Die Karteikarte von Heinrich Himmler. © National Archives
„Blutordensträger“ Karl Braßler: Er war schon vor der Machtergreifung als antisemitischer Hetzer bekannt. © National Archives
Nazi-Parade vor der Münchner Polizeidirektion. Rechts Hermann Dolp mit seiner Karteikarte aus dem US-Nationalarchiv. Über seine Gräueltaten ist dort nichts vermerkt. Augenzeugen zufolge erschoss er KZ-Häftlinge. © Archiv/privat
München – Es ist keine Sensation, eher ein Internet-Hit. Im März hat das Washingtoner Nationalarchiv die NSDAP-Mitgliederkartei online gestellt. 12,7 Millionen Karteikarten. Seitdem fragt sich gefühlt jeder deutsche Haushalt: Waren unsere Vorfahren Nazis? Der Opa? Die Oma? Der längst verstorbene Onkel, der ja eigentlich ganz nett war. Aber vielleicht ein dunkles Geheimnis hütete? Etwa 8,5 Millionen Deutsche, jeder fünfte Erwachsene, waren Mitglied der NSDAP.
Die Kartei umfasst 12,7 Mio. Dokumente
Das Interesse an der NSDAP-Kartei, insgesamt 12,7 Millionen einzelne Dokumente, ist riesig. Etwa 80 Prozent aller NSDAP-Mitgliedschaften sind über diesen Bestand nachweisbar. Schon Mitte April, einen Monat nach der Freischaltung, berichtete das Washingtoner Archiv, dessen Homepage aufgrund der großen Nachfrage mehrmals zusammengebrochen war, über 1,5 Millionen Zugriffe.
Mit großem Tamtam („Finden Sie heraus, was ihre Familie unter Hitler getan hat“) haben „Zeit“ und „Spiegel“ eigene Suchmaschinen entwickelt, mit denen man schnell fündig werden kann, tippt man den Namen einer Person ein. Allerdings versteckt sich das Angebot hinter Bezahlschranken – Nazis als Geschäftsmodell, sagt der Münchner Historiker Paul Hoser (79), der unlängst eine viel beachtete zweibändige Biografie über das NSDAP-Mitglied Nummer 2, Hitler-Intimus Hermann Esser, vorgelegt hat.
Dabei ist der Umweg über Bezahlschranken gar nicht notwendig – man kann ohne große Probleme in der kostenlosen Original-Version des Washingtoner Archivs zu Angehörigen oder jedem x-beliebigen Nazi recherchieren. Bei manchen Nazi-Promis gibt es aber Fehlalarm: So gibt es zwar Karteikarten von Peter, Josef, Otto und Alois Hitler – aber keine von ihrem berüchtigten Namensvetter Adolf Hitler. Auch beim SS-Mörder Nummer 1, Heinrich Himmler, ist die Aussagekraft der NSDAP-Kartei spärlich: Mitgliedsnummer 14.303 hatte der Mann, aber noch nicht einmal das Eintrittsdatum ist vermerkt, stattdessen ein Verweis auf eine ominöse „Ersatzkarte“.
Mit ein paar Klicks (siehe Artikel unten) taucht man ab in die dunkle Nazi-Vergangenheit, wobei aber die Grenzen der Recherche rasch sichtbar werden. Beispiel: Hermann Dolp, geboren am 12. September 1889 im schwäbischen Türkheim.
Dolp, der in den 1920er-Jahren mit seiner Familie in München wohnte, war ein übler Charakter. Schon 1923 machte er beim Hitlerputsch mit, später stieß er zur SS. Er war Wachmann in den KZ Dachau und Sachsenhausen (bei Berlin). Als Kommandant von Zwangsarbeiterlagern in Polen 1940 war er gefürchtet. Nach Zeitzeugenberichten erschoss er jüdische Häftlinge eigenhändig. Ein Zeuge, Joe Rubinstein, erinnerte sich noch in hohem Alter, dass Dolp eine „schwarze maßgeschneiderte Uniform“ trug, wenn er durch das Lager ritt und sich Opfer seiner Mordlust aussuchte. Ein „Schweinehund“, so charakterisierte er ihn. In Lettland verliert sich 1944 seine Spur, wahrscheinlich ist er gefallen, wie der DRK-Suchdienst annimmt.
