Die Welt wird immer kleiner

von Redaktion

München – Es kommt schleichend. Oder aus heiterem Himmel. Und es verändert das ganze Leben. Für den, der plötzlich pflegebedürftig ist, und jenen, der ihn daheim pflegen will. Aus Liebe. Meistens sind es Frauen, die den Partner betreuen, die Eltern oder behinderte Kinder, denen sonst nur das Heim bliebe. Was es wirklich heißt, Pflegeperson zu sein, kann sich keiner vorstellen, solange er es nicht erlebt hat. Wie sich das eigene Ich für den anderen langsam auflöst. Wie die Welt immer kleiner wird, sich Freundschaften verflüchtigen.

Wie gleichzeitig aber auch der finanzielle Druck steigt, weil man nicht mehr oder nur eingeschränkt arbeiten kann und die Rente des Hilfsbedürftigen nicht reicht. Das Pflegegeld (bis 990 Euro im Monat für die höchste Stufe) geht weitgehend für Hilfsmittel und Erleichterungen drauf, die Krankenkasse oder Pflegeversicherung nicht finanzieren. Dazu kommen zermürbende Auseinandersetzungen mit den Versicherungen, die Anträge wochenlang nicht bearbeiten und Ansprüche zunächst systematisch ablehnen.

Die Erschöpfung ist oft so groß, dass Betroffene im Papierkrieg kapitulieren. Weil sie eigentlich zu jeder Stunde damit beschäftigt sind, die optimale Versorgung für den anderen zu gewährleisten; zu recherchieren, ob es nicht doch noch eine Therapie oder Behandlung gäbe. Der Pflegende steht in der vollen Verantwortung für den anderen und darf sich keine Fehler leisten; jede Nachlässigkeit kann schwere Folgen haben. Auch wenn ein Pflegedienst mit einer von der Politik vorprogrammierten Zeitnot unterstützend wirkt, für den Angehörigen bleibt es ein Vollzeitjob – sieben Tage die Woche, 24 Stunden. Ein Dienst, der Hingabe und Liebe verlangt. Vor allem Geduld.

Unterdessen kürzt Ministerpräsident Markus Söder das Bayerische Landespflegegeld von 1000 auf 500 Euro im Jahr. Und mit der neuen Pflegereform sollen die Rentenpunkte für pflegende Angehörige um ein Drittel gestrichen werden, was die Not der pflegenden Angehörigen im eigenen Alter verstärkt, gerade bei denen, die über viele Jahre hinweg pflegen und kaum Rentenansprüche aufbauen können.

In Deutschland gibt es 5,7 Millionen Pflegebedürftige, die Mehrheit (bis 85 Prozent) wird zu Hause versorgt, die Leistung der Pflegenden aber wird weder von Politik noch von Gesellschaft gesehen. Indes müssen die steigenden Kosten der Pflegeheime (im Schnitt bei 4600 Euro im Monat in Bayern) zunehmend über die Sozialhilfe der Kommunen finanziert werden, wenn der Hilfsbedürftige den Eigenanteil von rund 3200 Euro monatlich nicht mehr aufbringen kann. „Und deswegen sind wir systemrelevant!“, konstatiert Simone Fischer (55), Ehefrau und Pflegende ihres Ehemannes, des Kabarettisten, Autors und Schauspielers Ottfried Fischer (72). „Doch es gibt keinerlei Anerkennung.“

Der beliebte TV-Star ist vor über 20 Jahren an Parkinson erkrankt; er sitzt im Rollstuhl und ist 24 Stunden, sieben Tage die Woche auf Hilfe angewiesen. Inzwischen spielt sich in ihrem barrierefrei umgebauten Haus im Würmtal ihr ganzes Leben ab – Reisen sind kaum noch möglich. Autorin Ulrike Schmidt (selbst in Pflegeverantwortung) hat die beiden zu Hause besucht und mit Simone Fischer darüber gesprochen, was es bedeutet, seit 15 Jahren Pflegende zu sein.

Artikel 2 von 3