Die Angeklagte Beate Zschäpe im Gerichtssaal. © Kneffel/dpa
Die Innenansicht des Strafjustizzentrums München. © dpa
Der frühere Starkoch Alfons Schuhbeck auf dem langen Weg zur Anklagebank. © SIMON
Spektakulär: John Demjanjuk, wegen Kriegsverbrechen angeklagt, wurde auf einer Trage in den Saal gebracht. © ap
Schön ist es nicht, das alte Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße. Seit 1977 ist es in Betrieb. © Hoppe/dpa
Der Blick in den legendären Saal 101 im Strafjustizzentrum vor einem Prozess 2013. Links: Rudolph Moshammer. © Gebert/dpa
München – Wenn an diesem Montag das neue Strafjustizzentrum in München eingeweiht wird, dann bedeutet das auch langsam aber sicher den Abschied von dem alten. Zwischen 1972 und 1977 für damals 100 Millionen D-Mark errichtet, wird das Gebäude seit August 1977 genutzt – für Strafprozesse der Landgerichte München I und II, des Amtsgerichts, des Oberlandesgerichts und nach einer Pause auch wieder des Bayerischen Obersten Landesgerichts. In dem nicht unbedingt schönen, aber geschichtsträchtigen und fast legendären grauen Block an der Nymphenburger Straße sind Urteile gefällt worden, die ganz Deutschland bewegten.
Auf einer Fläche von fast 35.200 Quadratmetern fanden in den insgesamt 48 Sitzungssälen Prozesse statt, die teils weltweit Schlagzeilen machten. „Das alte Strafjustizzentrum war fast 50 Jahre lang die Herzkammer der Münchner Strafjustiz“, sagt Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU). „Es erlangte bundesweite Bekanntheit als Schauplatz bedeutsamer Strafprozesse.“ Ein Rückblick.
Mord an Walter Sedlmayr
In einem der größten Indizienprozesse der Nachkriegszeit werden die beiden Mörder des Volksschauspielers Walter Sedlmayr 1993 im Gebäude an der Nymphenburger Straße 16 zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Justiz sieht es als erwiesen an, dass sein Ziehsohn und dessen Halbbruder, die jede Schuld bestreiten, den 64 Jahre alten Sedlmayr am 14. Juli 1990 erst gefoltert und dann mit einem Hammer aus Habgier erschlagen haben. Im Juli 1994 wird das Urteil rechtskräftig. 2007 und 2008 werden die beiden Männer freigelassen.
Mord an Rudolph Moshammer
Ein ähnlicher Fall erschüttert die Münchner Promi-Welt Jahre später: Im Januar 2005 wird der Modeguru Rudolph Moshammer in seinem Haus ermordet – von einem jungen Iraker, den er kurz vorher mit seinem Rolls Royce im Bahnhofsviertel aufgelesen hat. Noch im gleichen Jahr wird der geständige Täter zu lebenslanger Haft verurteilt. Auf der Richterbank sitzt damals Richter Manfred Götzl, der später eines der wohl größten Verfahren führen wird, das an der Nymphenburger Straße je verhandelt worden ist.
Der NSU-Prozess
Mehr als fünf Jahre und über 400 Verhandlungstage dauert es, bis Götzl als Vorsitzender des zuständigen Senats am Oberlandesgericht (OLG) München die Rechtsterroristin Beate Zschäpe im Juli 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt – als Mittäterin an den Morden der Terrorzelle NSU. Im international beachteten Mammutprozess werden weitere Mitangeklagte verurteilt.
Prozess gegen John Demjanjuk
Um Nazi-Ideologie ging es auch im Prozess gegen den früheren KZ-Wachmann John Demjanjuk vor dem Landgericht München I. Der 91-jährige gebürtige Ukrainer stirbt 2012 in einem bayerischen Pflegeheim – zehn Monate nach seiner Verurteilung als Holocaust-Mittäter. Er war im Mai 2011 wegen Beihilfe zum Mord an mehr als 28.000 Juden im Lager Sobibor zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Das Urteil wird nie rechtskräftig, weil Demjanjuk 2012 stirbt, bevor über die Revision entschieden wird.
Promis auf der Anklagebank
Eine Tennis-Legende, ein Formel-1-Funktionär, Star-Koch Alfons Schuhbeck – und Fußball-Stars wie Jérôme Boateng oder Jens Lehmann: Das Strafjustizzentrum hat berühmte Angeklagte gesehen. Zu Unrecht, wie sich später herausstelle, wurde der Schauspieler Günther Kaufmann im Jahr 2002 nach dem Tod eines befreundeten Steuerberaters verurteilt. 15 Jahre verhängte das Gericht wegen räuberischer Erpressung mit Todesfolge – weil Kaufmann ein falsches Geständnis abgelegt hatte, um seine Frau zu schützen. Erst nach Jahren im Gefängnis kam er auf freien Fuß.
Genditzkis Freispruch
Zu Unrecht saß auch Manfred Genditzki in Haft – mehr als 13 Jahre lang. 1,3 Millionen Euro Entschädigung hat er inzwischen bekommen, weil er für einen Mord verurteilt wurde, den es wohl nie gegeben hat. Die Ermittler hatten ihm vorgeworfen, eine alte Frau getötet zu haben, weil er an ihr Geld wollte. Als er nach jahrelangem Kampf und neuen Gutachten 2023 im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen wurde, hatte selbst die Richterin Tränen in den Augen.
Der legendäre (und hässliche) A 101
Viele dieser großen Verfahren – wie der Freispruch von Genditzki und der NSU-Prozess – fanden im größten Saal statt, dem legendären A 101. „Der A 101 ist sicherlich keine Schönheit. Bei so manchem langen Sitzungstag am Schwurgericht habe vermutlich nicht nur ich mir ein wenig Tageslicht gewünscht“, sagt Gerichtssprecher Laurent Lafleur. Dank des Saals hätten auch große Verfahren „mitten in der Stadt“ verhandelt und die Strafjustiz so für die Bevölkerung erfahrbar gemacht werden können. „Trotzdem werde ich die Farbwahl der Innenausstattung, die ich als Staatsanwalt, Richter und Pressesprecher über viele hundert Stunden erleben durfte, nicht vermissen.“
Bis Ende Juni ist das alte Gebäude aller Voraussicht nach noch in Betrieb.
BRITTA SCHULTEJANS