Familie Albrecht beim Skifahren wenige Tage vor dem Herz-Drama (v. li.): Sigrid, Frank, Hubert und Florian. © Foto: privat
Zurück im Leben: Hubert Albrecht mit Prof. Bernhard Voss (rechts) und Prof. Markus Krane im Deutschen Herzzentrum.
München – Bluthochdruck zählt zu den größten Risikofaktoren für einen Herzinfarkt, wie Mediziner gestern anlässlich des Welthypertonietags warnten. Jeder dritte Deutsche ist betroffen – wie Hubert Albrecht. Der 62-Jährige brach in einer Ski-Gondel in den Dolomiten klinisch tot zusammen, aber eine perfekte Rettungskette und eine OP brachten ihn zurück ins Leben. Ein Schicksal hinter der noch immer unterschätzten Volkskrankheit.
Die Chance auf einen Lotto-Jackpot liegt bei ungefähr 1 zu 140 Millionen. „Wir haben gefühlt noch mehr Glück gehabt – und tausend Schutzengel obendrein“, sagt Sigrid Albrecht (61). Sie war live dabei, als ihr Mann Hubert einen schweren Herzinfarkt erlitt. Von jetzt auf gleich, ohne jede Vorwarnung. Dass er ihn überlebte, grenzt an ein Wunder. Der GAU im menschlichen Maschinenraum geschah im Skiurlaub in der Seilbahn. „So makaber es klingen mag: Herr Albrecht war genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, analysiert Professor Markus Krane, Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie im TUM Klinikum Deutsches Herzzentrum. Dort wurde Albrecht nach einer Reanimation erfolgreich operiert.
Das Drama in den Dolomiten geschah am 11. Januar. Die Albrechts aus Isny im Allgäu verbrachten ihren ersten Skitag im beliebten Sella-Ronda-Gebiet. Am späteren Nachmittag fuhren sie von Wolkenstein aus mit der Gondel auf den Ciampinoi. „Wir ließen es ruhig angehen, wollten nur noch die letzte Abfahrt auf der Saslong nach St. Christina genießen. Mir ging es gut, ich hatte den ganzen Tag über auf der Piste keinerlei Probleme“, berichtet Albrecht. Doch kurz vor der 2260 Meter hohen Bergstation kippte er plötzlich nach vorn. „Ich dachte, er will seine Skischuhe richten“, erinnert sich seine Ehefrau. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte der 62-Jährige bereits das Bewusstsein verloren.
Der selbstständige Schreinermeister hat zwar Hypertonie, nimmt deshalb seit einigen Jahren den Blutdrucksenker Ramipril. Aber was er nicht wusste: „Herr Albrecht leidet an einer schweren Dreigefäßerkrankung. Davon spricht man, wenn alle drei Gefäße der Herzkranzarterie oder ihr Hauptstamm stark verengt sind. Kommt es zum Verschluss, wird der Herzmuskel nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Die Folge ist ein Herzinfarkt“, erklärt Herzchirurg Krane.
Vor dem Haupt-Hintergrund der koronaren Herzkrankheit (KHK) spielte möglicherweise auch die Höhe eine Rolle, sie lässt das Herz schneller schlagen. Dazu kam große Kälte, die die Gefäße verengte. Das Thermometer in Gröden zeigte minus 14 Grad. In der Gondel brach Hektik aus. Sigrid Albrecht versuchte verzweifelt, ihren Mann aus der Bewusstlosigkeit zu rütteln. Andere Fahrgäste winkten wie wild aus dem geöffneten Kabinenfenster, um auf den Notfall aufmerksam zu machen – die Bergstation war bereits in Sichtweite. „Zum Glück waren wir vielleicht 60 Sekunden später oben.“ Liftmitarbeiter rissen die Tür auf, hievten Albrecht aus der Gondel. Er atmete nicht mehr, kein Puls. Ein junges Pärchen eilte herbei, um zu helfen: Er ist Arzt, sie Krankenschwester. Kurz darauf waren bereits die Carabinieri da, die in Südtirol für die Pistenrettung zuständig sind. Sie begannen sofort mit der Reanimation. Nur ein paar Schritte entfernt hing ein Defibrillator an der Wand. Damit versetzten sie Albrechts Herz einen Stromstoß, um es wieder zum Schlagen zu bringen. Es gelang. Da landete auch schon der Helikopter, der nur wenige Flugminuten entfernt unten im Tal in St. Ullrich stationiert war. Er flog Albrecht ins Krankenhaus nach Bozen. „Wenn das alles daheim auf dem Sofa passiert wäre, hätte er diesen schweren Herzinfarkt vielleicht nicht überlebt“, weiß Sigrid Albrecht.
In der Bozner Klinik kämpften die Ärzte um sein Leben, versetzten ihren Patienten in ein künstliches Koma. „Es war ungewiss, ob mein Mann überhaupt wieder aufwacht – und falls ja, ob er dann ein Pflegefall sein wird“, erzählt Sigrid Albrecht. Geschockt verständigte sie ihre Söhne. Frank (30) und Florian (33) trafen in der Nacht in Südtirol ein. Zu Hause bangte unter anderem auch Florians Frau Sandra (33) mit, sie war zu diesem Zeitpunkt schwanger. Der verzweifelte Appell an Albrecht: „Papa, du musst es schaffen, du wirst Opa!“
Albrecht überstand die Nacht und die kritische Phase danach. Nach fünf Tagen kam er wieder zu sich, ohne Hirnschäden. „Uns sind Tonnen von Steinen vom Herzen gefallen“, sagt seine Frau.
Doch über den Berg war ihr Mann zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er benötigte eine große Herz-OP, um die Durchblutung seines Herzmuskels zu sichern. Dazu verlegten die Bozner Klinikärzte ihren Patienten ins Deutsche Herzzentrum München. Dort legte ihm Professor Bernhard Voss drei Bypässe. „Diese Bypässe kann man sich vorstellen wie Umgehungsstraßen, die eine verstopfte Hauptverkehrsader entlasten“, erklärt der erfahrene Herzchirurg. „Dabei wird über das Bypassgefäß das sauerstoffreiche Blut hinter die kritische Engstelle geleitet.“
Seitdem erholt sich Albrecht prima. Er unternimmt schon wieder längere Spaziergänge, freut sich über seine Enkel Mino und Leno. Und darüber, dass ein Freund – erschüttert von dem Dolomiten-Drama – vorsorglich sein Herz checken ließ. Auch bei ihm wurde eine koronare Herzkrankheit festgestellt. Er bekam Stents, das sind kleine Gefäßstützen, die die Arterie offen halten. Ein Herzinfarkt blieb ihm dadurch erspart. Albrecht hofft nun auf ein Comeback auf Skiern. Am Ciampinoi zum Beispiel, dieses Mal aber ohne Defi und Carabinieri. „Das wäre ein Traum.“ANDREAS BEEZ