Beim Laser-Kampf in Litauen

von Redaktion

General Huber und Alexander Hoffmann (CSU) auf dem Truppenübungsplatz. © Fabian Hauschild/Drechsler/Bundeswehr

„Den Aggressor abschrecken“: Bundeswehrsoldaten bei einer Übung mit Kampfhubschraubern.

Vilnius – Ein Funkeln tief im Kanonenrohr des Kampfpanzers verrät: Hier steht eine besondere Schlacht bevor. Dort, wo sonst 120-Millimeter-Granaten stecken, bereit für den Abschuss auf fünf Kilometer entfernte Gegner, klemmt jetzt eine Linse. Sie bündelt einen Lichtstrahl. Ein Laser im Leopard 2A7: Das 65 Tonnen schwere deutsche Kettenmonster ist jetzt einsatzbereit. Nicht zum Gefecht, aber zur Übung.

Pabrade, ein Truppenübungsplatz in Litauen, nur gut eine Panzerschuss-Distanz von der belarussischen Grenze entfernt: Hier rüsten sich gerade hunderte deutsche Soldaten für eine ihrer größten und wichtigsten Übungen. Auf dem riesigen Areal im Baltikum – Staub und Kiefernwälder, Kiefernwälder und Staub – beginnt diese Woche die lasergestützte Übung „Freedom Shield“. Über einen Monat lang trainieren bald 3000 Soldaten aus acht Nato-Staaten den Ernstfall: die Verteidigung gegen eine russische Panzerattacke auf Europa.

Technisch ist das spektakulär. Die Laser-Leos sind Teil eines komplexen Übungsaufbaus für „Freedom Shield“. Jede Waffe im Gefecht wird mit einem Laserstrahl ausgerüstet – Panzerfäuste und Pistolen, MG und Mörser. Gleichzeitig tragen jedes der 800 Fahrzeuge und jeder Soldat sensible Sensoren. Trifft ein Laser-Kegel auf Gerät oder Körper, berechnet die Technik sekundenschnell das Ausmaß von Zerstörung und Verletzung, von Streifschuss bis Tod. Ein Piepton zeigt sogar hauchdünn verfehlte Schüsse an, praktisch das Pfeifen der Geschosse. „Realistischer können wir nicht trainieren“, schildert ein erfahrener Soldat.

In einem getarnten Zelt, von außen unauffällig, werden jetzt im Minutentakt Laser auf Waffen geschraubt. Draußen knattert eine Gewehrsalve aus dem G36. Zielen und einschießen, denn Platzpatronen begleiten die Lichtschüsse. „Eine multinationale Übung mit tausenden Soldaten zeigt die Schlagkraft dieser Brigade“, sagt Alexander Hoffmann. Er trägt als einziger hier Anzug, im Staub, und einst glänzende Schuhe. Hoffmann ist Chef der CSU im Bundestag. Er ist diese Woche nach Litauen geflogen, um den Großeinsatz der Parlamentsarmee Bundeswehr zu verfolgen. Das hier, sagt der 51-Jährige über die Laserfighter, „sendet ein klares Signal an Putin“. Der Aufwand dafür ist immens. Und bisweilen wunderlich: Jedes Detail der Großübung ist strikt geheim, kein Soldat darf sprechen, kein Foto unautorisiert geknipst werden. Andererseits stellen die internationalen Truppen riesige Panzerreihen unter freiem Himmel auf, damit jeder Spionagesatellit die geballte Macht sieht.

Was hier im Baltikum gerade läuft und wächst, ist ja eine der größten Auslandsmissionen. Wie üblich, nimmt die deutsche Öffentlichkeit wenig Notiz davon. Anfangs ein wenig Kritik über die Kosten, eine Milliarde pro Jahr, und Spott, ob man mit fünf schlecht ausgerüsteten und überbürokratisierten Panzergrenadieren wirklich die Russen stoppen wolle.

