Chat mit dem Bundeskanzler: Kimmich, Tah, Havertz. © dpa
Die „Hanes Mall“ in Winston-Salem: Nach WM sieht es hier bisher nicht aus. © Jan Woitas/dpa
Public Viewing ganz entspannt: die Fanzone in Washington DC. © IMAGO/Amid Farahi
Ikonisches Trikot aus dem Lebensmittelmarkt: Natalie und Ben, ein Paar aus Houston – und an Fußball gar nicht interessiert. © Günter Klein
Deutsch-amerikanisch unterwegs: die Kinder von Beth aus Louisiana. Der Sohn ist für diesen einen Tag Deutschland-Fan. © GÜNTER KLEIN
Houston – Das erste Tor für Deutschland – und im Stadion von Houston wird der Song eingespielt, den der DFB bei den Organisatoren der Fußball-Weltmeisterschaft für diesen Fall eingereicht hat: Peter Schillings „Major Tom“. Also: „Vöööllig losgehelöööst von der Erde …“ Felix Nmecha, der Torschütze, vollführt seinen Jubelsprung, aber irgendwas stimmt in diesem Moment nicht. Den „Major Tom“, vor zwei Jahren per Petition von Hunderttausenden in den Rang einer offiziellen Hymne erhoben, singt kaum jemand mit. Obwohl die meisten der 68.000 Menschen, die das Spiel gegen Curaçao verfolgen, weiße Trikots anhaben. Wie die deutsche Mannschaft. Später in der Innenstadt von Houston werden Ben und Kevin, zwei Fans aus Gelsenkirchen, sagen: „Es waren nicht viele Deutsche da.“
Aber wer waren dann die anderen?
Frühmorgens in Downtown Houston. Eine vierköpfige Familie sucht nach der Straßenbahn zum Stadion. Der Vater trägt ein schwarzes Shirt, auf dem Germany steht, die Mutter ein weißes, auf den Wangen sind sie schwarz-rot-gold bepinselt. Der Sohn hat eine Art deutsches Nationaltrikot an, um den Hals baumelt eine goldene Kette, wie sie Rapper tragen, und an deren Ende ein Deutschland-Anhänger; bei seiner Schwester ist es ein amerikanischer. „Ja, wir sind Amerikaner“, sagt Beth, die Mutter, „wir kommen aus Louisiana.“ Es ist der Nachbarstaat von Texas. „Wir haben uns für mehrere Spiele um Tickets beworben, dieses haben wir bekommen.“ Dass ein Vorrundenspiel zwischen Deutschland und Curacao keine hohe sportliche Wertigkeit hat, spielt für sie keine Rolle. Es ist einfach ein Weekend mit guter Family Time, sie wollen den Kindern ein Erlebnis bieten. Dafür haben sie investiert, sich eingekleidet, sind Deutsche für einen Tag.
Torsten Weidemann aus Berlin kennt diese amerikanische Mentalität gut. Er hat von 2011 bis 2014 in Virginia gearbeitet, seit 2022 lebt er in New York. Seine Beobachtung; „Es ist beim Sport üblich, sich einen Favoriten zu suchen und den anzufeuern. Die Kriterien sind ganz simpel: Irgendwas verbindet mich mit dem Team oder einem Spieler, ein früherer Wohn- oder Studienort – oder einfach, dass man Namen und Trikot schön findet.“ Auch die Schalker Ben und Kevin, die wegen der WM die Reise über den großen Teich angetreten haben, haben festgestellt, dass zumindest in Texas „sich viele als Deutsche identifizieren“.
