„Ich lebe zwei Leben – Ottfrieds hat Vorrang“

von Redaktion

Die Anerkennung von außen fehlt: Simone Fischer über ihre Rolle als pflegende Ehefrau von TV-Star Otti Fischer

Als Kabarettist stand Fischer auf hunderten Bühnen.

Sir Quickly: Fischer in den 80ern in „Irgendwie und Sowieso“. © BR

Der Bulle von Tölz: Ottfried Fischer als Benno Berghammer in einer Drehpause mit Ruth Drexel. © dpa (2)

Die wilden Zeiten sind lange her: Simone Fischer vor dem Foto, als sie sich vor 18 Jahren gerade verliebt hatten.

Wenige Momente der Pause: Simone Fischer weiß inzwischen, die kleinen Momente zu schätzen. © Ulrike Schmidt (2)

Große Liebe: Simone und Ottfried Fischer am Viktualienmarkt, einem Lieblingsort. Inzwischen werden die Ausflüge nach München immer seltener. Der Aufwand ist einfach zu groß. © Achim Frank Schmidt

München – Kabarettist und SchauspielerOttfried Fischer (72) war einmal der Schnellste im Reden. Als ihm seine Parkinson-Erkrankung zunehmend zusetzte, brachte er vor zehn Jahren ein selbstironisches Best-of-Programm aus 30 Jahren Schaffen auf die Bühne: „Jetzt noch langsamer“. Inzwischen tut er sich noch schwerer, das, was er im Kopf hat, zu formulieren. Die Gedanken sind präzise und schnell wie eh und je, aber die Nervenkrankheit lähmt die Sprache. Als wir ihn und seine Frau Simone in ihrem Haus im Würmtal besuchen, um das brisante Thema „Pflege“ an ihrem Fall konkret zu machen, bringt er es auf den Punkt und sagt: „Die Legislative nimmt das alles ziemlich locker, die stimmen ab und die Betroffenen sollen schauen, wo sie das Geld herbringen.“ Er weiß: Hätte er seine Frau Simone nicht, würde er in einem Pflegeheim leben.

Dafür lebt Simone das Leben ihres Mannes mit – ihr eigenes steht dabei oft hintan. Und trotzdem sendet sie Zuversicht aus, obwohl beiden klar ist, dass es immer anstrengender wird. „Wir reißen des scho irgendwie!“, sagt Simone Fischer, obwohl sie an der Grenze zur Erschöpfung steht. Jeden Morgen um 6 Uhr steht sie auf, um Ottfried peinlich pünktlich seine ersten Medikamente zu geben, die diese Nervenkrankheit erfordert. 365 Tage im Jahr, egal, was in der Nacht oder am Vortag war. Ihre ganze Motivation schöpft Simone aus ihrer beider Liebe, die mit einer wilden On-off-Beziehung vor 18 Jahren begann, weil es immer um das pure Leben zwischen der Hotelfachfrau und dem Künstler ging. Damals war die Diagnose Parkinson zwar schon öffentlich, doch Ottfried noch nicht auf so viel Fürsorge angewiesen, der körperliche Abbau ging schleichend.

Simone, Du hast Deinen Beruf aufgegeben, um ganz für Ottfried da sein zu können…

Ja, aber vor 15 Jahren war mir nicht klar, wie unser Leben heute aussehen würde. Doch ich konnte die Stufen bergab mit Ottfried zusammen gehen. Ich stelle es mir wahnsinnig schwer vor, wenn eine solche Pflegesituation von jetzt auf gleich kommt. Ich bin hineingewachsen, das ist ein Segen für mich.

Und ich stelle es mir wahnsinnig vor, wenn jede Anstrengung für den anderen vielleicht zu einer kurzfristigen Verbesserung führt, aber langfristig doch alles nur in den Abgrund führt…

Man wird zum Improvisationstalent, weil man manche Komplikationen gar nicht vorhersehen kann. Ich konnte mir nur zuvor nicht vorstellen, wie schwer es sein würde, Hilfe von außen zu bekommen. Das hat nichts mit Geld zu tun; es will nur keiner mehr den Job machen.

Dem Ottfried gewährleistet Deine Pflege Lebensqualität in jeder Phase seiner Krankheit. Noch geht Ihr zusammen zum Essen aus oder auch mal auf Kurzreise…

Es wird mit jedem Jahr beschwerlicher und weniger. Das Wegfahren haben wir jetzt aufgegeben und auch ein Ausflug nach München ist nicht mehr so einfach zu stemmen und zu organisieren.

Was kriegst Du für Deinen Einsatz zurück?

