Saurüsselkopf: Wettlauf gegen die Zeit

von Redaktion

Ein gewaltiges Feuer wütete vor zwei Monaten auf dem Berg im Chiemgau – Wie geht es dort jetzt weiter?

Der 1270 Meter hohe Saurüsselkopf liegt bei Ruhpolding. © Karte: MM

Blick auf den brennenden Gipfel vom Polizeihubschrauber aus. © KFV Traunstein (2)

Ein Feuerwehrmann in unwegsamem Gelände.

Das Holzkreuz steht noch auf dem Saurüsselkopf. Vorne: Forstbetriebsleiter Sebastian Klinghardt mit Hund Fredl. © caz/dpa

Ruhpolding – Das hölzerne Gipfelkreuz steht noch. Ein Wunder, denn drum herum ist der Saurüsselkopf verkohlt: der Boden, jahrhundertealte Baumstämme, Latschengebüsch. Sebastian Klinghardt, Betriebsleiter der Staatsforsten in Ruhpolding, steht 200 Meter unterhalb des Saurüsselkopfs und sagt: „Der schaut aus wie der Zuckerhut.“ Kahl, kaum mehr bewaldet. Dann zeigt er auf den Hang: „Die Flammen sind 500 Höhenmeter ins Tal gewandert.“ Es riecht verbrannt. Zwei Monate nach dem größten Waldbrand der letzten Jahrzehnte in Bayern ist an dem Berg im Chiemgau nichts mehr, wie es war.

Am 3. Mai, kurz nach 19 Uhr, bricht am Gipfel auf 1270 Metern das Feuer aus. Noch weiß niemand, warum. Hat ein Wanderer eine Kippe weggeschnipst? Es dauert an jenem Sonntagabend wenige Minuten, bis der erste Hubschrauber den Brand überfliegt. Dann bricht die Hölle aus.

Die Bedingungen sind schlecht: Der April war sehr trocken, der steile Hang ist von der Sonne ausgedörrt, das Gras brennt wie Zunder. Der Wind wechselt ständig die Richtung, Flammen verbreiten sich rasend schnell. Bricht ein lodernder Wipfel ab, fällt er wie eine Fackel hunderte Meter Richtung Tal. Am Ende brennen 150 Hektar, 210 Fußballfelder, das Gelände ist nur schwer oder gar nicht zugänglich. Die Flammen meterhoch, es hat mehrere hundert Grad. Sechs Tage lang gilt der Katastrophenfall, mehr als zwei Wochen dauert es, bis alle Glutnester gelöscht sind. Per Hand, jedes einzeln. 1600 Einsatzkräfte gehen an ihre Grenzen, sie schuften in 12-Stunden-Schichten. 70 Feuerwehren sind vor Ort, auch die Polizei, Bundeswehr, THW, Rotes Kreuz, Bergwacht.

Sebastian Klinghardt wird die Dramatik nie vergessen. „Es war unheimlich“, sagt der 40-Jährige, der erst seit Dezember Chef des Forstbetriebs ist. Alle paar Minuten fliegt in diesen Tagen ein Hubschrauber zum brennenden Berg, lässt 5000 Liter Wasser fallen, fliegt zu einem der nahen Seen, füllt in Sekunden auf, dann das Ganze von vorn. Alles, was in Bayern zur Brandbekämpfung zur Verfügung steht, kommt am Saurüsselkopf zum Einsatz. „Das war eine Materialschlacht“, sagt Klinghardt. Er geht von Kosten über 20 Millionen Euro aus.

Damit sich das Feuer nicht noch weiter ausbreitet, schlagen Klinghardts Mitarbeiter und Freiwillige Schneisen entlang der beiden Schotterwege, die den Saurüsselkopf wie ein V einschließen. Der Plan ist knapp aufgegangen: Bis zur Schneise sind die Pflanzen verkohlt. Darüber täuscht auch das hellgrüne Gras, das nachgewachsen ist, nicht hinweg. Wenigstens hat sich das Feuer nicht auf der anderen Seite des Bergkamms ausgebreitet.

