Die dunkelste Stunde des Kult-Unternehmers

von Redaktion

Lebensretterin: Nur weil seine Frau Elisabeth (li.) eingriff, überlebte Wolfgang Grupp den Suizidversuch. © Murat/dpa

Ein Jahr lang begleitete Volker ter Haseborg (li.) den Ex-Trigema-Chef. © Michael Sautter/ Trigema, Weißbrod/dpa

München – Als Volker ter Haseborg am Abend des 31. Mai 2025 Wolfgang Grupps Wochenendhaus verlässt, bittet ihn eine Angestellte, noch zum Essen zu bleiben. Der Journalist, der an einer Biografie über den ehemaligen Trigema-Chef arbeitet, lehnt ab – er muss den letzten Zug aus Immenstadt im Allgäu nach Hause erwischen. Dass die Einladung mehr war als eine höfliche Geste und die Angestellte wohl hoffte, dass Grupp den Abend nicht allein verbringen würde, versteht er erst rund einen Monat später: als der Unternehmer am 7. Juli 2025 versucht, sich das Leben zu nehmen.

Diese dunkle Episode, die sich heute zum ersten Mal jährt, nimmt in der kürzlich erschienenen Biografie „Wolfgang Grupp“ von ter Haseborg ein eigenes Kapitel ein. „4.45 Uhr Suizidversuch“, steht darüber. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ter Haseborg seit sechs Monaten an dem Buch über das Leben des 84-jährigen Unternehmers. Er sprach mit Weggefährten wie Erich Sixt, blätterte durch Fotoalben und blickte in Grupps Tagebuch. Darin las er bereits vor dem verhängnisvollen 7. Juli mehrfach das Wort „Depressionen“.

Mit seiner psychischen Erkrankung ging Grupp in Gesprächen mit ter Haseborg sehr offen um: „Er hat mir erzählt, dass er sich nach der Übergabe seiner Firma Trigema nicht mehr gebraucht fühlt“, sagt der Autor gegenüber unserer Zeitung. Grupp habe sich sehr einsam gefühlt – „obwohl er Leute um sich herum hat und obwohl er auch in der Firma nach wie vor wichtige Aufgaben erfüllt“. Der Austausch sei sehr emotional gewesen. Grupp habe ihm die Symptome seiner meist nachts auftretenden depressiven Schübe geschildert: „Verlust von Freude, gedrückte Stimmung, Schlafstörungen, Hoffnungslosigkeit“, heißt es in der Biografie.

Dass Grupps Altersdepressionen mehrere Kapitel der Biografie einnehmen würden, war ter Haseborg zu Beginn seiner Recherche nicht bewusst. Er hatte den Unternehmer bereits Jahre zuvor als „selbstbewussten und exzentrischen Patriarchen, der immer für einen markigen Spruch gut ist“, kennengelernt. Auch nachdem Grupp ihm von seinen Depressionen erzählte, habe er die Schwere der Erkrankung zunächst nicht vollständig erkannt. „Als ich von seinem Suizidversuch erfuhr, war ich schockiert.“

An die Nacht des Suizidversuchs kann sich Grupp kaum erinnern. Seine Frau Elisabeth hingegen schon: Ihr Mann sei mehrfach aus dem Bett aufgestanden, beim zweiten Mal sei sie ihm nachgelaufen, schreibt ter Haseborg. Als sie ihn mit einer Pistole in der Hand gefunden habe, sei ihr sofort klar geworden, was er vorhatte. Ganz habe sie ihn nicht abhalten können. „Aber wenn sie nicht gekommen wäre, dann wäre Wolfgang Grupp jetzt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr am Leben.“ Die Kugel habe lebenswichtige Arterien nur knapp verfehlt.

Ob eine Schilderung des Suizidversuchs jemals gedruckt würde, war in den Wochen danach völlig unklar. Ter Haseborg wusste nicht, ob Grupp überhaupt noch wollte, dass seine Biografie erscheint. Aber: „Eines Tages klingelte mein Telefon: Wolfgang Grupp war dran, da lag er noch im Krankenhaus. Und dann ging es weiter.“ Das verdiene großen Respekt, so ter Haseborg. Die Offenheit in Bezug auf das Thema gehe auch auf den Einfluss Elisabeths zurück – sie riet ihrem Mann dazu. Heute ist Grupp mit dem Umgang damit zufrieden. „Er steht zu diesem Kapitel seines Lebens und bekommt viel Zuspruch dafür, dass er sich so offen zu diesem wichtigen Thema geäußert hat“, sagt ter Haseborg.

Der Autor hofft, dass die Biografie dazu beiträgt, das Tabu psychischer Erkrankungen aufzubrechen – vor allem unter älteren Männern. Grupp sei bei dieser Gruppe besonders populär. „Indem er über das Thema spricht, kann er andere vielleicht dazu bewegen, sich helfen zu lassen.“

Die autorisierte Biografie

Ter Haseborgs Biografie „Wolfgang Grupp“ erschien am 31. März 2026 im Deutschen Wirtschaftsbuch Verlag (30 Euro).

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