Mit langem Anlauf auf den Chefposten

von Redaktion

Basketball ist die große Leidenschaft von Nedeljković. Hier: Beim Pokalfinale 2024 des FC Bayern München gegen Ulm.

Die BMW-Fabriken kennt er. Bisher war Nedeljković für die mehr als 30 Standorte weltweit verantwortlich.

Milan Nedeljković neben einem ix3 im Werk in Ungarn. Der Vertrag des neuen Chefs läuft bis 2031. © Fotos: BMW, Imago

München – Er ist knapp zwei Meter groß, mag Basketball und kennt die BMW-Werke wohl wie kein anderer im Konzern: Milan Nedeljković ist neuer Chef von BMW. Nedeljković, der auf Oliver Zipse nachfolgt, ist nicht nur der erste BMW-Chef, der nicht in Deutschland geboren ist und zwei Pässe hat. Er ist als ehemaliger Produktionschef auch ein alter Bekannter für Mitarbeiter und Aktionäre. Seine Karriere hat der heute 57-jährige schon 1993 bei BMW in München begonnen. Nun hat er es bis auf den Chefsessel im berühmten Vierzylinder-Turm geschafft.

Mehr als 30 Jahre im Konzern: Kein Wunder, dass Nedeljković am Mittwoch bei der Hauptversammlung zweieinhalb Minuten reichten, um sich in einer kurzen Rede den Aktionären vorzustellen. Dort lobte er die BMW-Produkte und das Team, streifte die industriellen Umbrüche durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. BMW brauche Pragmatismus, Mut, Verantwortungsbewusstsein und Unternehmertum, sagte er. „Dafür stehe ich.“ Doch die Kürze seiner Ausführungen hat vielleicht noch einen anderen Grund: Anders als andere Automanager, die eher sich als ihre Produkte ins Rampenlicht stellen, ist Nedeljković kein Freund großer Auftritte.

Deutsch lernte er erst in der Grundschule

Während andere Industriekapitäne oft ihr Leben lang in Eliteschulen für künftige Führungspositionen gedrillt werden, erkämpfte sich Nedeljković den Weg nach oben selbst. 1971 kam der Sohn einer Apothekenhelferin aus Kruševac im heutigen Serbien nach Ehingen an der Donau. Kurz darauf zog er nach Wuppertal, sein Vater hatte dort einen Fabrikjob bei Thyssen ergattert. Lange war nicht klar, ob die Familie in Deutschland bleiben würde. Auf das Gymnasium hätte es Milan wegen schlechter Deutschnoten beinahe nicht geschafft – er musste sich Deutsch in der Grundschule selbst beibringen. Doch ein Lehrer erkannte sein Mathe-Talent und ermutigte ihn, es trotz Sprachdefizit zu versuchen.

Nedeljković paukte Vokabeln und ergriff die Chance, wie er vor Kurzem der „Frankfurter Allgemeinen“ erzählte. Einsatz und Disziplin zahlten sich aus. Das prägte ihn. Nach dem Abi studierte er zuerst in Aachen Maschinenbau, später landete er an der Eliteuni MIT im amerikanischen Cambridge. Auch bei BMW marschierte er durch. Er fing als Trainee an, bekam aber früh erste Leitungsfunktionen in Presswerk und Karosseriebau in München und Regensburg. Nebenbei promovierte er an der TU München, ging ins Werk der BMW-Tochter Mini in Oxford, leitete die Werke in Leipzig und München. 2019 stieg er dann als Produktionschef in den Vorstand auf, wo er dafür verantwortlich war, das weltumspannende BMW-Produktionsnetzwerk fit für die Elektro-Mobilität zu machen.

Viele Milliarden kostete der Kraftakt. Der Produktionschef ließ dafür digitale Zwillinge aller Standorte erstellen, um sie zu optimieren. Er krempelte ganze Werke wie das in München bei laufender Produktion komplett um, ließ aber weiter E-Autos, Verbrenner und Hybride an einem Band produzieren, um Risiken zu minimieren. Parallel baute er in Ungarn eine neue Megafabrik für E-Autos auf, in der seit diesem Jahr der iX3 gebnaut wird. Dort, in China, in Mexiko, in den USA und im niederbayerischen Irlbach-Straßkirchen stampfte er zudem Batteriefabriken aus dem Boden. Auch Probleme räumte er dabei charmant ab. Als die Bewohner im Gäuboden gegen den riesigen Neubau protestierten, machte er das zur Chefsache und setzte sich zusammen mit Vorstands-Kollegin Ilka Horstmeier persönlich ins Straßkirchner Restaurant Jedermann, um Kritiker zu überzeugen. Mit Erfolg: Zwei Drittel stimmten beim Bürgerentscheid im September 2023 für die Fabrik. Sie kam in Rekordzeit und liefert Batterien für den neuen i3, der im Sommer in München in Serie geht.

Ein reiner Technokrat hätte das nicht so gut hinbekommen, heißt es. Auch wenn Nedeljković nach außen kontrolliert und kühl wirke, sei der Vater dreier Kinder ein großer Zuhörer, Motivator und Teamplayer. Womöglich hat er das im Ruderboot gelernt, in dem er in seiner Zeit am MIT öfter gesessen haben soll – oder beim Basketball, der zweiten Leidenschaft des großen Schlacks. Selbstdarsteller soll er auch mal auflaufen lassen, starke Teams dagegen mit vollem Einsatz fördern. So könnte sich auch der Führungsstil im Vierzylinder etwas ändern. Dort soll Nedeljkovićs Vorgänger Oliver Zipse bisher freundlich, aber bestimmt durchregiert haben.

Selbstdarsteller lässt er auch mal auflaufen

Seinem Nachfolger hinterlässt Zipse große Fußstapfen. Und einen Konzern, der bisher an harten Spar- und Kündigungsprogrammen vorbeikam und optimistischer nach vorne blicken kann als viele Konkurrenten. Doch das alleine werde nicht reichen, „um die Software-Schlacht gegen die Konkurrenz aus China zu gewinnen“, gaben etwa die Großaktionäre von der Union Investment Nedeljković auf der Hauptversammlung am Mittwoch mit auf den Weg. Der globale Wettbewerb werde „heute über Software, autonomes Fahren und digitale Intelligenz entschieden“, nicht nur über gut zusammengeschraubte Autos.

Bei BMW bauen viele darauf, dass Nedeljković der Richtige ist, um BMW mit seinen rund 150.000 Mitarbeitern in die Zukunft zu führen. In ihm steckt ein Unternehmergen, er hat schon jung in seiner Freizeit nebenher eine Firma gegründet: den Möbelhersteller Rast, der in Kruševac fertigt und den heute seine Frau führt. Doch Nedeljković kennt sich nicht nur mit Autos und Möbeln aus, mit Stahl und Holz – sondern auch mit Nullen und Einsen. Schon vor 35 Jahren schrieb er in den USA seine Diplomarbeit über Künstliche Intelligenz, die meisten hielten das in dieser Zeit noch für Science Fiction. Das Programmieren soll er sich damals übrigens auch gleich noch beigebracht haben.

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