Auf der Main Street spaziert ein älterer Herr. Man kommt ins Gespräch. „Oh, you are from Germany?”, sagt er und hält einem gleich die Nice-to-meet-you-Hand entgegen. Seine Vorfahren sind 1912 aus Deutschland ausgewandert, sie hießen Spark, erzählt er. Er ist Houstoner und mit Frau, Sohn und Schwiegertochter in der Stadt unterwegs. Zu WM-Spielen gehen sie nicht, Fußball lässt sie kalt. Gleichwohl hat Natalie, die Schwiegertochter, sich wie ein Fan angezogen. „Das soll das ikonische deutsche Away-Trikot in den 90er-Jahren gewesen sein“, sagt sie zu ihrem grünen Shirt mit der gezackten Linie in Schwarz-Rot-Gold. Die Geschichte dazu: „Ich arbeite in Houston in einem Lebensmittelmarkt, da hatten wir neulich eine Aktionswoche mit deutschen Produkten, dafür hat der Chef diese Shirts verteilt.“
In Houston merkt man von der WM auf der Straße noch wenig
Die Weltmeisterschaft läuft seit einer Woche, doch sie ist schwer zu greifen. Wie auch? Ben aus Gelsenkirchen erläutert seinen Reiseplan, der ihn aus Kostengründen von Houston erst mal nach Las Vegas führt (siehe auch Artikel unten). „Das ist ein Flug von dreieinhalb Stunden. Wie von Düsseldorf in die Türkei.“ Und immer noch nur ein Ausschnitt aus der riesigen WM-Landkarte, zu der auch Mexiko und Kanada gehören. Am ehesten erinnert die WM 2026 an die über den gesamten europäischen Kontinent ausgetragene EM 2021.
An einem Sonntagmittag in Houston merkt man von der WM wenig, im Wolkenkratzer-Viertel sind ohne Geschäftsbetrieb die Straßenschluchten so leer, dass man sie als Kulisse für einen Endzeit-Film verwenden könnte. Die meisten Restaurants sind zu, geöffnet hat nur ein Food Court, die Verkäuferin am koreanischen Barbecue-Stand sagt: „Okay, ein bisschen mehr ist schon los durch den Fußball als sonst.“
An Houston wird das Turnier schnell vorüberziehen, ein Maßstab dafür, ob man es als gelungen bewerten kann, wird die Resonanz in New York sein, der Stadt der Städte. Torsten Weidemann, der Wahl-New Yorker, meint: „Hier ist es grundsätzlich schwierig, in dem riesigen Angebot aus Sport und Kultur aufzufallen.“ Wenn die WM ein Thema war, „dann oft in negativen Zusammenhängen: Es haben sich viele Leute über das Ticketing aufgeregt, und die hohen Preise waren ein Thema, obwohl man das hier gewohnt ist.“
Die Drogeriekette CVS warf schon im Frühjahr Fifa-Merchandising auf den Markt, dennoch seien WM-Fanartikel im Stadtbild nicht wahrzunehmen, sagt Torsten. Er fand das Angebot „lieblos – ich habe damit noch niemanden gesehen“. Aber, das will er auch sagen, dasHouse of German Soccer in New York sei „eine feine Sache“. Er war zur Eröffnung dort.
Man muss der WM noch Zeit lassen, dass sich Geschichten entwickeln, die auch Menschen außerhalb der bisherigen Klientel (Weidemann: „Europäer, Hispanics, junge Familien mit Bildungshintergrund, hippe Kreise an der Westküste“) erreichen.
Die deutsche Mannschaft ist, wenn sie kein Spiel hat, vom WM-Betrieb weit entfernt. In der Universitätsstadt Winston-Salem, in der sie trainiert, gibt es bis auf das für den DFB hergerichtete Campus-Sportgelände nichts, was auf den großen Fußball hinweist. Die Spieler genießen es, sich unbehelligt bewegen zu können, niemand erkennt sie. Einige wagten sich sogar in eine Filiale von Lidl (den es auch in den USA gibt).
Alles ist anders, aber das muss nicht schlechter sein. Während der Trinkpausen des Spiels in Houston gab es Livemusik von einer Mariachi-Band. Obwohl die Deutschen da gerade das Gegentor kassiert hatten und sich in einer kritischen Phase befanden, nahmen sie die Begleitung wahr. „Ich habe zum Videobildschirm hochgeschaut“, räumte Kai Havertz ein. „Ich finde es super, denn die Fans kommen, um unterhalten zu werden.“ Mexikanische Klänge waren ein Hit, „Major Tom“ muss das erst noch werden.