Barcelona schnappt Ulm den Titel weg

von Redaktion

Das Ulmer Münster von innen. Rechts: Dekan Torsten Krannich (o.) und OB Martin Ansbacher. © pa (2), privat

Die Sagrada Família von innen: Die Säulen bilden, als Bäume gestaltet, oben ein lichtdurchlässiges Blätterdach. © imago

München – „Nein“, sagt Torsten Krannich, „aus Barcelona habe ich nichts gehört.“ Er habe damit aber auch nicht gerechnet, betont der Dekan des Ulmer Münsters. „Die haben bestimmt andere Sorgen, als an Ulm zu denken.“ Aber eine Einladung zur Einweihung, die hätte er schon angenommen. „Selbstverständlich“, sagt Krannich und lacht. „Das ist schließlich eine große Sache.“

Die Sache ist tatsächlich groß – und hoch. 172,50 Meter ragt der Jesus-Christus-Turm in den Himmel. Schuld ist das 17 Meter hohe begehbare Kreuz, das seit Februar vollendet ist. Um ganze elf Meter überragt der Turm in Barcelona nun den bisherigen Rekordhalter: den Turm des Ulmer Münsters, der den Titel 135 Jahre lang innehatte.

Am 10. Juni, dem 100. Todestag von Antoni Gaudí, wird der Jesus-Turm von Papst Leo XIV. gesegnet und eingeweiht. Die Zeremonie wird, weil die 4000 Plätze in der Basilika nicht ausreichen, nach außen auf große Leinwände übertragen. Zudem will der Papst am Grab Gaudís in der Krypta beten.

Die Sagrada Família, deren vollständiger Name Basilica i Temple Expiatori de la Sagrada Família (Basilika und Sühnetempel der Heiligen Familie) lautet, ist das Meisterwerk Gaudís, des „Architekten Gottes“, der seine Schaffenskraft ganz in den Dienst seines katholischen Glaubens stellte.

1883 übernahm der damals 31-Jährige die Planung des Gotteshauses nördlich der Altstadt von Barcelona. Die Arbeiten hatten bereits ein Jahr zuvor begonnen, wegen Unstimmigkeiten war aber der anfänglich beauftragte Architekt zurückgetreten. Antoni Gaudí gestaltet den Bau um. Statt des ursprünglich geplanten neugotischen Stils erdenkt der visionäre und tiefgläubige Architekt ein Gotteshaus aus Licht und Farbenspiel. Geschwungene Linien, geschlungene Formen – und Pfeiler, die als Bäume geformt den Innenraum in einen überirdischen Zauberwald zu Ehren Gottes verwandeln.

Alles in der Sagrada Família erzählt von der Geburt, dem Leiden und der Auferstehung Christi. „Gaudí hat das Evangelium in Stein übersetzt“, beschreibt Papst Benedikt Gaudís Werk, als er 2010 das Gotteshaus feierlich einweiht.

Der 161 Meter hohe Turm des Ulmer Münsters wird 1890, also zu Lebzeiten Gaudís, fertiggestellt. Erwähnt hat Gaudí das Münster nie – zumindest existieren dafür keine Belege. Auch nicht dafür, dass der Katalane den Ulmer Turm absichtlich übertrumpfen wollte. Vielmehr orientierte sich Gaudí, so wie in seiner gesamten Arbeit, an der Natur. Sein Maßstab ist der Hausberg Barcelonas, der Montjuïc. Dieser ist 173 Meter hoch. Der Jesus-Turm, legte Gaudí fest, solle einen halben Meter niedriger sein, da Menschenwerk das Werk Gottes nicht übertreffen dürfe.

An den Tatsachen ändert das nichts – das Ulmer Münster hat seinen Weltrekord verloren. „Es ist keine große Überraschung, schließlich haben wir es seit einiger Zeit kommen sehen“, sagt Krannich. Im ersten Moment habe man schon die Luft angehalten. „Aber dann atmet man aus – und weiter geht’s.“ Diese „Höhengeschichte“ sei keine, die die Menschen im Münster groß beschäftige.

Ulms Oberbürgermeister Martin Ansbacher (SPD) ist ähnlich entspannt. Natürlich könne der Verlust dieses Superlativs im ersten Moment als „schmerzhaft“ empfunden werden. „Aber das Münster ist doch sehr viel mehr als ein Höhenrekord.“ Es sei Teil der Identität der Stadt. „Es ist und bleibt unser Wahrzeichen, zentrales Symbol und Zuflucht in unserer Stadt“, sagt Ansbacher.

Dennoch: Broschüren, Infoblätter und Internettexte mussten angepasst werden. Auf der Tourismusseite ist jetzt vom „höchsten Kirchturm Deutschlands!“ die Rede. Mit Ausrufezeichen. Es gebe durchaus Überlegungen, wie sich der Kirchturm „neu positionieren“ lasse, sagt Krannich. Gesucht werde noch das richtige Alleinstellungsmerkmal – vielleicht so etwas wie der „historisch höchste Kirchturm der Welt“. Man sei noch in der Findungsphase.

Ohnehin, findet der Dekan, dürfe man das Ulmer Münster und die Sagrada Família nicht vergleichen. „Das Ulmer Münster ist eine historische Kirche, die Sagrada Família eine Neubaukirche mit einer ganz anderen Bautechnik.“

Liest man sich durch die Kommentarspalten einiger Artikel und Posts zum Thema Weltrekord-Verlust, stößt man unter Ulmern auf trotzige Gelassenheit. „Das Münster bleibt für uns die Nummer eins“, heißt es da. Und dass die Verbundenheit der Bürger mit ihrem Münster nicht von irgendwelchen Turmhöhen abhänge. Am wichtigsten sei, so ein Kommentator, ohnehin ein ganz anderer Rekord. „Das Ulmer Münster ist höher als der Kölner Dom.“

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