München – Carlo Masala ist Professor für Sicherheits- und Verteidigungspolitik an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg und Militärexperte. Ein Gespräch über die Notwendigkeit einer Wehrpflicht und die sicherheitspolitische Rolle Deutschlands in Europa.
Wie wichtig ist ein solcher Tag der offenen Tür der Bundeswehr, um neues Personal zu gewinnen?
Ich glaube gar nicht, dass der Tag dafür gedacht ist, sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren. Es ist eher eine Öffnung in die Gesellschaft hinein. Eine Armee lebt von der Akzeptanz für ihre Aufgaben. Wenn die Bevölkerung, die rund um die Standorte lebt, keine Ahnung hat, was die Bundeswehr dort eigentlich macht, trägt das nicht zum Vertrauen bei. Deshalb ist das extrem wichtig.
Es bewerben sich zwar wieder mehr junge Leute – aber reicht das?
Es ist meine feste Überzeugung, dass wir es mit Freiwilligkeit nicht hinbekommen. Die Bundeswehr kommt in eine Phase, in der viele Soldaten pensioniert werden. Das trägt nicht dazu bei, unsere Verpflichtungen in Europa auf lange Sicht erfüllen zu können. Streitkräfte haben, außer vielleicht in den USA, noch nie auf freiwilliger Basis einen massiven Zulauf erfahren. Um eine moderne Form der Wehrpflicht wird diese Regierung nicht herumkommen.
Wann wird diese Erkenntnis reifen?
Eigentlich müsste man schnell umsteuern, aber da es eine politische Frage ist, wird das wohl länger dauern. Man wird ein Zeitfenster abwarten, in dem nicht die nächsten Landtagswahlen bereits vor der Türe stehen. Der einfache Grund ist, dass man Angst hat, junge Wähler zu verprellen. Es gibt auch große Widerstände aus der SPD.
Also keinesfalls heuer.
Nein, das glaube ich nicht.
Wie stehen Sie zu einer Wehrpflicht für Frauen?
Ich wäre ein Befürworter. Aber solange diese Regierung im Amt ist, wird es keine Wehrpflicht für Frauen geben. Dazu müsste man das Grundgesetz ändern – und das bekommen sie in der jetzigen Zusammensetzung des Bundestags nicht hin. Weder die AfD noch die Linke würden dafür stimmen, für eine Grundgesetzänderung braucht es aber eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Sie haben dafür in dieser Legislatur keine Mehrheit.
Wie kann sich die Bundeswehr als Arbeitgeber noch attraktiver machen?
Die Bundeswehr ist bereits heute ein extrem attraktiver Arbeitgeber. Wenn Sie als 18-Jähriger aus der Schule kommen und zur Bundeswehr gehen, verdienen Sie so viel Geld wie in einer Ausbildung und den ersten Berufsjahren nicht. Das müsste man nur mehr kommunizieren. Die Bundeswehr finanziert auch den Übergang zum zivilen Leben. Das macht kein anderer Arbeitgeber. Das ist auch nicht der Punkt, warum junge Leute nicht zur Bundeswehr gehen.
Sondern?
Wenn 20 Prozent bei Umfragen sagen, sie seien bereit, ihr Land zu verteidigen, wäre ich vorsichtig. Wenn ich 18 bin, ist das Konzept „Ich tue etwas für mein Land“ doch viel zu abstrakt. Auch früher ist kaum jemand zur Bundeswehr gegangen, um das Konstrukt Deutschland zu verteidigen. Dazu kommt: Ich kann einer Generation, die wegen Corona jahrelang isoliert war und der gerade viel von der Zukunft genommen wird, schwer glaubhaft verkaufen, dass sie der Gesellschaft etwas zurückgeben soll. Ich halte die Gegenfrage „Was gibt die Gesellschaft mir?“ für legitim.
Drohnen, Roboter, Künstliche Intelligenz: Kriegsführung verändert sich. Ist die Bundeswehr gerüstet?
Die Bundeswehr wird momentan in allen Bereichen vom Kopf auf die Füße gestellt. Die Frage ist, wie die neue Technologisierung in die Truppenteile integriert wird. Man muss da, wo es geht, möglichst viel Entscheidungsfreiheit nach unten delegieren, also dezentralisieren. Bedeutet: Man bekommt von oben das Ziel vorgegeben, aber wie man dieses erreicht, ist weitgehend den Kommandeuren der Einheiten vor Ort überlassen. Mit so einer Auftragstaktik wird in der Bundeswehr schon immer ausgebildet. Das ist ihr Prinzip. Das Gegenteil ist die Befehlstaktik, wie sie zum Beispiel in der russischen, aber auch der US-amerikanischen oder britischen Armee vorherrscht.
Also ist die Bundeswehr gar nicht so marode?
Die Infrastruktur ist alt, und das Gerät ist nicht vorhanden. Ohne Panzer können sie keine Panzerschlacht führen. Aber strategisch ist in der Bundeswehr alles für eine moderne Kriegsführung vorhanden.
Deutschland wird eine neue Führungsrolle in Europa abverlangt. Zu Recht?
Es gibt keinen anderen Staat, der das übernehmen kann. Auch nicht die Franzosen oder Briten. Wir sind die einzigen, die die finanziellen Mittel dazu haben. Wir sind die stärkste Volkswirtschaft. Wir füllen diese Führungsrolle auch aus. Die meisten Initiativen bei Verteidigungsfragen sind in den vergangenen Jahren von Deutschland zumindest mit angestoßen worden. Das wird in Europa auch wahrgenommen.