INTERVIEW

„Merz braucht Mut zum Risiko“

von Redaktion

Ex-FDP-Chef Christian Lindner

Christian Lindner im ausführlichen Interview mit dem OVB. © Michaela Hartmann

Lindner mit den Interviewern Sebastian Arbinger, Georg Anastasiadis und Christian Deutschländer in München am Wittelsbacherplatz. © Fotos: Michaela Hartmann

„Machen wir die Wirtschaftswende selbst, wenn die Politik keine liefert“: Christian Lindner. Rechts: Mit den Ampel-Kollegen 2022 im Bundestag.

München – Er ist sehr jung für einen Ehemaligen. Christian Lindner, Ex-Finanzminister, Ex-FDP-Vorsitzender, ist gerade mal 47, aber hat der Politik den Rücken gekehrt nach dem Ampel-Aus. Er ist jetzt Manager, einer der Chefs der Autoland AG, außerdem Aufsichtsrat mehrerer Unternehmen. Ruhigere Kugel? Mitnichten. „Ich habe wieder einen Kalender wie ein Minister“, erzählt Lindner. Ohne Bedauern, er will es so. Und ab und zu erlaubt er sich einen Zuruf an die Ex-Kollegen in der Politik. Gerade in spannenden Zeiten, in denen die Bundesregierung wankt, die FDP sich aus der Versenkung zurückzukämpfen versucht. Guter Zeitpunkt für ein Interview. Wir treffen Lindner in München.

Herr Lindner, am 30. Mai wählt Ihre Partei Ihren Nach-Nachfolger als FDP-Chef. Schauen Sie sich das an, werden Sie auf dem Parteitag in Berlin dabei sein?

Ja, zeitweilig – ich bin ja ehemaliger Parteivorsitzender. Ich wünsche der FDP, dass sie die Kurs- und Personalfragen so klärt, dass sie das Comeback in Angriff nehmen kann.

Zur Wahl stehen Ihr alter Weggefährte Wolfgang Kubicki und der NRW-Chef der Liberalen, Henning Höne. Wem der beiden trauen Sie zu, die FDP zu retten?

Beide sind Weggefährten, Wolfgang Kubicki aus der Parteispitze, Henning Höne aus dem Landtag in NRW. Ich schätze beide und die FDP braucht beide. In welcher Konstellation, das entscheidet der Parteitag. Ich schalte mich von außen nicht ein.

Angeblich aber von innen. Kubicki hat verraten, Sie hätten ihn zur Kandidatur ermuntert. Stimmt das?

Wenn ich gebeten werde, gebe ich Einschätzungen ab. Aber ich bin kein Akteur.

Sie haben einmal die FDP aus der Apo zurück in den Bundestag geholt, 2017. Also – wie geht das?

Die Zeiten sind andere, aber es gibt Einsichten für alle Parteien und Unternehmen. Die entscheidende Frage beginnt nicht mit Wie, sondern mit Warum. Warum wollen wir ins Parlament? Warum soll jemand unser Produkt kaufen? Das Warum beschreibt den Markenkern. Damit beginnt die Arbeit.

Frau Strack-Zimmermann sagt, auf Kubicki gemünzt: „Wer die FDP nach rechts führen will, führt sie in den Untergang.“ Irrt sie?

Ich weiß nicht, was Marie-Agnes meint. Deshalb kann ich das nicht kommentieren. Zwischen 2012 und 2021 war ich viermal erfolgreich Spitzenkandidat bei Wahlen in NRW und im Bund. Ich habe immer über Freiheit, Wachstum durch Technologie, Respekt vor Leistung wie Eigentum, Kontrolle der Einwanderung oder Bildung statt Umverteilung gesprochen. Mir wurde von Linken meistens vorgeworfen, das seien rechte Narrative.

Als Sie noch Ampel-Finanzminister waren, war Friedrich Merz Ihr schärfster Kritiker. Heute steht er im Feuer. Empfinden Sie Mitleid? Oder Schadenfreude?

Weder noch.

Noch nicht mal Mitleid?

Ich wünsche der Regierung Erfolg. Eine Wirtschaftswende ist nötig. Das hilft uns allen, auch den Unternehmen, in denen ich heute als Vorstand oder Aufsichtsrat Mitverantwortung trage. Allerdings sind die Zweifel gewachsen, ob die Regierung liefert. Deshalb sehe ich die Wirtschaftswende als eigene Aufgabe. Mehr Einfallsreichtum, die Nutzung von KI, die Veränderung alter Geschäftsroutinen oder die Ersetzung alter durch neue Geschäftsfelder, das geht ohne Politik.

Eine Ruck-Rede an die Wirtschaft?

Individueller Erfolg ist unter unzureichenden politischen Rahmenbedingungen möglich. Wer alles auf Brüssel, Berlin oder München delegiert, macht sich zum Objekt schicksalhafter Entwicklungen. Man kann sich selbst neu erfinden. Machen wir die Wirtschaftswende also selbst, wenn die Politik keine liefert.

Der Kanzler steckt ja tief im selbstgebuddelten Loch. Da, wo Sie mit der Ampel am Ende auch waren. Ohne Häme: Haben Sie einen Rat an Merz?

Nein. Für mich war klar: Der Mut zu riskanten Schritten ist verantwortungsvoller als das Aushalten im Amt aus Eigeninteresse, wenn das Land unter unzulänglicher Politik leidet. Ich habe versucht, die Wirtschaftswende zu organisieren. Weil die anderen Parteien nicht wollten, haben wir das Risiko Neuwahlen in Kauf genommen. Man weiß heute, dass das in keiner Hinsicht erfolgreich war. Weder hat die FDP den Wiedereinzug geschafft, noch liefert die Merz-CDU eine spürbar andere Politik als die Ampel.

