Noch sind die Koffer nicht gepackt, aber für uns haben sich Ina und Tamas schon mal fein gemacht. Die 13 gehörte Thomas Müller, jetzt trägt sie Stürmer Deniz Undav. Rechts etwas unscharf die junge Ina im FCB-Trikot beim Kicken. © Klaus Haag/privat
Baldham – Wenn Ina und Tamas am 26. Juni in Los Angeles landen, hat Deutschland gerade sein letztes Gruppenspiel hinter sich. Tamas ist überzeugt, dass die deutsche Elf dann nicht wie bei den beiden Turnieren davor schon ausgeschieden ist. „Ich habe mich über die schlechten Weltmeisterschaften in Katar und Russland geärgert“, erzählt der 39-Jährige. Lieber erinnert er sich an das Sommermärchen von 2006. Deutschland scheiterte zwar im Halbfinale dramatisch am späteren Weltmeister Italien (0:2), aber das Land schwebte auf einer Wolke der Begeisterung. „Wenn die Freude und der Zusammenhalt 20 Jahre nach der Heim-WM wieder so wären, das wäre schön“, sagt er.
Mit der Gattin zur Fußball-WM: Bei Ina und Tamas funktioniert das perfekt. Denn beide sind sportbegeistert und große Bayern-Fans. Die 38-Jährige (Lieblingsspieler Arjen Robben: „Das war einfach ein geiler Typ.“) hat ein rundes Dutzend FCB-Trikots – und selbst gespielt. „Ich wollte halt machen, was der große Bruder so macht“, erzählt sie. Also ging sie zum Kicken mit auf die Wiese. Am liebsten im Sturm. „Ich war klein und schnell“, sagt sie. Tamas war in seiner aktiven Zeit Torwart (Lieblingsspieler Oliver Kahn: „Der beste aller Zeiten.“), heute ist er Abteilungsleiter Fußball beim TSV Grasbrunn. Regelmäßig fährt das Paar zu Auswärtsspielen. Und ist es mal kein Fußball, dann Football, Basketball oder – vor allem bei Ina – Eishockey.
Zu den USA hat das Ehepaar eine besondere Beziehung. Tamas arbeitet im Homeoffice im Vertrieb für eine Halbleiterfirma aus Austin, Texas. Der Bundesstaat an der Grenze zu Mexiko ist bekannt für seine Halbleiterindustrie, wird deshalb auch „Silicon Hills“ genannt. Und: Münchner Freunde von ihnen leben in Kalifornien. Da kommt der ein oder andere USA-Trip zusammen. Auch dieses Mal führt die Reise zu den Kumpels. Drei Wochen, bis zum 14. Juli, werden Ina und Tamas bleiben.
35.000 US-Dollar für eine Finalkarte
Wohin der Weg sie führt, hängt auch vom Kartenglück ab. Eine erste Chance wäre gleich am Ankunftstag. Am 26. Juni spielt Gastgeber USA gegen die Türkei – just im Los-Angeles-Stadion, wo sonst die Football-Teams der Rams und der Chargers zu Hause sind. Kumpel Michael forscht vor Ort schon nach Tickets, aber Tamas hat wenig Hoffnung, gleich so ein Highlight zu ergattern.
Die WM bietet freilich viele Chancen. Erstmals 48 Mannschaften (bisher 32), 104 Spiele in 16 Stadien in den USA, Kanada und Mexiko. Irgendwo, da ist sich Tamas sicher, wird was gehen. Die Frage ist: zu welchem Preis? Denn die FIFA langt ordentlich hin. Auf dem offiziellen Ticketportal werden aktuell 1175 bis 2800 Dollar für das Deutschland-Spiel gegen Curacao aufgerufen. Gegen Ecuador sind es 2200 bis 3000 Dollar. Wer noch eine Karte fürs Finale will: Kein Problem – wenn man 35.000 Dollar übrig hat. Dafür gibt es in der „Trophy Lounge“ Champagner und Spitzenküche. Ein Parkplatz ist inklusive – je nach Verfügbarkeit, wie es bei der FIFA heißt.
In solchen Kategorien denken Ina und Tamas nicht. Aber sie denken auch nicht, dass die Stadien immer voll sind. „Ich bin mir sicher, dass wir für das ein oder andere Spiel Restkarten bekommen“, sagt Tamas. Nächste Frage: wo? Die Entfernungen sind nämlich gewaltig. So liegen zwischen dem Vancouver-Stadion in Kanada und dem Miami-Stadion schlappe 4500 Kilometer. Auch das muss eingepreist werden.
Natürlich hoffen die beiden auf ein Spiel mit Deutschland. „Das wäre schon Wahnsinn!“, sagt Tamas. Dafür, lässt er durchblicken, würde er ein paar Euro hinlegen. Ein Stück realistischer würde der Traum, wenn die Nagelsmann-Elf die Gruppe nur als Zweiter abschließt. Dann wäre ihr Sechzehntelfinale am 30. Juni in Dallas. Das sind zwar immer noch 2000 Kilometer Luftlinie, aber nach Boston wären es knapp 4200. Dorthin müssten Ina und Tamas, wenn Deutschland seine Gruppe gewinnt.
Politisch machen sich die beiden keine großen Sorgen. Ja, die Konstellation gefalle ihnen gerade nicht, sagt Tamas. Aber in Deutschland werde sehr viel mehr über Trump geredet als in den USA selbst. Außerdem seien sie im „durch und durch demokratischen Kalifornien“.
Sollte es mit Tickets nicht klappen, geht für Ina und Tamas die Welt nicht unter. „Unsere Freunde leben in einer coolen Community mit Grillplätzen und Pools“, verrät Tamas. Fußball-Partys sind also garantiert. Zudem sind mehrtägige Ausflüge nach Las Vegas und Austin geplant. „Wir lassen das einfach auf uns zukommen.“
Und wer wird Weltmeister? „Spanien“, sagt Tamas trocken. Ina muss grübeln. „Frankreich“, sagt sie dann. Für Deutschland wäre das eine düstere Prognose, denn Frankreich könnte der Gegner im Achtelfinale sein. „Frankreich“, sagt Ina, „das wäre knackig!“. Tamas ist da optimistischer. „Wir hauen die Franzosen raus!“. Die beiden schauen sich an und grinsen. Die Vorfreude auf die Reise steigt. Auch ohne Tickets.