Europas hochgerüstete Grenze: CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann und ein Grenzschützer am Zaun. © cd
Bajorai – Plötzlich tut sich ein Loch auf im Boden des streng geschützten Sicherheitsstreifens. Aus der Erde kriecht ein Mensch, schaut sich um, sprintet zum Waldrand. Noch einer. Zwei. Fünf. Zehn. Am Ende sind 20 Gestalten aus dem Boden gekrochen. Sekunden später rasen Geländewagen der Grenzpolizei heran, Bewaffnete stürmen in den Wald.
Die bizarre Szene ist per Überwachungsvideo festgehalten. „Es ist der vierte Tunnel in diesem Jahr“, sagt ein Oberst im Kontrollzentrum der Grenzschutzeinheit. Man habe die Grabung geahnt, mit dem Auftauchen gerechnet, alle 20 Flüchtlinge im Wald gestellt. Aber der Aufwand: immens.
An der Grenze von Litauen und Belarus, 680 Kilometer lang, läuft eine besonders bittere Form der hybriden Auseinandersetzung zwischen Europa und dem Putin-Reich. Gezielt versucht Belarus, der engste militärische und politische Verbündete Russlands, Flüchtlinge aus allen Teilen der Welt über die litauische Grenze in die EU zu schleusen. „Migration als Waffe“ nennen Politik und Experten das. Videos zeigen auch, wie belarussische Soldaten die Flüchtlinge an die Grenzlinie fahren und mit vorgehaltener Waffe über die Zäune drängen. Oder eben in Tunnel, die mutmaßlich in wochenlanger Arbeit ausgehoben wurden.
■ 43.000 Flüchtlinge von Balten gestoppt
Litauen hat seine Grenze in den letzten neun Jahren extrem aufgerüstet: vier Meter hohe Zäune, davor Stacheldraht, darüber Stacheldraht, ein dichtes Kamera-Netz, Patrouillen, die mit Waffen und Jammern auch gegen Drohnen ausgerüstet sind, inzwischen sogar unterirdische Sensoren gegen Tunnel. 43.000 Flüchtlinge, zumeist Somalier, Syrer, Äthopier und vor allem junge Männer, wurden allein im letzten Jahr von den baltischen Staaten gestoppt. Seit März steigt die Zahl wieder spürbar.
Weit über 150 Millionen Euro hat die Regierung in Vilnius in die Zäune gesteckt, die EU zahlt bei Kamera- und Überwachungssystemen mit. „Wir sind die Wächter an der Grenze Europas“, sagt Vize-Innenminister Vaidotas Jakštas, Ziel vieler Migranten sei eigentlich Deutschland. Die Attacken auf die Grenze ändern sich wöchentlich, zurzeit läuft viel über Lettland. Parallel starten in Belarus hunderte mit Helium gefüllte Wetterballone, oft zum Zigarettenschmuggel oder um den Flugverkehr im Baltikum zu stören. „Manchmal habe ich das Gefühl“, sagt der Vizeminister, „dass Litauen gerade ein Übungsplatz ist, was Putin bei Desinformation, Migration, Schmuggel mit Europa vorhat.“CD