Besuch in einer Realität nach der Zeitenwende

von Redaktion

Annika Krause aus Berchtesgaden ist eine der Besucherinnen in Neubiberg. © Andreas Mayr

Hubschrauber-Einsatz aus der Nähe: Zuschauer filmen eine Abseil-Aktion in Neubiberg. © Andreas Mayr

Ein Leopard 2A7V rast mit einer Kette über ein Autowrack hinweg: Der Panzer-Einsatz war Teil der Vorführung. © AFP

Das Gebirgsmusikkorps im Einsatz. © Andreas Mayr

Ein Fallschirmspringer landet neben Minister Pistorius. © dpa

Blick aus dem Panzer: Jakob Kölbl aus Marktoberdorf darf unter Anleitung der Besatzung probesitzen. © Andreas Mayr

Neubiberg – Der kleine Bub im großen Panzer hat eine Frage. Was er denn für einen Schulabschluss braucht, um dieses Gefährt einmal steuern zu dürfen, will Jakob Kölbl aus Marktoberdorf wissen. Er sitzt im Innenraum des Schützenpanzers Puma, wird sich später noch Kopfhörer überziehen und nach der Lautstärke erkundigen, die so ein Schuss verursacht (nebenbei: 160 bis 170 Dezibel). Als er erfährt, dass eigentlich jeder Abschluss gut genug ist, nicken er und sein Freund zufrieden. Unweigerlich muss man an Boris Pistorius denken, der kurz zuvor erklären musste, warum die Bundeswehr schon bei den Kleinen auf Militär-Romantik setzt. „Ich würde auch lieber in einer Welt leben, in der alle Länder friedlich wären“, sagte der Verteidigungsminister.

Die Zeiten, in denen die Deutschen glauben durften, es gebe praktisch keine Bösen mehr auf diesem Planeten, nur noch Freunde und Verbündete, sind vorüber. Ganze Generationen wuchsen in trügerischer Sicherheit auf und sahen, wie um sie herum Kasernen schlossen, über 100 seit dem Ende des Kalten Kriegs. Schritt für Schritt verschwand die Bundeswehr aus der Ortsoptik – damit aus dem Bewusstsein der Menschen. Und dann zack, Zeitenwende, Ukraine-Krieg, der nun schon fünf Jahre dauert, länger als der Erste Weltkrieg, wie Pistorius immer wieder anmerkt an jenem Tag. Deutschland braucht jetzt Soldaten. 75.000 zusätzliche in zehn Jahren. 260.000 avisiert der Minister bis 2035, nachzulesen im aktuellen Wehrreport. Zum Jahresende 2025 waren es exakt 184.194.

Der kleine Jakob im Schützenpanzer ist einer von 40.000 Gästen in Neubiberg beim Tag der Bundeswehr. In Worten: vierzigtausend. Bereits vor Mittag waren alle Rekorde – auch deutschlandweit – gesprengt. Annika Krause, eine junge Frau aus Berchtesgaden, sagt: Bundeswehr? „Das ist voll was Positives. Die Leute stehen bereit für uns.“ Robin Jürss aus München findet: Bundeswehr? „Da habe ich positive Gedanken. Nicht mehr wie als Kind, als mir das viel brutaler vorkam.“ Eine Zeitenwende muss zunächst im Kopf stattfinden.

Die Bundeswehr tut alles dafür, wieder in der Lebenswirklichkeit der (jungen) Menschen anzukommen. Wenn sich Robin Jürss in die Tram zur Uni setzt, rauscht immer wieder dieses große Plakat an der Hausfassade vorbei. Zu sehen sind Soldatinnen und Soldaten, aufbereitet und aufgehübscht wie im Spielfilm. Auf Youtube werden oft kurze Werbeclips eingespielt. Hauptdarsteller sind Influencer im Tarngewand. Das Karrierecenter der Bundeswehr in Stuttgart stand mit seinem Truck schon auf der Kieler Woche, einer Segelregatta, und auf Wacken, beim Heavy-Metal-Festival.

Das wabernde Gefühl dieses sonnigen Samstags in Neubiberg, dass eigentlich alle die Bundeswehr gut finden, lässt sich in Zahlen stanzen. Bei der jüngsten bundesweiten Umfrage im September gaben 82 Prozent an, der Bundeswehr gegenüber positiv eingestellt zu sein. Seit Jahrzehnten liegen die Werte so hoch. Aber: Nur die Hälfte hält sie auch für einen attraktiven Arbeitgeber. Annika Krause sagt eben auch: Bundeswehr? „Im Moment nicht. Ich hab’ zu viel Angst vor dem Krieg.“ Robin Jürss sagt: Bundeswehr? „Durch die Grundausbildung verliere ich ein Jahr Karriere.“ Kein Wunder, wo doch über Jahrzehnte erzählt wurde, warum es weniger Bundeswehr braucht.

Jetzt ist Zeitenwende, und man ahnt, für wen dieser Tag – all die fliegenden Eurofighter, die abgeseilten Soldaten, die von Panzern plattgewalzten Autos – ganz besonders gedacht ist: Eine Gesellschaft muss „kriegstüchtig“ werden, das ist eine der Vokabeln zur Zeitenwende. An dem Begriff stören sich manche. Boris Pistorius versteht ihn jedenfalls so: Es braucht Streitkräfte, um sich verteidigen zu können. Kriegstüchtig zu sein, bedeutet für ihn, „die Fähigkeit, einen Krieg führen zu können“. Sein Vergleich. „Wenn es niemals brennt, sieht auch keiner die Feuerwehr.“

Wie bekommt man nun die Jugend in die Kasernen und sorgt dafür, dass sie auch bleiben? Vielleicht ja mit Menschen wie Felix G. oder Pascal S., zwei der 500 neuen Offiziere, befördert in den Stand des Leutnants vor tausenden Zusehern. Ihre Nachnamen nennen sie aus Sicherheitsgründen nicht, ihre Geschichten aber wollen sie erzählen. Pascal S. wuchs an der Nordsee auf, sein Vater diente bei der Marine, er folgte. „Eine der besten Entscheidungen, die ich getroffen habe“, sagt der Maschinenbau-Student. Felix G. aus Rheinland-Pfalz war kürzlich in West Point, nördlich von New York, für einen Militär-Wettkampf, Anfang des Jahres übte er in den Dünen Dänemarks den Ernstfall. Seinen Freunden erzählt er gerne: „Seit ich bei der Bundeswehr bin, sehe ich das nicht mehr als Arbeit.“ Kameradschaft, ein sicherer Arbeitgeber, die Vielfalt des Alltags, das sagen Soldaten.

Vielleicht sind am Ende sie die stärksten Magneten der Bundeswehr. Ihre Beförderungsurkunde händigt Pistorius höchstselbst aus, die Dokumente kommen aus der Luft, eingeflogen von vier Fallschirmjägern. Über allem steht die unmissverständliche Botschaft des Ministers, eine Art Leitmotiv des Aktionstags: „Unser Land braucht Sie.“

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