Liebe, Respekt und Wertschätzung. Mir fehlt aber die Anerkennung von außen. Auch wenn wir uns finanziell keine großen Gedanken machen müssen, habe ich trotzdem dieselben Sorgen wie jeder andere, der pflegt. Eben weil es keine adäquate Unterstützung gibt. Und die Politik treibt die Ängste immer noch weiter, indem pflegenden Frauen Altersarmut droht und diese selbst wahrscheinlich niemanden mehr finden werden, der sie einmal pflegt. Ich wünsche mir, dass die Politik anerkennt, dass wir systemrelevant sind, und dies an einer besseren Rentenabsicherung und einer Entlohnung festmacht.

Ab 2027 bekommst Du aber nicht mehr, sondern noch weniger: Deine Rentenpunkte werden voraussichtlich gekürzt…

Ich bin so sauer! Das ist eine Unverschämtheit! Und das wird der Gesellschaft einmal um die Ohren fliegen. Wir sind als Pflegende physisch und psychisch ständig an der Belastungsgrenze, die ständige Rufbereitschaft, die Verantwortung – wenn wir Hilfe benötigen, gibt es keinerlei Unterstützung, das müssen wir selbst organisieren und bezahlen. Doch wenn wir nicht gesund sind, können wir einen anderen nicht pflegen.

Es gäbe ja noch die Ersatzpflege, also die Verhinderungspflege durch einen anderen…

Wenn der falsche Mann am Ottfried ist, macht der Fehler, die wir dann ewig ausbaden müssen, zum Beispiel, wenn die Medikamente nicht auf den Punkt gegeben werden. Man muss individuell auf die Krankheit eingehen und dafür die richtige Person haben. Und die findet man nicht, weil der Pflegeberuf nicht mehr attraktiv ist. Es entstehen sehr intime Momente, und wenn man sich da nicht riechen kann, ist das Körperverletzung. Jeder, auch der Politiker, der nicht selbst einmal gepflegt hat, kann nicht mitreden. Es nützt auch nichts, wenn sich das mal jemand zwei Stunden anschaut – es geht um 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Der kleinste Friseurtermin oder Arzttermin ist eine logistische Herausforderung.

Wann hast Du das letzte Mal ungestört eine Nacht durchschlafen können?

Bis vor Kurzem habe ich einmal im Jahr eine Woche Urlaub gemacht – das geht jetzt leider nicht mehr, weil ich den Ottfried nicht mehr so lang alleinlassen mag, die Bedürfnisse haben sich verändert. Es ist schwierig, wenn man für sich überhaupt keine Zeit mehr hat.

Die Welt wird immer kleiner, Du lebst immer mehr das Leben des anderen …

Genau. Du hast zwei Leben, und das des Kranken hat immer Vorrang. Was ich aber gut finde: Ich habe inzwischen eine Mordsgeduld entwickelt. Man wächst auch mit der Aufgabe und entwickelt sich persönlich weiter. Man ist für den anderen da, weil er dich am meisten braucht. Ich lasse mich selbst nicht gehen, ziehe mich jeden Tag schön an und schminke mich.

Und dann kommt noch die Bürokratie …

Es dauert Wochen, bis der Antrag auf Verhinderungspflege bearbeitet wird, inzwischen bin ich ausgebrannt. Die pflegenden Angehörigen haben oft gar keine Kraft mehr, auf die Barrikaden zu gehen. In der Politik geht es immer höher, schneller und weiter. Für die neuesten Waffen ist immer Geld da, aber das, was uns als Gesellschaft alle angeht, wird eingespart.

Welche Oasen schaffst Du Dir?

Ich gehe schwimmen und in den Garten. Wenn es regnet, reicht es auch mal, das Zimmer zu wechseln, das Fenster zu öffnen und durchzuatmen. Ich hab’ mir nie vorgestellt, dass das Schönste für mich sein kann, mal allein zu sein. Ich mag auch nicht mehr viel Besuch bekommen – auch das strengt mich an. Und Small Talk langweilt mich. Bis jetzt habe ich immer Pläne machen können – auch mit dem Ottfried zusammen. Dass ich keine mehr machen kann, weil ich zum hundertsten Mal den Ausflug mit der Freundin absagen muss, belastet mich. Deswegen plane ich nichts mehr. Einfache Dinge werden jetzt wertvoller: Wenn ich mit Ottfried auf der Terrasse sitze, wir schauen den Vögeln zu, und er macht seine Scherze.

Wie ist die Situation für Ottfried?

Ottfried ist selig, dass er mich hat, und ist sehr respektvoll mir gegenüber und voller Verständnis, wenn ich mal ungeduldig werde. Wir haben eine super Beziehung. Er jammert auch nicht. Er war immer diszipliniert in jeder Hinsicht. Ich glaube, dass er sehr zufrieden ist, in dem Rahmen, wie es sein kann.

Wie ist Deine und Eure Perspektive?

Solange ich da bin, kommt ein Pflegeheim nicht infrage, das kann ich uns nicht antun. Uns beiden ist bewusst, wohin die Reise geht.

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