In der Realität baut die Bundeswehr im Baltikum gerade eine 5000-Mann-Brigade auf. Eines der Herzstücke ist das Panzergrenadierbataillon aus dem bayerischen Oberviechtach. Erstmals in der Geschichte der Bundeswehr wird ein Großverband dauerhaft im Ausland stationiert. Lange angelegt, Jahrzehnte wohl, Litauen baut den deutschen Soldatenfamilien schon Kitas, Schulen und Sportplätze an den Standorten Rudninkai und Rukla.

1800 deutsche Soldaten sind bereits da. Freiwillig. Was sie lockt, sagen Kenner: der präzise militärische Auftrag – Russland abschrecken. Dazu die Ausrüstung mit modernstem Gerät, der Leopard 2A8 wird fabrikneu zuallererst nach Litauen rollen, dazu Kamikazedrohnen, Schützenpanzer Puma, Panzerhaubitze 2000. Und natürlich der Auslandszuschlag, vierstellig. Ein Hauptgefreiter, A4, Familie, kommt dann auf 3200 Euro im Monat.

Ende 2027 soll die deutsche Brigade voll einsatzfähig sein. Fachbegriff „FOC“, „Full Operational Capability“. Bisher, ganz undeutsch, ist der Zeitplan sogar übertroffen. Auch, weil die Litauer die Deutschen mit so offenen Armen empfangen. Sie bauen (und zahlen) in Windeseile und ohne größere Rücksichten Infrastruktur. Teils auch im Naturschutzgebiet, keine Gelbbauchunke bremst im Baltikum. Die Litauer räumten sogar behelfsmäßig ihre modernste Kaserne für die Gäste frei. Die Angst vor einem russischen Überfall ist groß in dem kleinen 2,9-Millionen-Einwohner-Land, das sowjetische Knechtschaft kennt und eine eigene Mini-Armee hat: nur 20.000 Soldaten. Ohne Hilfe, so ein Szenario, würde Litauen von russischen Panzern binnen 36 bis 60 Stunden überrannt.

Die Bundeswehr ist als Schutzmacht also hoch willkommen; so wie Kanadier und Briten in Estland und Lettland. Ein Soldat erzählt, den olivgrünen Fahrzeugen mit dem deutschen Y-Nummernschild werde an Ampeln zugewunken. Irgendwie anders als daheim.

„Die Litauer haben einen sehr klaren Blick auf die Bedrohungslage“, sagt Parlamentarier Hoffmann. „Bei uns glauben noch zu viele: Ach, wird schon gut gehen mit Putin.“ Das Ziel der Mission ist: klarmachen, dass ein Panzerdurchmarsch nicht klappen wird. Hoffmann sagt: „Der Aufbau der Brigade in Rekordzeit sollte auch ein Mutmacher sein für uns: Da gelingt uns ein Großprojekt in einer Dimension, die uns viele nicht mehr zugetraut hätten.“

Spektakulär neben der Grenze zu üben, obwohl die Brigade noch nicht fertig ist, soll früh Putin warnen. „Wir sind hier, um jeglichen Aggressor abzuschrecken“, sagt Brigadegeneral Christoph Huber. „Bis hierher, keinen Schritt weiter.“ In einem Interview sagte der Kommandeur unlängst: „Wir verteidigen jeden Zentimeter des Natogebiets, unserer Freiheit. Ohne Zweifel.“ Zu martialische Worte? In Deutschland klingt das fremd, man murmelt hier lieber von „Zeitenwende“. In Litauen, sagt der erfahrene Panzer-General (50), spürten seine Soldaten täglich, „warum wir hier sind, warum wir gebraucht werden“.

Für den Aufstellungsappell der deutschen Brigade vor einem Jahr wählten die Litauer kein Feld im Staub. Sondern den zentralen Platz in Vilnius‘ Innenstadt vor der Kathedrale. Der Kanzler kam. Friedrich Merz sagte einen harten Satz: „Der Schutz von Vilnius ist der Schutz von Berlin.“ In Deutschland sahen sich manche an die hohle Phrase vom gescheiterten Afghanistan-Einsatz erinnert, Deutschland werde nun „am Hindukusch verteidigt“. Die Litauer hingegen berührte Merz. So sehr, dass sie den Satz in eine Gedenktafel einprägten und feierlich am alten Rathaus befestigten.

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