Valentin und Karlstadt kehren bald heim

von Redaktion

Endlich mehr Platz: Sammlungsleiterin Laura Mokrohs im neuen Archiv des Valentin-Karlstadt-Musäums. © M. Schlaf

Noch ist das Musäum Baustelle. Ein Blick in den Raum mit der Volkssängerausstellung. © Marcus Schlaf

Liesl Karlstadt und Karl Valentin im legendären Kurzfilm „Der Firmling“. © Archiv Heinz Gebhardt

Das Valentin-Karlstadt-Musäum ist im Münchner Isartor beheimatet und musste umfassend saniert werden. Auf dem Foto rechts sitzt Direktorin Sabine Rinberger zwischen Umzugskisten und Putzutensilien. © Marcus Schlaf

München – Kennen Sie den Film in der Bäckerei? Karl Valentin will eine Brezn in „B“-Form gebacken haben und bringt den Bäcker (Liesl Karlstadt) zur Weißglut. Mit „B“ hat Sabine Rinberger auch Erfahrungen, die am Nervenkostüm rütteln. Die Direktorin vom Valentin-Karlstadt-Musäum leidet unter „B“ wie Brandschutz und Barrierefreiheit. Aber keine Sorge: „Beim Nervenarzt“ (so heißt der Brezn-Film) muss sie sich nicht einfinden.

Das Haus soll nach fast zwei Jahren Umbau und Sanierung wie geplant am 10. Juli wiedereröffnen. Allerdings: Die überfälligen Maßnahmen für die Sicherheit haben Grenzen, und Barrierefreiheit wird es nach wie vor nicht geben. Wegen der Behörde (noch ein „B“) für Denkmalschutz. Die verbietet zwei schlanke Außenaufzüge im Innenhof, weil sie das Bauwerk verschandeln würden.

Dabei, so Historikerin Rinberger, sei das 700 Jahre alte Isartor längst nicht mehr nur gotisches Mittelalter, sondern unter den Wittelsbachern im 19. Jahrhundert romantisiert. „Der Uhrturm ist zwei Stockwerke tiefer als original, da stimmen die Proportionen ohnehin nicht.“ Der Wehrgang wurde vor Olympia 1972 neu gestaltet, die S-Bahn unters Tor gegraben, das gesamte Umfeld umgebaut. Dass das Projekt Glasdach über dem Hof ernsthaft diskutiert wird, störe den Denkmalschutz offenbar wenig. Obwohl dieser Eingriff viel rabiater ist als Aufzüge im Innenhof.

Zur Sicherheit gibt es unter anderem Hightech-Brandschutztüren im engen Treppenhaus. Im Ernstfall rückt die nahe Berufsfeuerwehr aus. Gerettet wird dann über die Fenster. Im Südturm soll zwischen dem ersten und zweiten Obergeschoss eine kleine Öffnung mit Leiter als weiterer Rettungsweg gebaut werden. Neu sind etwa die Elektrik und der Anschluss ans Fernwärmenetz. Die enge Baustellen-Situation machte viel Abstimmung nötig.

Eng wird’s auch für die Besucher wieder werden, aber das kennen sie ja – wo sonst gibt es so einen herrlichen Ort mit runden Räumen und dem gemütlichen Turmstüberl unterm Dach? „Wir hatten bis zu 700 Besucher am Tag, da wollen wir wieder hin“, sagt Rinberger. Vor der Sanierung durften allerdings nur noch 50 Menschen gleichzeitig im Musäum sein – eben aus Sicherheitsgründen.

Die wohl umfassendste Neuerung betrifft das Obergeschoss des Nordturms. Hier ist das neue Archiv beheimatet. Die Kosten hat das Musäum über Spenden gedeckt: rund 40.000 Euro. Beim Ausräumen, das hier extrem mühsam war, weil alles genau beschriftet und geordnet werden musste, kamen auch Fenster wieder zum Vorschein, die keiner mehr auf dem Schirm hatte. Es standen Regale davor. Das neue Archiv bietet jetzt mehr Platz. „Das war früher bis unter die Decke vollgestopft“, sagt Sammlungsleiterin Laura Mokrohs.

Ein einzigartiges Duo

Das Team erinnert sich schmunzelnd, dass es hier immer so gezogen habe. Im Laufe des Umbaus wurde klar, warum: Die Bahn hatte hier Abluftrohre für die S-Bahn installiert – im bis 1972 nicht genutzten Nordturm. „Das war der Pragmatismus der Zeit.“

Eine Klimaanlage gibt es nach wie vor nirgendwo. Rinberger trocken: „Die Stadt sagt, die gehört nicht zur Baumaßnahme.“ Und so hofft man auf die dicken Mauern. Immerhin ist die Heizungsanlage neu. Die Temperatur sollte nicht mehr als 19 Grad betragen, mit Ausnahme des Turmstüberls. Die Raumfläche (runde 55 Quadratmeter pro Ausstellungssaal) wird neu bespielt. Einzelheiten werden noch nicht verraten, aber: „Liesl Karlstadt wird ganz neu gedacht“, sagt Renate Luba, die stellvertretende Musäums-Leiterin.

Eine spannende, unkonventionelle Frau, diese Karlstadt. Sie schlüpfte in Männerrollen, fuhr Auto, machte schwierige Bergtouren, war überhaupt die Mutige des genialen Duos. Rinberger: „Als die erste Rundfunkaufnahme anstand, hatte sich Valentin nicht getraut und Karlstadt vorgeschickt. Die erste Sendung ist ausschließlich mit ihr.“

Alle betonen, wie einmalig das Duo Valentin-Karlstadt weltweit war und ist. Es kann nur zusammen gedacht werden: „Jeder hatte seine Aufgabe, das funktioniert nur so.“ Klar ist jedoch: „Valentin war komplett anarchistisch und jenseits aller Regeln, das macht das Werk so groß“, sagt Rinberger. Das Werk besteht unter anderem aus Bühnenstücken, Rundfunk und fantastischen Filmen der damals noch so jungen Kunstform. Eine neue Abteilung wird das Duo eigens beleuchten. Und im Treppenhaus wird das Bühnenstück „Der Flug zum Mond mit dem Raketenflugzeug“ von 1928 realisiert. Leider existieren nur noch Fragmente und eine Original-Fotografie.

Unterm Dach des Südturms bleibt das Turmstüberl zum Sitzen, Ratschen, Essen und Trinken. Es wird behutsam renoviert. Viele bekannte Exponate werden umgestellt und umgehängt, neue gesellen sich dazu. „Wir haben es komplett aus- und eingeräumt“, sagt Rinberger. Dabei wurden auch Bierflaschen von 1972 entdeckt. Die erhalten einen Ehrenplatz in einer Vitrine.

Künftig wird es Führungen geben, auch durchs neue Archiv. Dort kann man etwa Tanzkarten um 1900 bewundern, zumeist aus Wien, die Musäums-Gründer Hannes König gesammelt hatte. Auf den schmucken Jugendstil-Kärtchen trugen die Damen vor über 100 Jahren ihre Tanzpartner auf den Bällen ein. Mit Vor- und Nachnamen. „Ballzeichen“ nannte man das.

Auf dem Weg nach unten spricht die Chefin vom „Besucher-Traumpaar Oma mit Enkel“. Vielleicht wird das Musäum irgendwann auch für alle offen sein, die nicht gut zu Fuß sind. „Wir werden sehen“, sagt Rinberger. Frei nach Valentin: Mögen hätten schon viele wollen, aber dürfen hat sich der Denkmalschutz nicht getraut.

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