Hans Maier – fünf Leben in einem

von Redaktion

Mit dem Theologen Joseph Ratzinger, dem späteren Papst, schrieb Hans Maier ein Buch, dann zerstritten sie sich. © dpa

Talentförderung: Maier mit der jungen Sunnyi Melles. © SZ

Ein Mann der Bücher: Hans Maier in seinem Arbeitszimmer. © Matthias Balk/dpa

München – Noch wenige Tage, dann wäre Hans Maier am 18. Juni 95 Jahre alt geworden. Doch wie die Familie mitteilte, starb der frühere bayerische Kultusminister und einstige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken nach kurzer Krankheit am Montagabend in einem Münchner Krankenhaus – nur drei Monate nach seiner geliebten Frau Adelheid (87). Mit ihr war er mehr als 60 Jahre verheiratet. Aus der Ehe gingen sechs Töchter hervor.

Maier gehörte zu jenen wenigen Persönlichkeiten, die nicht auf eine Sache reduziert werden konnten. Im Grunde waren es fünf Leben in einem: Wissenschaftler, Politiker, Katholik, Kirchenmusiker und Familienmensch. Geboren 1931 in Freiburg im Breisgau, war er der erste in der Familie, der Akademiker wurde. Mit seinen intellektuellen Fähigkeiten brachte sich Maier nicht nur in die Geisteswissenschaft ein. Geprägt von den Erfahrungen der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs war es für ihn selbstverständlich, sich gesellschaftlich in der jungen Bundesrepublik Deutschland zu engagieren.

Wer ihn in seinem Zuhause in München-Harlaching besuchte, konnte sich anhand der Bibliothek ein Bild von seiner Vielseitigkeit machen. Im Wohnzimmer, wo er Gäste empfing, füllten schöngeistige Bücher die Regale, im Arbeitszimmer waren es die wissenschaftlichen und politischen Werke. Die musikalische Literatur hatte der Organist da untergebracht, wo sein Klavier stand.

2021 übergab er einen Großteil seiner Privatbibliothek, mehr als 1700 Bücher, der Katholischen Akademie in Bayern mit Sitz in München. Im ersten Stock des auf dem Gelände stehenden Schlosses Suresnes hat sie ihren Platz gefunden und kann auch genutzt werden. Das passt. Denn im Erdgeschoss befindet sich die Bibliothek von Romano Guardini. Den nach dem großen Religionsphilosophen benannten Lehrstuhl an der Münchner Universität hatte Maier von 1988 bis 1999 inne.

In Freiburg und in München hatte Maier Geschichte, Romanistik, Germanistik und Philosophie studiert. Nach Promotion und Habilitation folgte 1962 der Ruf als Professor für Politik an die Münchner Universität. Die Familie war beruhigt, immerhin verfügte der Mann jetzt über ein Einkommen und war nicht mehr auf Stipendien angewiesen.

Und die Frau fürs Leben hatte er auch gefunden. Seine Familie ging Maier stets über alles. Kinder, Enkel und Urenkel, die sich über die Jahre einstellten, hielten ihn lebendig und sorgten auch dafür, dass er selbstverständlich als Senior von der Schreibmaschine auf den Computer umsattelte. Fortan schrieb er darauf seine Texte.

Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel (CSU) holte 1970 den Nicht-Bayer Maier (geboren in Freiburg) ins Kabinett. Der Professor wurde Kultusminister. Er blieb 16 Jahre, bis er sich mit Franz Josef Strauß zerstritt. Dem Streit ist Maier zeitlebens, weder in der Politik noch in der Kirche, aus dem Weg gegangen.

Streit mit Ratzinger

Über „Demokratie in der Kirche“ schrieb er 1970 mit dem Theologen Joseph Ratzinger ein international beachtetes Buch. Er freute sich über dessen Beförderung zum Münchner Erzbischof. Die Wege der beiden trennten sich, als Ratzinger an die Spitze der Römischen Glaubenskongregation berufen wurde.

Zum Zerwürfnis kam es wegen der Kontroverse um die Schwangerenkonfliktberatung. Ratzinger bewog Papst Johannes Paul II. zur Intervention in Deutschland. Die Bischöfe mussten die katholischen Beratungsstellen aus der Pflichtberatung nehmen; Laien wie Maier gründeten daraufhin den Beratungsverein Donum vitae. Ratzingers Wahl zum Papst begrüßte Maier 2005 dennoch: „Wir haben nicht viele Theologen, nicht viele Kirchenmänner von seinem Format.“ Zur echten Aussöhnung kam es aber nicht.

„Mein Ort war immer die radikale Mitte“

Auch zu tagespolitischen Themen meldete sich Maier immer wieder zu Wort. Er sei nie ein Konservativer oder Linker gewesen, sagte er. „Mein Ort war immer die radikale Mitte.“ Für Gespräche zeigte er sich offen. Denn: „Wenn Menschen mit vernünftigen Gründen für etwas kämpfen und dabei Rücksicht auf ihre Gegner nehmen, tut das unserer Demokratie gut.“ Schon vor zehn Jahren riet Maier der Union in Sachen AfD: „Nicht nachäffen, sondern klaren Standpunkt zeigen.“

In seinen 2011 erschienenen Lebenserinnerungen „Böse Jahre, gute Jahre“ hielt Maier fest, das Alter sei eine seltsame Zeit. „Alles ist paradox: Man hat gelernt, man hat Erfahrung gewonnen, man ist im Besitz vieler Mittel – aber man muss den Besitz bald aus der Hand geben.“ Die Zeit nach dem Beruf, nach der Öffentlichkeit, sei die schönste Zeit im Leben. „Schade, dass sie auch die letzte ist“, sinnierte er und schloss mit einer Gedichtzeile von Marie Noël: „O mein Gott, der du mich hältst, halte mich gut! Hilf mir beim Hinabsteigen!“ Der wache Geist und die Stimme dieses Mannes werden fehlen.

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