Verachtung und Hochachtung: Hans Maier (li.) und Franz Josef Strauß. © imago
München – Ende Oktober 1986: Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU) schreitet im Landtag mit seinen Ministern zur Vereidigung des neuen Kabinetts. Die Abgeordneten erheben sich, klopfen auf die Pulte – aber ihr Applaus gilt nicht der Ministerriege. Sondern einem, der nicht mehr dabei sein darf: Hans Maier, damals 55, hatte sich dem Plan von Strauß widersetzt, das Wissenschafts- und Kultusressort in zwei Ministerien aufzuspalten. Mit ihm war der Teilungsplan vorher nicht besprochen worden. Aber Strauß setzte sich durch. Maier, dem nur noch die kleinere Wissenschaft-Abteilung bleiben sollte, schied nach 16 Jahren als Kultus- und Wissenschaftsminister aus. Er habe wohl zu wenig gegen „linke Lehrer“ unternommen, mutmaßte man damals.
Neuer Schulminister wurde dann der Erdinger Hans Zehetmair, die Wissenschaft übernahm der TU-Professor Wolfgang Wild. „Auf der Strecke geblieben war ein Edelkonservativer“, schrieb der „Spiegel“ über Maier. Sein Weggang galt als „eine wirkliche Sensation“, schrieb der Historiker Horst Möller später in seiner Strauß-Biographie.
Der wenig vornehme Rausschmiss aus dem Kabinett erstaunte – ist aber bezeichnend für das spannungsvolle Verhältnis dieser zwei Alpha-Tiere der CSU. 1970 gehörte Strauß noch zu den Förderern von Maier. Es war wohl der CSU-Chef persönlich, der durchsetzte, dass der damalige Ministerpräsident Alfons Goppel den im praktischen Politikbetrieb unerfahrenen Politologie-Professor Maier ins Kabinett berief, obwohl der damals noch nicht einmal CSU-Mitglied war. Unter Goppel und (seit 1978) dessen Nachfolger Strauß entwickelte sich Maier aber zu einem machtbewussten Minister, von dessen bundesweiter Statur heutige CSU-Bildungspolitiker nur träumen können. Maier trieb die sogenannte Bildungsexpansion voran. In seinen 16 Jahren stieg zum Beispiel die Zahl bayerischer Realschulen und Gymnasien um 30 Prozent. Zugleich war er Wortführer der (unionsgeführten) B-Länder im damals ideologisch geführten Streit um Bildungsreformen. Es ist wohl ihm zu verdanken, dass es in Bayern bis heute keine Gesamtschulen wie in Nordrhein-Westfalen gibt. Maier sei der „wirksamste Gegner sozialdemokratischer Bildungspolitiker“ gewesen, würdigte ihn 1986 der SPD-Politiker Peter Glotz.
Strauß‘ Haltung zu Maier schwankte wohl zeitlebens zwischen Hochachtung und Verachtung. Legendär ein Abend 1976 auf der Seiser Alm in Südtirol, als Strauß die CSU-Minister einen nach dem anderen in Einzelgesprächen fügsam machen wollte. „Endlich, es war schon 2 Uhr nachts, war ich an der Reihe“, berichtete Maier später. „Leider war Strauß zu dieser Zeit seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er tobte und schrie (…), attackierte mich als ‚arroganten Professor‘.“ Maier weiter: „Ich war schockiert.“ Eine besondere Episode ist ein Vorgang vom Juli 1983, als der „Münchner Merkur“ (damals unter Paul Pucher) über Interna aus Kabinettssitzungen berichtete. Strauß tobte. Seine Berater kamen auf die Idee, eine eidesstattliche Erklärung von allen Kabinettsmitgliedern zu verlangen, dass sie den „Merkur“ nicht informiert hätten. Maier weigerte sich als einziger. Der Informant blieb unerkannt.
Seitdem mäkelte Strauß öfter an der Amtsführung Maiers herum. Bei anderer Gelegenheit umgarnte FJS den Minister wieder. Seine Redegabe imponierte ihm, und dass Maier im Wahlkreis Günzburg Wahlergebnisse weit über dem CSU-Durchschnitt holte, machte ihn eigentlich unangreifbar. Zu Karl Böck, legendärer Amtschef im Kultusministerium, soll er gesagt haben: „Wenn Leute wie Maier weg sind, ist die CSU wieder eine Bierdimpfel-Partei.“ Was dann aber den Rausschmiss von 1986 doch nicht verhinderte.DIRK WALTER