Bürgermeister Carl Florea erhält den bayerischen Charme in Leavenworth. Christian Höferle (o. r.) lebt seit über 20 Jahren in den USA. © Culture Mastery, City of Leavenworth
Unter Donald Trump hat sich der europäische Blick auf die USA gewandelt. © Nikhinson/dpa
Von wegen bayerisches Bergdorf: Diese Holzhäuser stehen im Nordosten der USA und sind nur ein Teil der deutschen Einflüsse. © IMAGO
München – Wenn Carl Florea aus seinem Bürofenster schaut, fällt sein Blick auf einen beschaulichen Dorfplatz: Bierbänke stehen unter bunten Sonnenschirmen, dahinter erheben sich Holzhäuser vor einer Bergkulisse. Touristen, die zum Schwimmen oder Klettern in den 2500-Einwohner-Ort gekommen sind, schlendern durch die Straßen. Ein ganz normaler Tag in einem Bergdorf. Doch der Ort liegt nicht in Bayern. Sondern mehr als 8000 Kilometer entfernt.
Florea ist der Bürgermeister von Leavenworth im US-Bundesstaat Washington. Seit sechs Jahren steht der 72-Jährige an der Spitze dieses Ortes, der einem bayerischen Bergdorf nachempfunden ist. Damit alles möglichst authentisch wirkt, gelten in Leavenworth strenge Vorschriften – von den Farben der Gebäude bis zu den Schriftarten auf den Schildern. Für Inspiration reisen Mitglieder der Stadtverwaltung regelmäßig nach Bayern. Auch Florea besuchte bereits München, Mittenwald und Umgebung.
Als Leavenworth sich in den 1960er-Jahren von einer gewöhnlichen amerikanischen Kleinstadt in ein bayerisches US-Bergdorf verwandelte, ging es zunächst um die Optik: „Die Leute fuhren hier am Highway vorbei und sagten: Schaut euch die Schönheit der Natur an – das sieht aus, als wäre es in Bayern“, sagt Florea. Für den Bürgermeister ist sein Städtchen jedoch mehr. Er versteht es als Teil einer gemeinsamen deutsch-amerikanischen Geschichte. „Wir haben versucht, sie zu bewahren und hier einen Fokus darauf zu legen.“
Tatsächlich reicht der deutsche Einfluss auf die Vereinigten Staaten weit über Orte wie Leavenworth hinaus. Etwa zwölf Prozent der Amerikaner bezeichnen ihre Abstammung bis heute als deutsch – die größte europäische Gruppe. Knapp 100 Jahre, bevor die USA am 4. Juli 1776 ihre Unabhängigkeit erklärten, gründeten 13 Familien aus dem Rheinland bereits Germantown in Pennsylvania. Im 19. Jahrhundert folgten Millionen weitere Auswanderer aus dem deutschsprachigen Raum, viele von ihnen aus Bayern. „Jetzt ist die Zeit und Stunde da, wir reisen nach Amerika“, heißt es in einem zeitgenössischen Auswandererlied.
In diese Geschichte reiht sich auch Christian Höferle ein. Der gebürtige Weilheimer zog 2004 aus dem bayerischen Alpenvorland in den US-Bundesstaat Tennessee. Heute lebt der 55-Jährige mit seiner Frau Brigitta und den beiden gemeinsamen Töchtern in Atlanta, Georgia. Fühlt er sich mittlerweile vollständig als Amerikaner? „Im Herzen bin ich Bayer. Das Bayerischsein ist meine kulturelle Identität, unstrittig, auch hier“, sagt er augenzwinkernd mit Verweis auf seinen hörbar bayerischen Dialekt.
