„Bühne auch für Protest“: Dragqueen Verka Serduchka beim ESC 2019 © Henrik Montgomery/TT/dpa
Wien – Er wünsche sich eine Austragung des Wettbewerbs „ohne Israel“. Schließlich sei das Land gleichermaßen „Aggressor“ in einem Krieg wie Russland. Mit dieser Aussage sorgte der österreichische Sänger Johannes Pietsch, alias JJ, vor gut einem Jahr für Aufregung. Es war kurz, nachdem er in Basel den Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen hatte und den größten Musikwettbewerb der Welt nach Wien holte. Damit gab er den Startschuss für eine politisch hoch geladene Show.
„Vielleicht wird Wien in diesem Jahr ungewollt zum Testfall“, sagt die österreichische Medienethikerin Claudia Paganini. Ob ein Unterhaltungsevent, das sich auf politische Neutralität beruft, unter den Bedingungen realer Kriege und Menschenrechtskonflikte überhaupt noch als unpolitisch inszeniert werden kann? Die Professorin an der Uni Innsbruck hat Zweifel. „In so einer Situation ist jedes Detail bedeutungsschwer. Europa und die internationale Öffentlichkeit werden sehr genau darauf achten, was in Wien passiert, vor allem, was den Umgang mit Protest, Sicherheitsfragen, Symbolen, Moderation und publizistischer Rahmung betrifft.“
Das Sicherheitsaufgebot während der ESC-Woche ist jedenfalls groß. 16.000 Personen, die in die Organisation involviert sind, wurden polizeilich überprüft. Wer in die Wiener Stadthalle oder die Public-Viewing-Zonen will, muss Kontrollen wie auf dem Flughafen durchlaufen. Drohnen sind verboten.
Für den Finaltag am 16. Mai haben Israel-Kritiker eine Demo mit rund 3000 Teilnehmern angekündigt. Sie werfen den ESC-Veranstaltern eine „Legitimation des Völkermords“ vor. Lange wurde auch in der Alpenrepublik über Israels Teilnahme diskutiert. Manche Beobachter argumentierten, dass ein Wiener ESC unter Ausschluss Israels „unmöglich“ wäre, wobei sie sich auf Österreichs antisemitische Vergangenheit bezogen.
Kurz vor Beginn der ESC-Woche ab 12. Mai riefen 1100 Musiker dazu auf, den israelischen Sender Kan vom ESC auszuschließen. In Wien, das seit Jahrzehnten enge Beziehungen zu Israel pflegt, ringt man indes darum, die Politik für eine schillernde Show auszublenden. „Unsere Rolle ist die des neutralen Gastgebers“, antwortete der ORF. Angeheizt wird die Stimmung durch den Boykott mehrerer Länder: Spanien, Irland, Slowenien, die Niederlande und Island werden wegen Israel keinen Vertreter nach Wien schicken.
Kaum überrascht über den Streit ist Historikerin Monika Sommer. Die Direktorin des Hauses der Geschichte Österreich (hdgö) sagt: „Der Kulturbetrieb ist mindestens so polarisiert wie andere gesellschaftliche Bereiche.“ Ihr Zeitgeschichtemuseum hat dem ESC eine bis Oktober laufende Sonderausstellung gewidmet. Parallel dazu können Interessierte sich durch die Webausstellung „Protest, Skandale, Politik“ klicken.
Denn: Politisch war der ESC in seiner 70-jährigen Geschichte schon immer, verrät der Kurator der Sammlung, Florian Wagner: „Der ESC entstand im Kontext des Kalten Krieges und sollte die technische Kooperationsfähigkeit westlicher Rundfunkanstalten demonstrieren.“ Über die Jahre diente er stets als „Plattform für nationale Selbstinszenierung und war wiederholt Bühne für Protest“. Etwa 1964, als ein Aktivist die Show unterbrach, um gegen die Diktaturen in Portugal und Spanien zu demonstrieren. Auch der Nordirlandkonflikt, die Teilung Zyperns, die Jugoslawienkriege und Russlands Außenpolitik schafften es auf die Bühne – letztere durch die schillernde ukrainische Dragqueen Verka Serduchka, die 2007 in ihrer Fantasiesprache sang: „Lasha Tumbai“. Was in vielen Ohren wohl nicht ganz zufällig wie „Russia goodbye“ klang.MARKUS SCHÖNHERR