Vicky Leandros auf der Bühne eines ihrer Konzerte. © Wilde
Er wird für Israel antreten: der Sänger Noam Bettan.
„Musik als Brücke“, nicht als Bühne für Polit-Streit: Sängerin Vicky Leandros spricht im Interview mit unserer Zeitung über den ESC. Vicky Leandros 1967 in Wien: Am Dienstag steht sie dort wieder auf der Bühne. © People Picture/jens Hartmann, Scheidl
München/Wien – Es sollte ein glanzvolles Fest zum 70. Jubiläum des ESC werden, doch statt Party gibt es seit Wochen Proteste. Selten war ein Eurovision Song Contest politisch so aufgeladen: Weil Israel antritt, boykottieren Irland, Island, die Niederlande, Slowenien und Spanien den Wettbewerb. Grund: das militärische Vorgehen Israels in Gaza. Der Streit überschattet die Veranstaltung, die eigentlich eine musikalische Brücke bilden soll. Eine, die den ESC seit Jahrzehnten kennt, ist Vicky Leandros, deren Karriere mit dem Eurovision Song Contest startete: 1967 trat sie mit dem Song „L’amour est bleu“ an, 1972 gewann sie für Luxemburg den Wettbewerb. Am Dienstag kehrt sie zurück! Die 73-Jährige singt im ersten Halbfinale (20.15 Uhr, ARD One) eine Neuinterpretation ihres Welthits „L’amour est bleu“. Zu dem Streit und dem Boykott bezieht der Weltstar jetzt in unserer Zeitung klar Stellung.
Wie ist das Gefühl für Sie, nach mehreren Jahrzehnten zum ESC zurückzukehren?
Nach so vielen Jahren zum Eurovision Song Contest zurückzukehren – noch dazu nach Wien, wo für mich 1967 mit „L’amour est bleu“ alles begann – ist ein wunderbares Gefühl und auch ein emotionaler Moment. Ich war damals gerade 15 Jahre alt. Der „Grand Prix Eurovision de la Chanson“, wie er seinerzeit hieß, hat mir viele Türen geöffnet. Es war der Beginn meiner internationalen Karriere. Dafür bin ich bis heute dankbar.
Wie hat sich der ESC verändert?
Als ich 1972 den ESC mit „Après toi“ für Luxemburg gewonnen habe, stand ich in Edinburgh vor ein paar silbernen Lamettafäden auf der Bühne! (lacht) Heute ist der ESC eine gigantische Produktion mit beeindruckender Technik, spektakulären Lichtshows und kreativen Inszenierungen, die es früher so nicht gab. Der ESC hat über die Jahre eine enorme Entwicklung durchgemacht.
Was ist besser, was ist schlechter geworden?
Früher hatte man, wenn man den Wettbewerb gewonnen hat, eine Garantie, dass dieser Song zumindest in ganz Europa auf Platz 1 ist und sich millionenfach verkauft. Heute ist die Musikwelt viel schnelllebiger geworden. Durch Streaming gibt es ständig neue Trends und neue Gesichter. Deshalb ist ein ESC-Sieg heute nicht mehr automatisch eine Garantie für eine internationale Karriere.
Einige Länder boykottieren den ESC aufgrund der Teilnahme von Israel. Was halten Sie davon?
Es steht mir nicht zu, die Entscheidungen einzelner Teilnehmer zu kommentieren. Als ich 1973 – im Jahr nach meinem Sieg bei der Eurovision – die Siegertrophäe überreicht habe, hat Israel erstmals am Grand Prix teilgenommen. Israel ist ein Land mit einer langen ESC-Tradition, hat über all die Jahre große musikalische Erfolge gefeiert und ist für mich als Künstlerin aus dem Wettbewerb nicht wegzudenken!
Kann denn eine Veranstaltung wie der Eurovision Song Contest überhaupt unpolitisch sein?
Ja, denn beim ESC geht es um Musik, um die beste Komposition und die beste Interpretation. Wir sollten nicht vergessen, wofür der Eurovision Song Contest eigentlich steht: Der ESC ist ein musikalisches Weltereignis, das durch die Musik Menschen, Länder und ihre Kulturen miteinander verbindet. Gerade in politisch schwierigen Zeiten sollte Musik eine Brücke sein und kein weiteres Feld zur Austragung politischer Konflikte.
Wie sollen sich die Künstler verhalten?
Es gibt genug Medien auf der Welt, in denen sich Künstler das ganze Jahr über politisch äußern können. Das muss nicht beim ESC stattfinden.
Was werden Sie am Dienstag auf der Bühne tragen?
Es wird Gold. Mehr verrate ich nicht!