1958: Die Hausratabteilung.
Bei Suckfüll gab es noch offen Schrauben und Nägel.
50 Jahre: 1982 feierte Suckfüll ein rundes Jubiläum.
Eine Ladenansicht aus den 1970er-Jahren. © privat (4)
Großvater Karl gründete das Geschäft, jetzt ist es vorbei: Wolfgang Suckfüll steht in seinem Laden an der Münchner Türkenstraße. Die runden Bilder zeigen den Traditionsbetrieb heute und im Jahr 1934. © Oliver Bodmer, privat (2)
München – Großvater Karl gründete das Geschäft. Sein Enkel Wolfgang (62) wird es für immer schließen. Ende Juli ist Schluss bei Suckfüll – nach 94 Jahren. „Diese Entscheidung ist uns alles andere als leichtgefallen“, sagt Wolfgang Suckfüll, der das Unternehmen in dritter Generation führt. Im Dezember habe er entschieden, den Laden zuzusperren. „Da lagen die Zahlen vom Weihnachtsgeschäft auf dem Tisch.“ Und die waren schlecht. Wie seit Längerem schon.
Seit Jahren kämpfte Suckfüll mit sinkenden Umsätzen– aber auch mit Bürokratie, Baustellen und immenser Konkurrenz durch große Ketten und aus dem Internet. Vor ein paar Jahren stand der Laden schon vor dem Aus. „Die große Katastrophe für uns war Corona“, sagt Suckfüll. „Das hätte uns fast die Existenz gekostet.“ Er nahm privates Geld in die Hand, um das Familienunternehmen mit damals 20 Angestellten zu retten. Das tut er heute nicht mehr, denn es wäre aussichtslos: „Es rechnet sich nicht mehr. Die Kosten sind zu hoch, der Laden ist defizitär.“
Nach 94 Jahren hat sich die Welt zu stark verändert
In 94 Jahren veränderte sich die Welt oft: Zweiter Weltkrieg, Wiederaufbau, Aufschwung in den 70ern. Und auch Suckfüll veränderte sich: Die Familie modernisierte, wechselte Ladenfronten, das Logo – blieb aber immer fester Bestandteil der Maxvorstadt, mit vielen Stammkunden aus der Nachbarschaft, München und dem Speckgürtel. Vorbei. „Heute werden die Grundsortimente des Hausrat- und Eisenwarenhandels auch bei allen Discountern, Möbelhäusern, in Baumärkten und im Lebensmittelhandel angeboten“, sagt Wolfgang Suckfüll. „Selbst Bürobedarfsfirmen verkaufen mittlerweile Werkzeug.“
Laut einer Studie der Unternehmensberatung BBE gehören Haushaltswaren, Eisenwaren und Do-it-yourself „zu den am stärksten vom Strukturwandel betroffenen Bereichen des deutschen Einzelhandels.“ Die Nachfrage sei grundsätzlich stabil, verschiebe sich aber „deutlich in Richtung großflächiger, digitaler und preisaggressiver Anbieter“. Kunden kauften zunehmend online, legten weniger Wert auf Beratung. Derweil steigen laut BBE die Kosten für kleinere Fachgeschäfte wie Suckfüll – für Miete, Energie, Personal und Logistik. „Gleichzeitig sinken Margen durch starken Preiswettbewerb.“
Suckfüll macht die Stadt für die Schließung mitverantwortlich. Die habe ihm viele Kunden vergrault: „Früher war die Türkenstraße eine florierende Geschäftsstraße mit einem attraktiven Branchenmix – heute ist da fast nur noch Gastronomie.“ Handwerker seien längst nicht mehr da, „dadurch fehlten wesentliche Umsatzanteile“. Parken könne man vor seinem Geschäft auch nicht mehr: „In der Türkenstraße zwischen Theresien- und Schellingstraße haben wir fünf Schanigärten. Außerdem gab es in der direkten Nachbarschaft über die letzten 26 Jahre fast ohne Pause eine Baustelle nach der anderen. Von März bis September 2025 war die Zufahrt von der Gabelsbergerstraße zur Türkenstraße wegen einer Baustelle zu, wobei dort über drei Monate überhaupt nicht gearbeitet wurde – dabei ist das die Hauptzufahrt, wenn man von Westen kommt.“
Auch das letzte Weihnachtsgeschäft war ein Reinfall. Da sei an allen vier langen Samstagen die Stammstrecke gesperrt gewesen. „Aus dem Umland kam niemand mehr mit der S-Bahn nach München. Und das mitten in der Vorweihnachtszeit, die für den Einzelhandel die wichtigste im Jahr ist. Da langt man sich ans Hirn.“
An diesem Donnerstag endet der normale Verkauf bei Suckfüll. „Wir haben vom 1. bis 5. Mai geschlossen und bauen um“, sagt er. „Am 6. Mai beginnt der Räumungsverkauf.“ Wolfgang Suckfüll will nur noch sein Zweitgeschäft weiterführen: den Einbau von elektronischen Zutrittskontrollsystemen, Schließanlagen, Briefkasten- und Klingelanlagen. 13 von 16 Mitarbeitern müssen gehen. Das Haus gehört ihm, er sucht einen Nachmieter für die Geschäftsräume.
Um die Nachfolge braucht sich Wolfgang Suckfüll nun auch nicht mehr zu kümmern – seine Tochter (21) und sein Sohn (20) wollten das Geschäft ohnehin nicht weiterführen, sagt er. „Ich hätte es ihnen auch nicht geraten. Der Einzelhandel hat so keine Zukunft. Schon gar nicht in München.“