Eine Fahrt auf dem Mond, das hat sich Nicola Winter beim Blick in den Himmel schon oft vorgestellt. Als Reserveastronautin der ESA hofft sie, eines Tages zumindest ins Weltall fliegen zu dürfen. Links sitzt sie als Kampfpilotin der Bundeswehr im Cockpit, derzeit arbeitet sie bei der ADAC-Luftrettung als Hubschrauberpilotin (re.). © Richter/Pedrotti/Winter
Steinebach – Immer wenn Nicola Winter in ihrem Garten am Wörthsee in den Himmel sieht, denkt sie daran, wo die Raumstation ISS jetzt gerade sein könnte. Und wie es wäre, Teil der Crew zu sein. Ihre braunen, langen Haare hat sie zu einem strammen Pferdeschwanz zusammengebunden, ihre Augen leuchten, wenn sie davon spricht. Die 41-Jährige ist eine erfahrene Pilotin und seit drei Jahren auch ausgebildete Astronautin. Seitdem wartet sie auf ihren großen Tag. Ob er jemals kommt, weiß sie nicht. Aber dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen, davon ist Winter überzeugt.
Von Abenteuern träumte sie schon als Kind. „Ich habe sehr gerne ‚Star Wars‘ geschaut und wollte immer Luke Skywalker sein“, erzählt sie lachend. Eigentlich wollte sie nach dem Abitur zur Lufthansa. Mit ihren 1,60 Meter war sie dafür fünf Zentimeter zu klein. „Mit 16 Jahren wollte ich mir sogar die Beine verlängern lassen“, erzählt sie. Der Arzt verweigerte so einen radikalen Eingriff.
Deutschland investiert zu wenig
Winter fand bei der Bundeswehr eine Alternative, studierte Maschinenbau und Luft- und Raumfahrt, wurde Kampfpilotin. Erst auf dem Tornado, ab 2017 durfte sie auch den Eurofighter fliegen – als damals eine von nur drei Frauen bei der Bundeswehr. „Über den Wolken hatte ich in meinem Cockpit das schönste Büro Deutschlands“, sagt sie. Ihre Pilotenkollegen nannten sie „BamBam“ – in Anlehnung an den kleinen starken Adoptivsohn von Barnie und Betty Geröllheimer aus der Serie „Die Feuersteins“. „Ich bekam den Namen wegen meines losen Mundwerks“, sagt Winter und lacht.
Das Fliegen ist ihre große Leidenschaft. Und es kann nicht hoch genug sein. In den Momenten, in denen sie im Eurofighter senkrecht in den Himmel schoss, dachte sie: „Weiter oben ist nur noch die Raumstation ISS.“
Ihr nächster Traum stand fest. Sie bewarb sich bei der European Space Agency (ESA) als Astronautin und machte über ein Jahr lang eine Ausbildung. Und tatsächlich schaffte sie es unter die Finalisten. Dann kam die enttäuschende Nachricht, sie werde mit einer Kollegin die erste Reserveastronautin. Der Grund: Die deutsche Regierung investiere zu wenig in die Raumfahrt. Deswegen würden Kollegen aus anderen Ländern bevorzugt.
Ein Dämpfer, der sie ins Grübeln brachte, ob sie den Weg weiterverfolgen soll. In solchen Momenten geht Winter gerne in die Berge. Dort kann sie Kraft tanken und ihre Gedanken sammeln. Und dort kam sie zu dem Schluss: „Ich will das unbedingt.“ Die Grenzen des menschlich Machbaren mit zu erkunden, der Gedanke lässt sie nicht los. Nun steht sie seit vier Jahren auf Abruf bereit. Winter ist sich darüber im Klaren, wie gering die Wahrscheinlichkeit für einen Flug ins All ist. „Astronaut ist mehr ein Traum und fast mehr wie Lotto spielen“, sagt sie. Eine Altersgrenze gebe es aber nicht.
Als Pilotin bei der Bundeswehr hörte sie bereits 2018 auf. „Ich wäre oft mindestens drei Monate am Stück weg gewesen, das hätte sich mit einer Familie nicht vereinbaren lassen.“ Familie ist Nicola Winter wichtig, sie gibt ihr Halt. Aber ihren Traum will sie weiterhin leben – wenn auch mit einem Auffangnetz. Hauptberuflich ist sie mittlerweile nicht Reserveastronautin, sondern Hubschrauberpilotin bei der ADAC-Luftrettung. Hier hat sie ihre neue Leidenschaft gefunden. Alle zwei bis drei Wochen muss sie mehrere Tage für Einsätze nach Mainz oder Ulm. „Es ist so schön, mit seiner Leidenschaft Leben retten zu können.“
Ihr Mann und ihre Eltern unterstützen sie. Sie kümmern sich um die fünfjährige Tochter, wenn Winter im Hubschrauber unterwegs ist. „Wir wohnen direkt nebeneinander, das ist eine große Hilfe.“ Die übrige Zeit ist Winter Referentin für den Flugbetrieb und kann von zu Hause in Steinebach am Wörthsee arbeiten. Zuletzt hielt sie beim Wirtschaftsforum auf Schloss Neubeuern einen Vortrag. Ihr Motto: „Wenn man etwas will, kann man es auch durchsetzen.“ Der Weg dorthin sei zwar nicht immer leicht, aber oft sehr lehrreich.
Die Balance zwischen Familienleben und Traumberuf zu halten, ist für die Mutter eine Aufgabe. „Wie viel kann ich mich beruflich verwirklichen und wie viel kann ich zu Hause präsent sein?“ Eine monatelange Trennung von ihrer Familie käme für sie nicht infrage. Deshalb würde sie auch eine Mission zum Mars ablehnen.
Ihr jetziges Leben erfüllt die Astronautin. Aber der Blick nach oben sagt ihr immer wieder, dass da noch etwas fehlt. Zuletzt bastelte sie im Keller an ihrem Traum. Mit Lego-Steinen. Das Raumschiff „Millennium Falke“, in dem der verwegene Schmuggler Han Solo und sein treuer Wookie Chewbacca durchs Star-Wars-Universum düsen,hat 7000 Teile. Ein Weihnachtsgeschenk ihres Mannes.