Wer in der NSDAP-Kartei nach Dolp sucht, wird rasch fündig. In der Zentralkartei gibt es unter der Signatur MFKL D0037/1712 den Mitgliedsnachweis. Dolp war am 1. September 1928 erneut der nach dem Putschversuch verbotenen NSDAP beigetreten – Mitgliedsnummer 99503. Verschiedene Wohnadressen (Schellingstraße in München, Braunschweiger Weg in Berlin-Tempelhof) sind handschriftlich vermerkt. Mehr jedoch nicht: kein Hinweis auf die Mitgliedschaft in der SS, der Dolp 1929 beigetreten war, kein Hinweis auf die Blutspuren, die er in Polen und Norwegen hinterließ.
Die Aussagekraft ist am Ende begrenzt
Ähnlich ist es bei anderen Nazis. Karl Braßler, schon 1919/20 antisemitischer Hetzer in München, trat nach dem NSDAP-Verbot 1930 erneut der Nazipartei bei. Immerhin enthält seine Karteikarte einen Hinweis auf die Verleihung des „Blutordens“ – eine Auszeichnung, weil Braßler beim Hitlerputsch mitgemacht hatte.
Die Aussagekraft der Karteikarte selbst sei begrenzt, warnt Historiker Hoser. Mitglieder schon vor 1933 seien anders zu beurteilen als ein Mitglied nach 1933. Zu bestimmten Stichtagen gab es Masseneintritte in die Nazipartei, etwa zum 1. Mai 1933 oder zum 1. Mai 1937. Zwischendrin gab es sogar eine Aufnahmesperre – so groß war der Andrang. Wer also wirklich wissen will, was sein Vorfahre in der NS-Zeit getan hat – ob er Karteileiche war oder wirklicher Täter –, der muss weiter suchen: im Staatsarchiv München, im Bundesarchiv, in der (kaum noch übersehbaren) Forschungsliteratur zur NS-Zeit. Das Bundesarchiv verzeichnete in den vergangenen Monaten „einen deutlichen Anstieg des Interesses an der NSDAP-Mitgliederkartei“, wie Sprecher Elmar Kramer sagt. Bisher waren es jährlich etwa 75.000 Anfragen zu Personen in der NSDAP, Wehrmacht oder auch SS – diese Zahl dürfte nun steigen.
Nazis wollten die Kartei vernichten
Die Datei hat eine abenteuerliche Geschichte: Bis April 1945 verwaltete die NSDAP-Reichsleitung die Mitgliederkartei nahe dem Königsplatz – heute sitzt hier das Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Es muss ein riesiger Apparat gewesen sein, wohl hunderte Mitarbeiter verwalteten die Nazipartei. Eine wissenschaftliche Untersuchung zum Mitgliederwesen gibt es kurioserweise nicht, sagt Historiker Paul Hoser.
Aber so viel ist bekannt: Mit Kriegsende wurden die Karteikarten, 6000 laufende Meter, den Nazis zu heikel. Tagelang fuhren Lkw die Karten zur Papierfabrik Josef Wirth in München-Freimann. Offensichtlich zur Vernichtung. Doch der Geschäftsführer der Fabrik, Hanns Huber, widersetzte sich diesem Befehl und rettete die Karteikarten. Sie wurden von der US-Militärregierung beschlagnahmt. Jahrzehntelang waren sie im „Berlin Document Center“ einsehbar für Forscher und auch Familienangehörige, die einen Antrag stellen mussten. Schon 1967, sagt Hoser, hatten die Amerikaner der Bundesregierung eine Übernahme angeboten. Die lehnte mehrmals ab – man fürchtete wohl unliebsame Enthüllungen. 2004 gingen die Karteikarten in das Bundesarchiv über. Die Amerikaner behielten eine Kopie – die, die nun online steht und ziemlich viele Familiengeheimnisse aufdecken könnte.