Für die Almen in Oberbayern, hier die Wasserscheide, sind die Kühe ein Segen, weil sie einer Verbuschung vorbeugen.
Vierbeinige Wegelagerer: Manchmal trifft man in den Bergen auf den Wegen auf eine Gruppe Kühe. Wanderer sollten dann lieber einen ruhigen Bogen um sie machen, denn auch Kühe haben Launen. Links im Bild die Landwirte Michael Endraß (rechts) und Thomas Köpf auf der Alm Wasserscheide Krottenstein. © Achim Schmidt (3)
Steingaden – Als Thomas Köpf (48) und Michael Endraß (50) ihre Kühe rufen, kommen sie sofort angelaufen. Die Glocken um ihre Hälse sind schon von Weitem zu hören. Seit zwei Wochen leben die Jungtiere auf den Wiesen bei der Alm Wasserscheide Krottenstein oberhalb von Steingaden (Kreis Weilheim-Schongau). Früher brachten die Bauern ihre Tiere zu Fuß auf die Alm. Heute funktioniert der Almauftrieb moderner. Köpf und Endraß fahren die Kühe mit dem Hänger.
Noch seien nicht alle Tiere auf der Alm, erzählen sie. Einen ersten Teil haben die Landwirte mit Viehwagen und Bulldog hinaufgefahren. Die letzte Etappe gehen sie mit ihren Kühen noch zu Fuß. Der Almauftrieb ist nicht auf einen bestimmten Tag festgelegt. „Es kommt immer auf die Vegetation an“, erklärt Endraß. Die Tiere hochzufahren, das dauert etwa zwei Stunden. „Mittlerweile sind die Almen viel besser erreichbar.“ Früher planten die Bauern dafür einen ganzen Tag ein. Sie gingen mit ihren Tieren teilweise um fünf Uhr morgens los. Motorisiert lässt sich viel Zeit sparen.
Der andere Teil der Kühe grast noch tiefer auf der Vorweide. Endraß und Köpf nennen die Region „am Skilift“, denn der verläuft direkt neben der Weide. Dort treiben die Bauern ihre Tiere Anfang Mai noch selbst hin. Quasi ein kleiner Almauftrieb. Etappenweise kommen dann alle Tiere auf die 1150 Meter hohe Alm. Im Juli geht es sogar noch ein Stück höher.
Die Wasserscheide in den Ammergauer Alpen ist eine Gemeinschaftsalm im Naturschutzgebiet. 15 Landwirte lassen ihre rund 160 Jungtiere, die zwischen einem und zwei Jahre alt sind, den Sommer über an der Wasserscheide grasen. Endraß war dort bis vor Kurzem Almmeister. Nun hat Köpf ihn abgelöst. Die Landwirte müssen nicht nur regelmäßig nach ihren Tieren schauen. „Es hängt so viel Arbeit daran, das ist eine große Herausforderung“, sagt Endraß. Zäune reparieren, Unkraut bekämpfen, Wasserstellen aufstellen, Brunnen errichten und überprüfen. „Bis jetzt war es immer selbstverständlich, dass es die Bauern gemacht haben, aber wir werden immer weniger und die Arbeit bleibt dieselbe.“
Ein Problem sind immer wieder Wanderer und Radfahrer. „Sind die Menschen nicht umsichtig, erschrecken sich die Tiere, springen auf die Seite und verletzen sich teilweise“, schildern die beiden. Auch der Wolf sei eine Gefahr. Risse sind zwar äußerst selten, aber eine panische Kuh kann abstürzen. Deswegen haben sie zwei Hirten, die jeden Tag jedes Tier auf der Alm überprüfen, ob es ihm gutgeht. Bremsenplage, ein Stein zwischen den Klauen: Die Hirten müssen dann einschätzen, ob die Kuh Hilfe benötigt. „Wir halten engen Kontakt, damit wir immer wissen, wie die Lage ist.“
Die Zahl der Almen ist in Oberbayern stabil geblieben. Im Jahr 1950 gab es nach Angaben des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern 738 Almen, heute sind es noch 709 mit knapp 18.200 Hektar Lichtweide, also baumfreien Weideflächen. Rund 22.000 Kühe werden jedes Jahr dorthin aufgetrieben – mehrheitlich Jungvieh, das noch keine Milch gibt. Auch Schafe, Ziegen und Pferde kommen auf die Almen, wenn auch in viel kleinerer Zahl.
Der Almsommer ist gut für Tier und Natur. „Es ist erwiesen, dass die Tiere auf der Alm vom Muskel- und Knochenbau her viel stabiler sind“, erklärt Endraß. Zudem lernen sie ein ausgeprägtes Gruppenverhalten, müssen sich je nach Wetterlage anpassen. 50 Kilogramm Weidegras rupft eine Kuh im Schnitt und legt dafür bis zu fünf Kilometer am Tag zurück. Der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern vergleicht das mit „einem Höhentraining eines Leistungssportlers“.
Ist die Kuh auf der Alm, muss sie nicht am Hof gefüttert werden. Das spart Geld. Und auch die Almen profitieren. „Durch die Kuhfladen steigert sich die Artenvielfalt“, sagt Köpf. Wären keine Kühe auf den Almen, würde die Fläche verbuschen. Die abgefressenen Wiesen sind ein Hochwasser- und Lawinenschutz. Ohne die Tiere würde das Gras hochwachsen, von Regen und Schnee zusammengedrückt – und die Oberfläche wäre glatt wie eine Folie. „Wenn das Gras abgefressen ist, kann der Boden den Niederschlag viel besser aufnehmen“, sagt Endraß.
Die beiden stellen aber auch fest: „Wirtschaftlich rentiert sich der Arbeitsaufwand nicht, das ist reiner Idealismus.“ Gerade kleine Landwirte würden wegen des großen Aufwands verstärkt abwägen, ob sie die Tiere noch auf die Alm bringen.
Im Herbst holen die Bauern ihre Tiere wieder herunter. „Wir machen kein großes Aufheben darum, unsere Kühe tragen beim Almabtrieb auch keinen Schmuck“, erzählen Endraß und Köpf. Sie möchten die Tradition ihren Kindern weitergeben. Damit auch in Zukunft noch die Kuhglocken auf den Almen zu hören sind.