Der Unbeirrbare verlässt den Traditionskonzern

von Redaktion

Weil er stoisch an „Technologieoffenheit“ festhielt, wurde Oliver Zipse lange kritisiert. Heute gilt sein Ansatz als Erfolgsrezept.

Professionell bis zum Schluss: Oliver Zipse absolvierte seinen letzten BMW-Arbeitstag ohne sichtbare Emotionen. © BMW

München – Kurzes Klatschen von den Kollegen, ein paar Worte von Aufsichtsratschef Nicolas Peter und eine mit den Händen angedeutete Dankesgeste von Oliver Zipse selbst: Die Hauptversammlung am Mittwoch war der letzte Arbeitstag des scheidenden BMW-Chefs. Der Abschied fiel konzerntypisch kontrolliert und knapp aus. Gar nicht BMW-typisch: Bei der Rede der Aktionärsvertreterin Daniela Bergdolt brach die Technik zusammen – gerade als sie Zipse danken und das virtuelle Format der HV kritisieren wollte. Als Bergdolt über 30 Minuten später fortfahren konnte, garnierte sie ihren Gruß an Zipse mit einem Seitenhieb: „Bei einer Präsenzveranstaltung hätte es jetzt Applaus für Sie gegeben.“

Mit Zipse nimmt der erfolgreichste Manager in der deutschen Autobranche der vergangenen Jahre seinen Hut. Trotz China-Problemen führt BMW das Premiumsegment weltweit klar an. Obwohl der Gewinn geschrumpft ist, scheffeln die Münchner mehr Geld als Mercedes oder VW, sie bauten zudem bisher nicht im großen Stil Stellen ab. Und obwohl Zipse immer auf Technologieoffenheit pochte und sich auf kein Enddatum für den Verbrenner-Bau festnageln lassen wollte, hat BMW viele Konkurrenten bei der E-Mobilität abgehängt.

Auch die Aktionäre erkennen das an. Mit der Neuen Klasse, der unter Zipse entwickelten Generation elektrischer BMW, habe er ein „industrielles Vermächtnis“ geschaffen, betonte ein Vertreter der Fondsgesellschaft DWS am Mittwoch. Aktionärsschützerin Bergdolt lobte trotz Groll über die Internet-HV „die Standhaftigkeit und den klaren Kompass“ Zipses. So wohlwollend war nicht jeder in den letzten Jahren. Gerade von Medien, Politikern und Branchenkollegen hagelte es lange Kritik an Zipses Strategie, trotz Elektro-Wende an Verbrennern und Hybriden festzuhalten und sie zusammen mit E-Autos an einem Band zu bauen, um alle Kundenwünsche bedienen zu können.

Heute ist klar: Der Ansatz zahlte sich aus. Dennoch war Zipses Amtszeit alles andere als ein Selbstläufer. 2019 trat er den Chefposten an, sieben Monate später kam die Pandemie. „Die Welt stand still. Unsere Werke ebenfalls“, erinnerte sich der 62-Jährige in seiner Abschiedsrede am Mittwoch. Lieferketten mussten neu aufgestellt werden, Teile fehlten, die Unsicherheit war groß. Trotzdem investierte BMW viele Milliarden in die E-Mobilität, in Werksumbauten und in klimaschonendere Fertigungsweisen. In der BMW-Zentrale im Münchner Vierzylinder geschehe eben „alles mit dem Blick nach vorne“, erklärte Zipse. „Konsequent, aber unaufgeregt.“

Lediglich die Politik schien dem manchmal etwas hölzern wirkenden Manager Nerven zu kosten. Auch bei seiner Abschiedsrede sparte er nicht mit klaren Worten. „Die EU-Kommission meint es oft gut. Gemacht wird es dann aber schlecht“, sagte er mit Blick auf Themen wie Verbrenner-Aus, Flottenziele oder Strafzölle. Es bringe nichts, Marktmechanismen durch Verbote und Protektionismus zu ersetzen. Das schade der Wirtschaft, den Verbrauchern, am Ende sogar dem Klima. Dennoch schickte Zipse auch eine Botschaft an die vielen Skeptiker und Zweifler im Land: „Zuversicht ist keine Stimmung“, sagte er. „Sie ist eine aktive Entscheidung.“

Der nüchterne letzte Arbeitstag: für Zipse wohl kein Problem. Zum einen sitzt er seit Kurzem im Aufsichtsrat von Airbus. Sein Berufsleben geht nahtlos weiter. Zum anderen hatte er sich von den Mitarbeitern bereits auf der Weltpremiere des BMW i3 Mitte März in München verabschiedet, samt Jazz-Band und etwas Stadionatmosphäre. Sogar seine Frau Kaori saß damals mit auf den Rängen – im BMW-Kosmos hat das Seltenheitswert.HÖSS

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