Blutabnahme als Basis für den neuen Test.
Frauen öfter betroffen: Etwa zwei Drittel aller Alzheimer-Patienten sind weiblich. Das Risiko steigt ab dem 65. Lebensjahr stark an. Ein neuer Test soll bei der Früherkennung helfen. © smarterpix (3), Jens Hartmann, Marcus Schlaf
München – Schon jetzt leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Bis 2050 soll die Zahl der Betroffenen auf 2,3 bis 2,7 Millionen steigen, heißt es bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Die Mehrheit der Betroffenen leidet dabei an Alzheimer. Die Krankheit entsteht, wenn sich zwei Eiweißstoffe im Gehirn ablagern und die Nervenzellen blockieren. Ein schleichender Prozess, der oft viele Jahre unentdeckt bleibt, bevor Betroffene die ersten Gedächtnisprobleme zeigen. Und genau hier setzt der neue Bluttest pTau217 an, der seit dem 1. Juli in speziellen Kliniken oder bei Fachärzten verfügbar ist. Denn der Test soll Alzheimer-Veränderungen im Gehirn mit einer hohen Präzision schon vor den ersten Symptomen nachweisen, damit Patienten frühzeitig behandelt werden können.
Die Test-Entwickler sprechen von einer Sicherheit von über 90 Prozent. Für die Analyse wird den Betroffenen Blut abgenommen, schnell und praktisch schmerzfrei. Aber ist die neue Methode wirklich so einfach? „Die Anwendung mag eine Erleichterung für viele Patienten sein“, erklärt Professor Dr. Jens Benninghoff, Chefarzt des Zentrums für Altersmedizin und Entwicklungsstörungen am Kbo-Klinikum in Haar. Doch er betont zugleich: „Der neue Test allein ist noch keine Diagnose für eine Alzheimer-Erkrankung. Er kann lediglich ein erster Hinweis sein.“
Bereits 2025 kam der erste Bluttest pTau181 auf den Markt. Der Nachfolger pTau217, im Mai 2026 EU-weit zugelassen, soll noch präziser sein. Er misst das Tau-Protein im Blut, das sich bei der Krankheit verändert – Mediziner nennen diesen Prozess „Phosphorylierung“. Nach der Laboranalyse steht innerhalb von wenigen Tagen das Ergebnis fest. „Doch selbst wenn sich eine Eiweißveränderung zeigt, heißt das nicht, dass der Mensch an einer Demenz erkrankt ist“, erklärt Prof. Benninghoff. „Nicht die einzelnen Laborwerte sind entscheidend. Für eine Alzheimer-Diagnose ist ein Gesamtbild nötig, die Untersuchung ist komplex. Damit ist der neue Bluttest nicht als alleinige Vorsorge geeignet.“
Diese gängige Untersuchung besteht aus einer Computertomografie (CT) oder einer Kernspintomografie (MRT), die Veränderungen im Gehirn zeigen. „Die Bilder sind ein Baustein“, so Benninghoff. „Dazu kommt ein ausführlicher Test der Gedächtnisleistung. Hier werden etwa die Funktionen des Gehirns wie Denken, Planen und Sprache und auch die räumliche Vorstellung überprüft.“
Dazu folgt die Untersuchung des Nervenwassers, auch Liquor genannt. „Die Lumbalpunktion wird oft fälschlicherweise als Rückenmarkspunktion bezeichnet, obwohl nicht das Rückenmark, sondern der Bereich deutlich tiefer, im Lendenwirbelbereich, untersucht wird.“ Der Arzt entnimmt dafür mit einer speziellen Hohlnadel Flüssigkeit. Benninghoff: „Drei Hauptwerte werden damit getestet: Erniedrigtes Beta-Amyloid, ein Protein, das sich als Plaques ablagert. Erhöhtes Phospho-Tau-Protein (pTau), ein Eiweiß, das auf für Alzheimer typische Faserbündel hindeutet. Und drittens das erhöhte Gesamt-Tau-Protein (tTau), das anzeigt, wenn Nervenzellen geschädigt sind oder absterben.“ Das bedeutet für den Experten: „Der neue pTau217-Test ist eine Verkürzung, weil lediglich ein Parameter im Blut gemessen wird.“ Dieser isolierte Wert reiche für eine Diagnose nicht aus. „Das ist ähnlich, wie wenn der Hausarzt bei einem Mann einen erhöhten PSA-Wert feststellt. Das bedeutet nicht gleich, dass der Patient an Prostatakrebs leidet. Der Wert kann auch durch eine harmlose Entzündung erhöht sein.“
Deshalb werden am Kbo in Haar derzeit noch Erfahrungen gesammelt und Studien ausgewertet, bevor der neue Bluttest angewendet werden kann. Für den Chefarzt steht allerdings fest: „Der Bluttest kann eine Erleichterung sein für Menschen, die vor der Nervenwasseruntersuchung Angst haben. Einen Vorteil bringt er auch für Patienten, die Blutverdünner nehmen, weil man diese Medikamente für den Test nicht absetzen muss.“ Hilfreich könne er für diejenigen sein, die erste Defizite verspüren, wenn etwa Wortfindungsstörungen auftreten oder man mit dem Auto bei komplexen Situationen an einer Kreuzung nicht mehr zurechtkommt. „Für den Test sollte man aber unbedingt in eine Memory-Klinik, also eine Gedächtnissprechstunde, gehen.“ Bezahlt wird die Blutanalyse in der Regel bislang nicht von den gesetzlichen Krankenklassen. Die Kosten, so das Deutsche Ärzteblatt, betragen etwa 100 bis 150 Euro.
Dringend warnen möchte Prof. Benninghoff aber vor einer Panikreaktion: „Selbst wenn der erste Bluttest positiv ausfällt, ist das noch kein Urteil.“ Seine Bitte: „Holen Sie sich Rat bei einem Fachmann. Bei einer Früherkennung kann Alzheimer um etwa ein bis zwei Jahre verlangsamt und den Betroffenen wertvolle Zeit geschenkt werden, in der hoffentlich eine effektive Therapie entwickelt wird.“