Die Welt der Ritter, Gaukler und Händler

von Redaktion

Am 10. Juli beginnt wieder das Kaltenberger Ritterturnier, das für viele mehr ist als nur ein großes Spektakel

Kupferschmied Hannes Burger an seinem Stand, der eher an die Zeit der Wikinger erinnert. © privat

Berstende Lanzen: Natürlich rumst es auch wieder, wenn der Schwarze Ritter gegen die Konkurrenz antritt. © imago

Bianca Weishaupt beim Flechten ihrer Seegrasschuhe. Das Gras pflückt und trocknet sie selbst. © Kaltenberg Ver. GmbH

Helmzier- und Schildermaler Heinz Weimer und seine Ehefrau Edith sind seit einem Jahrzehnt auf dem Kaltenberger Mittelaltermarkt. Links drei seiner kunstvoll verzierten Helme, oben ein Wappenschild. © Chris Roch/Kaltenberg/privat

Kaltenberg – Wenn auf Schloss Kaltenberg die Schwerter klirren und die Stuntreiter halsbrecherisch durch die Arena galoppieren, ist das nur ein Teil der Faszination. Zu dem Spektakel, das Jahr für Jahr über 100.000 Besucher anlockt, gehören auch Gaukler und Musiker, Händler und Handwerker, die eine mittelalterliche Welt lebendig werden lassen – und für die Kaltenberg mehr ist als ein großes Schauspiel.

„Es ist eine Institution“, sagt Heinz Weimer – und erzählt dann seine Geschichte. Der Münchner saß eines Tages im Biergarten und tat das, was er am liebsten tut – Zeichnen. An diesem Tag hatte er ein seltenes Motiv vor sich. Ein Reiter kam hoch zu Ross in den Biergarten. „Ich habe das Pferd gezeichnet“, erzählt Weimer. Dem Reiter gefiel das Bild, man kam ins Gespräch. „Er sagte, er hätte da vielleicht etwas für mich. Aber danach habe ich ein halbes Jahr nichts mehr gehört.“

Dann ein Anruf aus Kaltenberg. Auf dem Mittelaltermarkt der Ritterspiele sei ein Stand frei. Ob Weimer den haben wolle? Der damals 74-Jährige kannte die Veranstaltung bis dahin nur von Plakaten. „Ich wusste nicht, was mich erwartet. Aber wenn man so ein Angebot bekommt, muss man zugreifen.“

Inzwischen ist der ehemalige Elektromeister 85 Jahre – und selbst eine Kaltenberger Institution. Als Helmzier- und Schildermaler bemalt er Ritterhelme (den ersten bekam der Reiter aus dem Biergarten), verziert Rüstungen, gestaltet Wappen, bemalt die Scheiden von Schwertern und Dolchen. „Das ist sehr gefragt“, freut sich der Rentner. Als Wappenmaler ist er inzwischen auch außerhalb der Ritterspiele ein Geheimtipp. Ob echte historische Motive oder Fantasie-Wappen – alles ist erlaubt. Und weil erstaunlich viele Leute Lust auf ein eigenes Wappen haben, hat Heinz Weimer gut zu tun.

Talente aufspüren, Menschen mit seltenen Hobbys, die gut auf den Mittelaltermarkt passen – das ist die Aufgabe von Florentine Tavernier. Die Mitarbeiterin der Veranstaltungs-GmbH sorgt dafür, dass auf den fünf Live-Bühnen und an den 140 Markt- und Handwerkerständen etwas geboten ist. Und Kaltenberg-Fans immer Neues entdecken können. Bewerbungen bekommt sie viele, aber nicht alles passt. „Man muss gut aussortieren“, sagt sie. Je seltener ein Handwerk, desto besser.

Seegrasschuhe sind eine solche Rarität. Bianca Weishaupt hat die Kunst von ihrer Schwiegermutter gelernt, die früher als Spinnerin und Weberin in Kaltenberg auftrat. Inzwischen ist die 38-Jährige selbst begeisterte Mitwirkende. Das Seegras – das im Wald wächst und so heißt, weil sich die langen Halme wellenförmig umlegen – muss händisch gepflückt und wochenlang getrocknet werden. In Kaltenberg schauen die Besucher dann staunend zu, wie sie lange Zöpfe flicht, zusammendreht und auf einen zurechtgeschnittenen Socken näht. Das dauert. Pro Marktwochenende schafft Weishaupt im Schnitt ein Paar Seegrasschuhe. Aber es geht ja nicht um Massenproduktion. Es ist ein Hobby. Im Hauptberuf arbeitet Weishaupt in der Logistikbranche. Bereich Schwerlasttransporte.

Hannes Burger kann in der Kupferschmiede seine beruflichen Fähigkeiten nutzen – er ist Spengler. In Kaltenberg fertigt er aus den Resten von Dachblechen raffinierte Reliefs, fein ziselierte Deko-Artikel, Kerzenhalter und Kerzenlöscher, Kupferkrüge und -becher. „Ich probiere immer neue Sachen aus“, erzählt der 58-Jährige.

Nach Kaltenberg kam er über seinen Neffen, der sich um einen Stand beworben hatte. Inzwischen macht die ganze Familie mit – Burgers Frau und die drei erwachsenen Kinder, seine Schwester und ihr Mann, weitere Neffen und Freunde. Die Schwester näht für alle die Gewandung – Tuniken, Kleider, Hosen und für kühlere Tage Wärmendes aus Kojotenfellen.

Burger hatte früher kein ausgeprägtes Interesse am Mittelalter. Inzwischen schwärmt er von Kaltenberg: „Es ist so geil. Ich habe jetzt schon wieder Gänsehaut, wenn ich nur davon spreche.“ Auf dem Gelände hat sich die Familie eine eigene Hütte gebaut. Die Standnachbarn sind Freunde geworden, mit den Besuchern führt man gute Gespräche. In der Mittelalterwelt bleibt die Hektik des Alltags vor den Toren.

Auch Schildermaler Heinz Weimer hat Spaß mit den Besuchern. „Die Leute sind interessiert und stellen viele Fragen, auch die Kinder.“ Ihnen erzählt er vielleicht, dass er schon als Bub immer Stifte und Block dabeihatte und sein Leben lang alles Mögliche gezeichnet hat – Gesichter, Charakterköpfe, Urlaubseindrücke. Und einmal sogar ein Pferd im Biergarten.

Infos zur Veranstaltung:

Gauklernacht am 10. Juli, dann Turnier-Tage jeweils an den Wochenenden bis 26. Juli. Tickets ab 34,90 Euro unter ritterturnier.de. Kaltenberg liegt 40 km westlich von München nahe Geltendorf.

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