Mit seiner Punkband Scorefor hat Andreas Rammler (2.v.l.) mehrere Alben veröffentlicht. © Wikipedia
Vor dem Stüberl soll gegrillt werden. Fehlt nur noch die Sonne. Aber die soll ja bald zurückkommen. © Lea Schütz
Andreas Rammler ist bereit für die WM: Auf seiner Tribüne finden bis zu 20 Freunde Platz. Den WM-Pokal hat er schon hergerichtet. Das Bild rechts zeigt den Blick auf den neuen großen Fernseher. © Hias Krinner (2)
Sachsenkam – Wenn er zur WM nicht ins Stadion kann, dann muss das Stadion eben zu ihm. Gedacht, getan. Mithilfe seines Nachbarn hat sich Andreas Rammler für die Weltmeisterschaft eine Tribüne in sein Gartenhaus gebaut. Die Konstruktion ist das Herzstück seines WM-Stüberls. Hier wird der Bürgermeister von Sachsenkam im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen der deutschen Mannschaft die Daumen drücken – zusammen mit seinen Spezln, die seine Fußball-Leidenschaft teilen.
Unserer Zeitung hat er schon einen Blick ins Heiligtum gewährt. Zu dem Treffen kommt Rammler, der bei den Kommunalwahlen im März als gemeinsamer Kandidat der CSU und der Unabhängigen Wählerschaft angetreten ist, direkt aus der Gemeinderatssitzung. Sobald er sein Trikot überstreift, wird aus dem Bürgermeister in Hemd und Trachtenjanker aber ein ganz normaler Fußball-Fan. Sein Herz schlägt für die Roten – Rammler ist nicht nur Rathauschef, sondern auch Vorsitzender des Bayern-Fanklubs Bavaria Oberland 2011. Und Bassist in der Punkband Scorefor, die sogar einen Wikipedia-Eintrag hat. Fünf Alben gibt es laut Eintrag inzwischen – mit Songs wie „Bayern ist Leidenschaft“ oder „Südkurve München – Das sind wir“.
Rammler war schon in Brasilien und Russland
Auch wenn Rammler die FIFA und die Gegebenheiten der Weltmeisterschaft kritisch sieht, ist das Turnier etwas Besonderes für ihn. Nicht nur wegen der Tribüne und des neuen Fernsehers. Er zeigt auf ein Foto an der Wand. Darauf sind zehn Männer zu sehen. Sie sitzen lachend auf einer bunten Treppe in Brasilien – Rammler ist mittendrin. Zusammen mit seinen Freunden ist der 48-Jährige dem Fußball zuliebe schon um die Welt gereist: 2014 waren sie bei der WM in Brasilien, 2018 saßen sie in Russland im Stadion.
Natürlich hätten sie auch mit dem Gedanken gespielt, für dieses Turnier in die Vereinigten Staaten, nach Kanada oder Mexiko zu reisen, erzählt Rammler. „Das hätte uns schon gereizt.“ Angesichts der Ticketpreise im drei-, vier- und fünfstelligen Bereich, hoher Hotel- und Parkkosten sowie Horrorgeschichten von der USA-Einreise entschied sich die Gruppe aber dagegen. „Das wollen wir nicht unterstützen“, sagt der Bürgermeister. Zuletzt hatte die FIFA die Ticketpreise nochmals angehoben – ein Ticket fürs Finale wird nun für 28.000 Euro verkauft. Die halbstündige Zugfahrt von New York ins Stadion nach New Jersey kostet normalerweise rund elf Euro – während der WM sollen Fans rund 130 Euro zahlen.
Komplett auf die WM verzichten wollten Rammler und seine Fußballfreunde aber dann doch nicht. Also richtete der 48-Jährige sein Stüberl im Gartenhaus her, das Wand an Wand mit der Garage steht. Vor dem Eingang gibt es einen Tisch mit Bänken, einen Sonnenschirm und leere Bierkästen für die Flaschenabgabe.
Pünktlich zum WM-Start ist alles fertig. Die Tribüne ist mit Kunstrasen gepolstert, der neue Fernseher startklar, der Kühlschrank mit Bier gefüllt (Reutberger Kloster-Hell – gebraut in Sachsenkam, versteht sich). Über dem Bildschirm thront ein WM-Pokal, den Rammler am Ende des Turniers in den Händen der deutschen Nationalmannschaft hofft. Nur eine schöne Vorstellung?
„Je näher man der WM kommt, desto schöner redet man sich’s“, scherzt er über die Verfassung der deutschen Mannschaft. Dem möglichen Achtelfinale gegen Frankreich blickt der Bayern-Fan vorsichtig optimistisch entgegen. „Wenn wir einen guten Tag haben, gewinnen wir“, lautet seine Prognose. Und selbst wenn nicht, ist der Spaß für Rammler und seine Spezln nicht vorbei. Das WM-Stüberl bleibt geöffnet, auch wenn die deutsche Elf ausscheidet. Alle Spiele schauen kann er natürlich nicht, manche finden aufgrund der Zeitverschiebung mitten in der Nacht statt. Sein Ziel sei es aber, möglichst alle Partien anzuschauen, die vor Mitternacht stattfinden, sagt Rammler.
Am Sonntag will er seine Gäste mit Bratwurst und Blue Curaçao verköstigen. Wenn das Wetter mitspielt, kommt der Grill vor dem Stüberl zum Einsatz. „Wir sind alle schon heiß drauf“, sagt Rammler mit einem Lachen. Sicher ist: An Stimmung wird es nicht mangeln im Sachsenkamer Stüberl. Kostet auch keine tausend Euro Eintritt.