Carlson El Murtadi bietet in seiner Privatpraxis in Ottobrunn eine „Männer- und Väterberatung“ an. © Martin Becker
Ottobrunn – Immer weiter, mit Volldampf. Kürzertreten? Bloß nicht, das könnten andere ja als Schwäche interpretieren. „Männer sind etwas sonderbar“, hat Herbert Grönemeyer schon 1984 besungen. Sie weinen heimlich, sie sind verletzlich, sie stehen ständig unter Strom. „Männer“ eben, so der Titel des Rock-Klassikers, in dem Grönemeyer musikalisch thematisierte, was Carlson El Murtadi in seiner Praxis für Männer- und Väterberatung täglich erlebt: dass das sogenannte starke Geschlecht an Grenzen stößt, aber keine Lösungen mehr findet. In diesen Prozess klinkt sich der 47 Jahre alte Däne, der in London klinische Psychologie studiert hat, ein. Sein Credo steht in Versalien an der Praxistür in Ottobrunn angeschrieben: „Echte Männer reden.“
Als prominentes Beispiel dafür, zu welchen Reaktionen maskuline Verzweiflung führen kann, nennt Carlson El Murtadi den Unternehmer und langjährigen Trigema-Firmenchef Wolfgang Grupp, der im Juli 2025 versucht hatte, sich das Leben zu nehmen (siehe oben). „Die Suizidrate bei Männern ist drei- bis viermal höher als bei Frauen“, sagt der Therapeut. Konkurrenzzwang und Leistungsdruck führten „zu einer Art Selbstboykott“, erklärt er: „Das Gefühl der Hilflosigkeit ist für Männer ein großes Problem, denn es steht in Ambivalenz zu gesellschaftlichen Anforderungen.“ Den Druck aushalten, sich immer mehr Stresstoleranz vorgaukeln? „Die Zündschnur ist kürzer geworden“, weiß Carlson El Murtadi. Bevor es zur Explosion kommt, versucht er, unterstützend einzugreifen.
„Ich gebe Männern einen Schutzraum, in dem sie sich verstanden fühlen – ohne Vorverurteilung, ohne Klischees.“ Dass er Männern in Phasen der Überforderung „auf Augenhöhe begegnen kann“, liegt daran, dass der Däne selbst schon „als Mann und Vater“ erlebt hat, wie herausfordernd ein Schicksalsschlag oder Grenzerfahrungen sein können und wie es sich anfühlt, „innerlich kaum mehr Kraft zu haben“. Carlson El Murtadi blickt zurück auf seine eigene Geschichte: 2017 erkrankte seine Partnerin an Brustkrebs, zwei Jahre später starb sie. „Ich musste stabil sein für unsere beiden Söhne, hatte zugleich mit meiner eigenen Trauer zu kämpfen. Das war eine große Herausforderung.“
Die Klientel, die zu ihm nach Ottobrunn in die Praxis kommt, sind Männer im Alter von 30 bis 65, darunter viele Führungskräfte. „Sie suchen dann Hilfe, wenn der Leidensdruck aufschlägt. Oft fühlen sie sich ausgebrannt, haben Panikattacken“, berichtet Carlson El Murtadi. Ob er helfen kann oder nicht, entscheidet sich oft schon bei der kostenlosen Erstberatung. „Bei mir werden psychosoziale Themen bearbeitet“, sagt der „Männer- und Väterberater“, wie er sein Berufsfeld nennt. Patentrezepte gebe es nicht, mit der Psyche sei es ähnlich wie mit einem Armbruch: „Der Gipsverband ist nur der erste Schritt. Auch Lösungen im Psychosozialen brauchen eine gewisse Zeit, sind ein Reifeprozess.“ Es kommt vor, dass er Klienten gar nicht therapiert, sondern die gleich zu Fachärzten schickt: bei offenkundigen Suchterkrankungen, bei Schlafapnoe, bei organischen Problemen.
Wo er ansetzt? „Männer professionell in ihrer Lebensrealität zu erreichen“. Im modernen Berufsleben etabliere sich die „Stärke-Stärke-Sprache“. Oft gehe es darum, „wie verpacke ich Stress als attraktiv?“ Carlson El Murtadi versucht, beim Gegenüber einen „Zugangspunkt“ zu finden, er skizziert eine dreistufige Pyramide: „So bin ich. So soll ich sein. Mein Wunsch-Ich.“ Er versucht, „Impulse zu setzen und gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln“. An konkreten Zielen zu arbeiten: mehr Gelassenheit, weniger Stress erleben, sich mehr um Partnerschaft und/oder Kinder kümmern. „Gesunde Väter sind die Grundlage gesunder Familien.“
Zu seinen therapeutischen Ansätzen zählen zwei Produkte von Lego. Eine große, bunte Figur, „der Tony“. Mit Helm, „weil er sich für unverwundbar hält und medizinische Vorsorge vernachlässigt“. Dieser Tony „baut und baut und baut lieber“. Ein Denkfehler in der Teufelsspirale „der erlernten Sozialisierung“. Der Experte spricht von „ungesunden Bewältigungsstrategien“. Der zweite Lego-Ansatz: das Set „Serious Play“ aus 234 Bausteinen, hier dürfen Männer ihr situatives Befinden quasi basteln.
El Murtadi versucht, Männer und Väter, die ins Wanken geraten sind, zu stabilisieren. Messbar sind Erfolge kaum, er fühlt sie: „Dann, wenn jemand sagt: ,Ich bin wieder bei meiner Kraft. Männer dahin zu bringen, das ist das Ziel.“ Die Wege dorthin sind vielfältig, eins hat der Fachmann in all den Jahren (im Landkreis München ist er schon seit 1986 tätig) gelernt: „Es gibt nicht den Mann. Wann jemand in den roten Bereich kommt, liegt in jedem Fall individuell.“ Klarheit finden, Kraft geben: Diesen Weg weist der Männer- und Väterberater. Denn es ist beileibe nicht so, wie es in einer ironischen Songtext-Passage von Herbert Grönemeyer heißt: „Männer können alles“.MARTIN BECKER