„Vieles aus unserem Alltag stammt aus dem Mittelalter“

von Redaktion

München – Kriege, Kreuzzüge, Pest, derbe Sitten. Das verbinden viele mit dem Mittelalter. Zugleich wird keine historische Epoche so verklärt. Woran liegt das? Ein Gespräch mit Historiker Serafin Baur (32), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte der Uni Augsburg.

Herr Baur, warum fasziniert gerade das Mittelalter so?

In die Vergangenheit einzutauchen, bedeutet für viele Menschen ein Gefühl von Freiheit. Gleichzeitig ist es interessanterweise so, dass uns das Mittelalter in unserem Alltag ständig umgibt, ohne dass es den meisten bewusst ist. Die Brille, die Uhr, die Grundlagen unserer heutigen Schrift und die Universität als Lehranstalt – all das stammt aus dem Mittelalter.

Früh-, Hoch- und Spätmittelalter: zusammen 1000 Jahre. Um welche Spanne geht es auf den Mittelalter-Veranstaltungen?

Oft ist da ein großes Nebeneinander zu sehen. Die Bandbreite reicht von Wikingern mit Körperbemalung und in Felle gekleidet, die ins Frühmittelalter gehören, bis hin zu Gauklern, die schon eher der frühen Neuzeit zuzuordnen sind. Das Rittertum wiederum erlebte seine erste Blüte im Hochmittelalter mit der Minneliteratur, wohingegen die Turnierkultur eher ins Spätmittelalter gehört.

Welchen Zweck hatten die Turniere?

Es waren große gesellschaftliche Events, auf denen sich die Adligen trafen und Kontakte pflegten. Netzwerken war schon damals sehr wichtig. Die Turnierkämpfe selbst dienten der Unterhaltung des Publikums und der Repräsentation, aber auch dem Training des Kriegshandwerks.

Durfte das einfache Volk eigentlich dorthin?

Als Zuschauer schon. Man konnte hoffen, einen Blick auf die großen Persönlichkeiten zu erhaschen. In manchen Städten, zum Beispiel Augsburg, gab es Veranstaltungen wie Bogenschießwettbewerbe für die gesamte Stadtbevölkerung.

Wie hart war das Mittelalter-Leben tatsächlich?

Es war von großer Ungleichheit geprägt. Die Geburt bestimmte den Platz in der Gesellschaft. Aufstiegsmöglichkeiten gab es kaum. Aber die Vorstellung vom Mittelalter als einer schmutzigen, unhygienischen Zeit ist ein Klischee. Es gab eine reiche Badekultur und schon einige medizinische Kenntnisse. Auch in Bezug auf Frauenrechte war manches fortschrittlicher, als man denkt. Es gab Orte, wo Frauen als Handwerkerinnen arbeiten und Zünften angehören durften. Insgesamt war das Leben natürlich hart. Eine einfache Infektionskrankheit konnte tödlich sein. Eine Frau mit zehn Kindern war froh, wenn zwei oder drei das Erwachsenenalter erreichten. Hatte man aber die Kindheit überlebt, konnte man durchaus 60 oder 70 Jahre alt werden.

Wie denken Sie als Historiker über Mittelaltermärkte?

Ich gehe gern hin. Ob sie nun historisch in allen Punkten korrekt sind oder nicht: Sie ermöglichen es, sich spielerisch mit dieser Zeit auseinanderzusetzen. Wen das Mittelalter interessiert, dem empfehle ich unseren kostenlosen Podcast „Von Chlodwig bis Columbus“.

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