die das Gefühl hat, etwas falsch gemacht zu haben.

Dass ihre Tochter sich als Zwölfjährige freiwillig in eine Situation begeben hätte, „die selbst jede erwachsene Frau in Schrecken versetzen“ würde? Dagegen wehrt sich Sophie N. in ihrem Buch. Sie prangert eine Täter-Opfer-Umkehr an: „Ich musste Anna nach dem Prozess das Gefühl geben, dass sie keine Schuld trägt. Das wäre eigentlich Aufgabe des Systems gewesen“, sagt sie unserer Zeitung. Erklärungen von Richtern und Gerichtssprechern wie „Es passiert oft, dass ein Nein durch Zärtlichkeit zu einem Ja wird“, seien für sie als Mutter unerträglich. Was meinten sie denn mit Zärtlichkeit? Eine Hand am Hinterkopf? Eindringliches Betteln? Die Drohung, Annas Nacktfotos zu verbreiten?

Anna, die immer so gerne am Küchentisch mit ihrer Mutter tratschte und leidenschaftlich ihre Meinung vertrat, verschließt sich nach diesen harten Monaten komplett. Ihre Mutter schreibt: Die Jugendlichen „hatten so lange weitergemacht, bis die Sprache erstarb, der Wille brach und Anna sich an einen weit entfernten Punkt zurückzog, von dem sie fast nicht mehr zurückgefunden hätte“. Heute ist ihre Tochter 15, geht auf eine neue Schule, hat einen stabilen Freundeskreis. Doch Sophie N. befürchtet, es werde viele Momente in Annas Leben geben, in denen alles wieder aufbrechen könnte: die erste große Liebe, der Wunsch nach einem Kind oder eine Schwangerschaft. „Für Anna ist dieses ganze Thema für immer belastet.“

Erst im März standen mehrere der Angeklagten erneut unter Verdacht, eine Zwölfjährige zu sexuellen Handlungen genötigt zu haben. Die „Kronen-Zeitung“ zitiert aus Chatnachrichten, in denen die Jugendlichen sie unter Druck setzen: „Willst du unbedingt in einer Mülltonne tot aufgefunden werden, in kleinen Stücken?“ Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt. Die Staatsanwaltschaft Wien sieht keine Verurteilungswahrscheinlichkeit.

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