Er sei aber auch US-Staatsbürger und fühle sich spätestens seit seinem ersten Gang zur Wahlurne als Amerikaner. Diese Dualität lasse die amerikanische Kultur zu. „Das sieht man, egal wo man in den USA hingeht: Es gibt diese Bindestrich-Identitäten“, erklärt Höferle. German-Americans, Irish-Americans, Italian-Americans – sie alle seien stolz auf ihre Herkunft, aber zugleich eindeutig Amerikaner. Doch nicht alle Bindestrich-Identitäten entstanden freiwillig. Das erste Schiff mit versklavten Afrikanern an Bord erreichte die Küste Virginias 1619. Das düstere Kapitel der Sklaverei und ihr Erbe gehören von Beginn an zur US-Geschichte.
Insgesamt verstünden die Amerikaner ihr Land als Experiment, das immer weiter verbessert werden müsse, erklärt Höferle. Das Spannende: „Dass die Form noch nicht gegossen ist.“ Der 55-Jährige lebt mit seiner Familie in einer Nachbarschaft, die zu 80 Prozent afroamerikanisch geprägt ist. „Unsere jüngere Tochter war bei uns im Viertel in der Middle School zwei Jahre lang das einzige weiße Kind an der Schule.“ Das zwinge ihn, sich mit der eigenen Identität auf eine Weise auseinanderzusetzen, die es im bayerischen Alpenvorland kaum gebe: als Minderheit.
Beruflich beschäftigt sich Höferle mit der Überbrückung kultureller Differenzen: Als Berater und Gründer von „The Culture Mastery“ hilft er ausländischen Mitarbeitern von Firmen, in den USA anzukommen. Womit haben Deutsche die größten Schwierigkeiten? „Dass Kritik nicht ausgesprochen wird, also nicht gradraus, wie man in Bayern sagen würde“, erklärt Höferle. Auch er habe anfangs oft gar nicht verstanden, dass er kritisiert wurde – weil Kritik häufig in kleine Vorschläge innerhalb eines Lobes verpackt werde.
Trotz des regen transatlantischen Austauschs erscheinen die Amerikaner vielen Deutschen während der zweiten Amtszeit von Präsident Donald Trump fremder als je zuvor. „Deutschland hat sich lange einer Illusion hingegeben, dass die Beziehung zwischen Europa und den USA von inniger und gegenseitiger Liebe und Freundschaft geprägt ist“, sagt Höferle. Die USA hätten das Verhältnis jedoch immer pragmatischer gesehen, unter Trump werde das nur deutlicher ausgesprochen.
Carl Florea versteht jeden Europäer, der sich von Trumps Rhetorik vor den Kopf gestoßen fühlt. Der Bürgermeister ist zwar parteilos, aber ein scharfer Kritiker des republikanischen Präsidenten. In die Politik trieben Florea die hohen Immobilienpreise. Leavenworth, das sich lediglich über eine Meile erstreckt, liegt nahe der teuren Großstadt Seattle – ein durchschnittliches Einfamilienhaus kostet laut Florea deshalb 700.000 Dollar. „Ich wollte verhindern, dass wir unsere Gemeinschaft verlieren“, erklärt er. Der lutherische Pastor wollte jedoch nicht nur Altes bewahren, sondern auch Neues einführen. So machte er den Ortskern zur autofreien Zone – nach bayerischem Vorbild und gegen heftigen Widerstand.
„Veränderung gibt es nie ohne einen Kampf“, sagt Florea. „Selbst als Leavenworth in den 60ern drohte, zur Geisterstadt zu werden, wehrten sich viele gegen die Umwandlung in ein bayerisches Dorf.“ Trumps Politik sieht er als den Todeskampf einer aussterbenden Ideologie.
Wenn am 4. Juli die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag beginnen, werden in Leavenworth zwischen Fachwerkfassaden und Blumenkästen amerikanische Flaggen wehen. Kaum jemand wird den Ort an diesem Tag für ein bayerisches Dorf halten. „Hier wohnen Italiener, Thailänder, Mexikaner. Wir feiern sie alle“, sagt Florea. Was er sich für die nächsten 250 Jahre der Vereinigten Staaten wünscht? Dass das Land weiter für die Offenheit kämpft, ohne die es nie entstanden wäre.