Merz soll mehr riskieren statt weiterwursteln? Klartext: Sie empfehlen zur Not eine Minderheitsregierung?

Natürlich denke ich darüber nach, wie unter den Bedingungen einer neuen politischen Landschaft Gestaltung möglich ist. Konstellationen wie Große Koalition oder Ampel leiden ja am Makel mindestens partieller Selbstblockade. Allerdings habe ich noch keine Lösung. Ein erster Schritt könnte sein, das Wort Reform vom Klang nach Zumutung oder Belastung zu befreien und den allseitigen Gewinn von Veränderung ins Zentrum zu stellen. Also statt „Ihr arbeitet zu wenig“ könnte man sagen „Wir alle werden von neuem Wachstum profitieren“.

Stattdessen kam Merz‘ Melodie, er müsse „mehr erdulden“ als jeder Kanzler vor ihm. Zu weinerlich?

Das sollten Sie Angela Merkel fragen. Wurden damals nicht Galgen mit ihrem Gesicht über Pegida-Demonstrationen getragen?

Wie übel haben Sie Merz genommen, dass er die FDP für „tot“ erklärt hat?

In Machtauseinandersetzungen ist viel erlaubt. Ich habe verstanden, dass CDU und CSU die FDP stark kritisiert haben. Das ist Wahlkampf. Nicht verstanden habe ich, dass es nun mehr Schulden, höhere Steuern, mehr Bürokratie gibt. Auf mehr Investitionen, mehr Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber und weniger Streit in der Regierung wartet man dagegen noch. Hoffentlich beurteilen nicht zu viele Wähler diesen Umgang mit Wahlzusagen als frivol.

Sie haben ein Leben als Vollblutpolitiker eingetauscht für eines als Manager. Vermissen Sie die Politik nicht doch ab und zu?

Ich war mit Leidenschaft Politiker, aber das liegt hinter mir. Politik ist bestimmt durch Deutung. Wirtschaft ist stärker durch Ergebnisse bestimmt: Zeitpläne, Umsatz, Gewinn. Daraus schöpfe ich heute Kraft.

Sie haben früher selbst gegen das Verbrennerverbot gekämpft. Jetzt sind Sie in der Autobranche. Zufrieden mit dem EU-Kompromiss?

Unser Unternehmen vertreibt alle Marken, alle Antriebsarten. Der Kunde bekommt, was er will – wir sind keine Erziehungsorganisation. Was die Industrie angeht, rate ich weiter zu mehr Technologieoffenheit. Wir würden in dramatische Abhängigkeit zu China rutschen, von wo die Batterien, Vorprodukte und Rohstoffe kommen, wenn wir zu schnell allein auf batterielektrische Antriebe setzen. Leider hat die europäische und deutsche Politik das immer noch nicht verstanden. Was auf dem Tisch liegt, ist nicht ausreichend, sondern teilweise schlimmer als die alten Pläne. Einer der wenigen, der das früh erkannt hat, ist übrigens Markus Söder.

Nettes über Söder – hört man selten derzeit…

(lacht) Ich weiß, aber ich sage eben, was ich denke.

An den Automanager: Wie verändern Wirtschaftslage und Energiekrise die Nachfrage bei Ihnen? Mag noch wer Autos kaufen?

Es ist sozialer Sprengstoff, dass die Mobilität mit dem eigenen Auto seit mehr als einem Jahrzehnt immer teurer wird. Die Hersteller haben das Einstiegssegment total vernachlässigt, die Politik hat das Autofahren zusätzlich verteuert. 70 Prozent der Autofahrerinnen und -fahrer wohnen auf dem Land, wo die urbanen Appelle nach alternativer Mobilität wie Hohn klingen. Aktuell wachsen bei der E-Mobilität Interesse wie Nachfrage. Das wird ein Sprung. Auf Sicht von zwanzig Jahren wird die E-Mobilität die Fahrzeugflotte dominieren. Aber nach dem Auslaufen der aktuellen Subvention der Regierung und der Normalisierung des Spritpreises wird die aktuelle Dynamik sich normalisieren.

Wie dürfen wir uns Ihr neues Leben vorstellen? Helfen Sie im Haushalt mit? Mähen am Wochenende den Rasen?

Das war im alten Leben als Minister schon genauso. Die Veränderung ist nicht so groß, wie man denkt. Einerseits war ich auch als Minister allein im Baumarkt oder dem Recyclinghof. Permanent der große Auftritt war mir nie wichtig. Umgekehrt führe ich heute auch über tausend Mitarbeiter und reise viel. Ruhiger ist es nicht geworden. Der Unterschied: Die Sonntage sind frei, das war in der Politik nie so.

Sie sind 47. Können Sie sich nicht doch eine Rückkehr in die Politik vorstellen, falls Ihre Partei Sie ruft?

Ich bleibe ein politischer Mensch und äußere als Bürger meine Meinung. Dass ich nochmal für ein öffentliches Amt kandidiere? Außerordentlich unwahrscheinlich.

Zu wem aus der Ampel haben Sie noch Kontakt?

Regelmäßig und freundlich zu einer Reihe von damaligen SPD-Größen. Öfters melden sich aber Unionsleute. Und natürlich spreche ich oft mit den Liberalen.

Ein Plausch mit Ex-Kanzler Scholz, der Sie damals kalt entließ?

(lacht) Olaf Scholz wird als ehemaliger Bundeskanzler sein weiteres Leben lang gepanzerte Fahrzeuge nutzen. Solche Autos haben wir nicht im Programm. Deshalb gibt es keine Berührungspunkte.

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