Handwerk bis Hightech: Vier Familiengeschichten aus Bayern

von Redaktion

Der Herr der Seile: Peter Weiß aus Flintsbach. © privat

Roland Schreiner leitet den Familienbetrieb heute. © S.G.

Hat das Handwerk von klein auf gelernt: Hutmacherin Marietta Golle-Leidreiter aus Tegernsee. © privat

Erfolgreiche Bäckerfamilie: Werner (von links), Angelika, Theresa und Raphael Nau. © Andreas Mayr

München – Für einen Hut benötigt Marietta Golle-Leidreiter vier bis fünf Stunden Arbeitszeit. Ganz genau kann sie es aber nicht sagen. Denn der Prozess ist von vielen Trocknungsphasen unterbrochen. Die 36-Jährige entschied sich vor zwei Jahren, den Familienbetrieb Hut Schätz am Tegernsee zu übernehmen – urkundlich seit 1879 belegt. Golle-Leidreiter studierte Modedesign – und entdeckte danach das Geschäft ihrer Mutter aus einer neuen Perspektive. „Es ist ein sehr kreativer handwerklicher Beruf, bei dem man auch immer mit Menschen zu tun hat.“

Die Branche sei zwar kleiner geworden, sagt die Hutmacherin. Aber sie bemerke, dass das Interesse an dem alten Beruf wieder wachse. Nur: „Es gibt keine Ausbildung mehr zum Hutmacher, weil die Innung sich schon in den 1970er-Jahren aufgelöst hat.“ Die junge Frau lernte die Handgriffe schon von klein auf, saß bei ihrem Opa in der Werkstatt, machte Hausaufgaben, während ihre Oma neben ihr Schnurhüte nähte. „Man muss Engagement zeigen, aber wir haben als Nische einen großen Vorteil.“

Familienbetriebe werden in Bayern weniger. Einer Studie des bayerischen Wirtschaftsministeriums zufolge waren es 2019 noch rund 547.000. Ein großes Problem: die Nachfolge. „Tendenziell ist zu beobachten, dass es schon lange nicht mehr selbstverständlich ist, dass Kinder das Lebenswerk ihrer Eltern, Großeltern, Urgroßeltern fortführen“, sagt ein Sprecher der IHK.

Werner Nau (61) hat Glück. Seine Kinder haben die Handwerksbäckerei in Grunertshofen (Kreis Fürstenfeldbruck) in fünfter Generation übernommen. Die Tochter hat Blechblasinstrumentenbauerin gelernt, der Sohn war Automobilkaufmann. Dann beschlossen beide, Konditor und Bäckermeister zu lernen und in den Betrieb zurückzukommen. „Bäcker sein ist Leidenschaft“, sagt Werner Nau. Und: „Man sieht immer, was man geschaffen hat.“ Um Mitternacht aufstehen, um 9 Uhr in der Früh Feierabend. „Trotzdem haben wir oft mehr Zeit für die Familie als in anderen Berufen.“ Bäcker? „Krisensicher“, sagt der 61-Jährige. Mittlerweile hat der Familienbetrieb Filialen in Grunertshofen, Fürstenfeldbruck, Mammendorf, Türkenfeld und Geltendorf und beliefert Schulen.

Margarete und Theodor Schreiner gründeten vor 75 Jahren in München ihre Firma „M. Schreiner – Spezialfabrik für geprägte Siegelmarken und Etiketten“. Es begann in einer 45 Quadratmeter großen Garage. Kurz darauf führten sie eine wichtige Innovation ein: selbstklebende Etiketten. Zuvor mussten alle Etiketten mit Nassleim angebracht werden. Die Firma wuchs, hat heute 160 Mitarbeiter. Mittlerweile sitzt mit Roland Schreiner die dritte Generation im Chefsessel. Seit 1993 ist der Hauptsitz in Oberschleißheim und hat sich zum Hightech-Unternehmen gemausert, das hauptsächlich Etiketten für die Automobil- und Pharmaindustrie herstellt. Produziert wird inzwischen auch in den USA und in China.

Peter Weiß aus Flintsbach im Kreis Rosenheim ist traditioneller unterwegs. Er ist einer der ganz wenigen, die das alte Handwerk des Seilers noch praktizieren. Leben kann er davon nicht mehr. „Die meisten Seile werden heute industriell hergestellt“, sagt er. Früher waren Seiler hoch angesehen, denn ihre Produkte waren wichtig für die Inn-Schifffahrt. Vom Ufer aus zogen starke Rösser mit den Seilen die Schiffe. Der Familienbetrieb besteht mindestens seit 1862. Weiß ist seit 1982 in fünfter Generation dabei, übernahm vom Vater. Er arbeitet mit Geräten, die teilweise noch aus dem Jahr 1908 stammen. Immer wieder schauen Schulklassen vorbei, um Peter Weiß zuzuschauen. „Es wäre schade, wenn so ein altes Handwerk ganz verschwinden würde“, sagt der 58-Jährige. Trotz der Leidenschaft musste er sich ein zweites Standbein aufbauen. Er montiert Seile auf der ganzen Welt und ist häufig im Einsatz, wenn Seilbahnen in Fahrt gebracht werden.MARIE-THERES WANDINGER

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