Wie kommt der Bayer von A nach B? In München fahren viele Menschen Rad oder gehen zu Fuß. © IMAGO
München – Auto, Zug oder Radl – wie sind die Menschen in Bayern unterwegs? Zuletzt wurden die Zahlen für das Jahr 2017 erhoben. Doch seither ist viel passiert, was sich auch auf den Verkehr auswirkt. Corona. Die Einführung des Deutschlandtickets. Der E-Bike-Boom. Jetzt gibt es neue Zahlen, die in der „größten Mobilitätsstudie dieser Art in Europa“, so der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU), erhoben wurden. Bayern hat 1,4 Millionen Euro ausgegeben, um die bundesweite Studie für den Freistaat auszuwerten. Mehr als 78.000 Bayern in 39.000 Haushalten wurden zwischen April 2023 und Juli 2024 befragt. Die wichtigsten Ergebnisse der Studie, die Bernreiter gestern in München vorstellte:
■ Die Bayern sind weniger mobil
2017 waren an einem Durchschnittstag 86 Prozent der Menschen in Bayern unterwegs – der Wert ging auf 82 Prozent im Befragungszeitraum zurück. Auch die Tageskilometer reduzieren sich von 46 auf 38. Das Verkehrsvolumen der Bevölkerung wird also kleiner. Woran liegt das? Die Studienmacher um Robert Follmer vom Institut für angewandte Sozialwissenschaft Inas sehen die Ursache im „anhaltenden Homeoffice-Trend“, aber auch in wirtschaftlichen Faktoren: „In schwachen Konjunkturzeiten geht die Mobilität zurück“, sagte Follmer. Aus den Zahlen lesen die Experten heraus, dass die Bayern eher im Homeoffice arbeiten, wenn die Anfahrtswege zur Arbeitsstelle weiter sind.
Jeder zweite Weg (56 Prozent) wird mit dem Auto bewältigt, gefolgt von Wegen zu Fuß (24 Prozent). Der Hauptgrund, ins Auto zu steigen, bleibt der Beruf, Tendenz steigend von 27 auf 30 Prozent. Auch der Freizeitverkehr nimmt zu, nämlich von 28 auf 30 Prozent. Für Erledigungen hingegen sinkt der Anteil der Autonutzung von 14 auf 11 Prozent. Eingekauft wird also vermehrt im Internet.
■ Die Auto-Flotte wächst, die Nutzung nimmt ab
Die Bayern lieben Autos. Im Freistaat gibt es laut Studie „eine sehr hohe Pkw-Ausstattung“, immer mehr Haushalte sind zwei- oder sogar dreifach motorisiert. Nur 15 Prozent haben kein Auto. In den Großstädten sei der Trend allerdings gebremst. Ein Beispiel: Nur 64 Prozent der Münchner besitzen ein Auto, im nahen Fürstenfeldbruck sind es 83 Prozent.
Vor allem in großen Städten gibt es Carsharing-Angebote, die immer noch wenig, aber zunehmend genutzt werden (2017: 5 Prozent der Haushalte; 2023: 9 Prozent). Allerdings haben die meisten Nutzer (70 Prozent) trotzdem ein eigenes Auto. Dass sich die Autonutzung reduziert, die Menschen aber immer mehr Autos besitzen, halten die Inas-Experten für „einen der interessantesten Befunde“ der Studie. E-Autos spielen für den Gesamtverkehr noch keine große Rolle. 2023 hatten nur vier Prozent der Haushalte ein E-Auto.
■ Mehr Kilometer zu Fuß oder per Rad
Mehr Menschen waren zum Befragungszeitpunkt zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs. Der Anteil dieses sogenannten „Umweltverbunds“ stieg von 41 auf 45 Prozent. In Metropolen und Großstädten liegt er bis zu 23 Prozent über den Werten auf dem Land. Besonders hervorstechend ist laut Robert Follmer das Plus an Fußverkehr. Mittlerweile werden 24 Prozent der Wege zu Fuß zurückgelegt, 2017 waren es erst 20 Prozent. Die Gründe seien vielseitig. Zum einen hätten sich seit Corona andere Gewohnheiten etabliert, zum anderen gebe es als Folge der Pandemie deutlich mehr Hunde als zuvor – und die müssen Gassi gehen. Der Radverkehr bleibt stabil, nimmt aber in München und anderen großen Städten zu.
Außerhalb fehlt es oftmals schlichtweg an Radwegen. Damit das Land nachziehen kann, gibt Bayern viel Geld aus, sagt Bernreiter. Seit 2023 gibt es das bayerische Radgesetz: Ziel ist es, bis 2030 1500 Kilometer neue Radwege zu bauen. In den vergangenen zwei Jahren seien bereits 600 Kilometer vollendet worden. Interessant: Weniger Bayern besitzen ein Fahrrad, der Wert sank von 2017 auf 2023 um zwei Punkte auf 79 Prozent. Allerdings sind mehr Menschen auf E-Bikes unterwegs, je nach Region machen sie schon ein Fünftel der Fahrradflotte aus. Es wird also eher aufgerüstet – wer 2017 nicht Rad fuhr, tat dies auch 2023 eher nicht.
■ Hohe Unzufriedenheit mit Bus und Bahn
Das Deutschlandticket wirkt, heißt es in der Studie. Es habe die ÖPNV-Welt erheblich verändert und wesentlich zu einer Stabilisierung des öffentlichen Verkehrs nach dem Corona-Tief beigetragen. Rund 15 Prozent der Bayern ab 14 Jahren nutzen das Deutschlandticket. In München nutzten im Befragungszeitraum sogar 40 Prozent ein Deutschlandticket. Auch in anderen Städten, etwa in Fürstenfeldbruck (22 Prozent) liege der Wert eher hoch.
Allerdings kommt der ÖPNV nicht gut weg: Von allen Verkehrsmitteln erhalte er die mit Abstand niedrigste Bewertung. „Ein Drittel geben dem ÖPNV schlechte Noten“, sagt Follmer. Auch Bernreiter gibt zu, dass im Bahnverkehr vieles im Argen liegt: „Aktuell haben wir in Bayern 100 Langsamfahrstellen.“ Die Zufriedenheitswerte könnten aktuell angesichts mehrerer Großbaustellen, etwa für die zweite Stammstrecke, noch tiefer liegen. Auch die Noten für die Möglichkeiten im Fuß- und Radverkehr lassen deutlich nach. Autofahrer hingegen waren zufrieden: 77 Prozent schätzen die Situation gut oder sehr gut ein.CARINA ZIMNIOK