Ab in die Zukunft: Abt Barnabas und Florian Streibl (FW) diskutieren in einem Klostergang Ideen. © Marcus Schlaf
Abt Barnabas Bögle in der prunkvollen Klosterkirche, der Basilika Mariä Himmelfahrt. © Marcus Schlaf
Das Kloster Ettal im Kreis Garmisch-Partenkirchen ist eine optische Perle. Inhaltlich muss es aber neue Wege beschreiten, um seinen Fortbestand zu sichern. Links Jurist Martin Neumann, ehemaliger Schüler. © Marcus Schlaf
Ettal – Seit Jahren basteln die Mönche und ehemalige Schüler an der Zukunft. Heute wird die Vision für das Benediktinergymnasium in Ettal offiziell vorgestellt. Abt Barnabas Bögle und Florian Streibl, Vorsitzender der Landtagsfraktion der Freien Wähler (FW), erläuterten unserer Zeitung vorab die Pläne. Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie soll geprüft werden, wie sich der Schulstandort und die Abtei weiterentwickeln lassen. Für die Studie stellt der bayerische Landtag 280.000 Euro zur Verfügung. Streibl (63), der selbst in den 1970er-Jahren externer Schüler in Ettal war, hat sich für diese Mittel des Landtags stark gemacht.
Es muss dringend etwas passieren in Ettal. Seit dem Schuljahr 2023/24 ist das Internat geschlossen, die überregionalen Schüler gingen verloren. Der großzügige Westflügel der Abtei mit Schlafräumen, Sälen mit Stuckdecken und einer kleinen Krankenstation steht leer. Und verursacht trotzdem Kosten. Wie die Mönche sagen: „Sowieso-Kosten“, damit die Bausubstanz nicht verfällt. In den besten Zeiten waren hier bis zu 240 Internatsschüler untergebracht. Nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche im Jahr 2010 ging die Zahl der Internatsschüler deutlich zurück. Es gab auch immer weniger Mönche, die als Lehrer die Jungen unterrichteten. Die Kosten für den Erhalt des Internats und der Schule stiegen und stiegen.
Heute sind noch gut 240 externe Schülerinnen und Schüler auf dem Gymnasium, 95 Prozent aus dem Kreis Garmisch-Partenkirchen. Der Schulbetrieb fährt jedes Jahr ein Minus von fast 500.000 Euro ein, wie Pater Johannes Bauer berichtet, der sich als Cellerar um die Finanzen des Klosters kümmert.
„Benediktinerklöster hängen nicht am Finanztropf eines Bistums, sie müssen völlig autark arbeiten“, erklärt Streibl. So muss auch Ettal ohne große Fremdfinanzierung seine Schule betreiben. Gerade erst ist es zwar gelungen, nach langen Diskussionen einen Zuschuss vom Kreistag für 2026 in Höhe von gut 90.000 Euro zu erhalten. Auch das Ordinariat steuert freiwillig rund 120.000 Euro bei. Dazu kommt das private Schulgeld der Eltern. Aber die Finanzierungslücke gleicht das lange nicht aus.
Also muss sich der Bildungsstandort neu erfinden. „Da kam die Idee, dass man die Bildung hier wieder auf die ursprünglichen benediktinischen Werte zurückführt“, erklärt Streibl. Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz komme es künftig viel mehr „nicht auf abgespeichertes Wissen an, sondern auf soziale, menschliche Kompetenzen“. Wie geht man miteinander um? Wie kann man jungen Menschen Nachhaltigkeit und Achtsamkeit beibringen? Das könne sogar als Blaupause für andere Benediktinerklöster dienen.
Starke Unterstützung erhalten die Mönche von Placidus gUG, einer gemeinnützigen Initiative ehemaliger Schüler zur Förderung des Ettaler Gymnasiums. Geschäftsführer ist der Jurist Martin Neumann. Zusammen mit den Mönchen haben sie die Säulen für das „Ökosystem Ettal“ erarbeitet. Die große Klammer ist die Achtsamkeit – für die Natur, für die anderen, für sich selber. Alle Klosterbetriebe wie die Landwirtschaft mit den Milchkühen, das Hotel, die Likörmanufaktur, der Klosterladen, der Gasthof, das Wasserkraftwerk, der Forstbetrieb oder die Brauerei sollen eingebunden werden. Schüler sollen dort Praktika machen, erleben, wie Kühe unter Tierwohlbedingungen gehalten werden. „Wenn wir die Schule transformieren, dann so, dass die Kinder sehen, wo die Milch herkommt und wie man ein Tier zu pflegen hat.“
Die benediktinische Tradition hat laut Streibl in Umbruchzeiten immer Stabilität vermittelt. „Wir leben jetzt auch in einer Umbruchzeit. Die Welt ist so massiv in Bewegung geraten wie seit 80 Jahren nicht mehr.“ Aufgabe der benediktinischen Familie sei es, hier wieder Stabilitätsanker zu setzen.
Abt Barnabas ist davon überzeugt, dass das Ettaler Gymnasium ein wichtiger Beitrag für die Gesellschaft ist. „Um diese Schule zu erhalten, müssen wir schauen: Was braucht die Gesellschaft?“ Sie benötige keine Menschen, die alle Nebenflüsse der Isar auswendig wüssten. „Das kann man heute googeln.“ Gebraucht werde eine benediktinische Schule, in den Alpen daheim, die eine ganzheitliche Bildung anbiete, getragen von der Haltung der Achtsamkeit. Die Mönche können sich auch vorstellen, dass die Schule ein „Jahr in den Alpen“ anbietet für Elftklässler, die danach wieder an ihre Heimatschulen zurückkehren. Solche Gastschüler könnten sich ein Jahr in den Bergen auch etwas kosten lassen. Florian Streibl glaubt an das Projekt „Alpenakademie“: „Die Alpen sind so was von ,in‘. So viele Menschen zieht es in die Berge.“
Die Ettaler Pläne sind ehrgeizig: Vor 2027 will man die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie haben. Dann muss der Konvent – derzeit sind es 25 Mönche – darüber abstimmen. Im Jahr des Klosterjubiläums, 2030, sollen die ersten älteren Schüler immatrikuliert werden.