Wie geht es jetzt weiter? Der Bergwald hat eine zentrale Bedeutung für die Region, er schützt vor Lawinen, Steinschlägen, Murenabgängen. Der Oberboden filtert das Trinkwasser für 30.000 Menschen in Traunstein, Siegsdorf und Inzell. Die Aufforstung, sagt Klinghardt, wird sich Jahre hinziehen. „Bis der Wald wieder alle Schutzfunktionen erfüllt, dauert es Jahrzehnte.“ Für die Staatsforsten hat ein Wettlauf gegen die Zeit begonnen.

Mit jedem Tag, der vergeht, breitet sich der Borkenkäfer rund um den Saurüsselkopf aus. Je wärmer, desto schneller – die toten oder angeschlagenen Bäume sind leichte Beute für den Schädling. Auf dem Weg zum Vorgipfel trifft Sebastian Klinghardt einen Mitarbeiter. Der hat eine Spraydose dabei, in leuchtendem Orange sprüht er ein X auf einen befallenen Stamm. „Das bedeutet, der Baum muss weg“, erklärt Klinghardt. Die markierten Bäume müssen per Helikopter vom Berg geholt werden. Jeder Quadratmeter muss einzeln begutachtet werden, Klinghardt nennt es eine „Mosaik-Arbeit“.

So war auch der Kampf gegen die Glutnester. Mit Drohnen, aber auch mit Hand-Wärmegeräten suchen die Einsatzkräfte tagelang Hitzequellen. Das geht nur ganz früh am Morgen, denn wenn die Sonne auf den ungeschützten Boden knallt, wird er so heiß, dass die Geräte anschlagen. Niemand weiß, wie viele Bäume, die von außen intakt aussehen und noch grüne Kronen haben, in den kommenden Wochen absterben. Bei manchen liegen die verkohlten Wurzeln frei wie bei Mangroven. Kiefern halten starke Hitze für einen kurzen Zeitraum aus – aber einen tagelangen Brand? Fichten tun sich schwer – sie wurzeln nah an der Oberfläche, da ist nicht mehr viel übrig. Buchen mit ihrer dünnen Rinde haben kaum eine Chance.

Es gibt ein Katastrophenszenario, das Klinghardt besonders fürchtet: Starkregen. „Wenn uns das trifft, schwemmt es den Oberboden ab, dann ist da blanker Fels.“ Darauf können keine Pflanzen nachwachsen. Klar, die Natur sorgt für sich selbst, Samen werden anfliegen oder von Vögel verteilt. Aber das reicht nicht. Gerade versuchen die Experten, möglichst viel Saatgut zu organisieren. Aus einem Teil werden Pflänzchen gezogen. Und möglichst bald sollen mit Drohnen Samenkugeln abgeworfen werden. Unklar ist, wie viel das bringt. Der verbrannte Boden heizt sich in der Sonne so auf, dass Samen kaum Chancen haben, zu treiben.

Plötzlich kracht es am Steilhang – irgendwo ist ein lädierter Baum umgeknickt. Es ist nicht ungefährlich, in dem Gebiet unterwegs zu sein. Für Wanderer ist es noch gesperrt. Es grenzt fast an ein Wunder, dass bei dem Löscheinsatz nicht viel passiert ist. Ausgerechnet am letzten Tag wurde ein Bergwachtler von einem herabfallenden Ast getroffen, er kam ins Krankenhaus.

Es gibt auch gute Nachrichten. Der Steinadler, der ganz in der Nähe sein Nest hat, hat die Brut nicht abgebrochen, obwohl die Hubschrauber ohne Pause über das Gelände geknattert sind. Der Jungvogel konnte schlüpfen. Ein paar Gämsen und Kreuzottern wurden gesichtet. Die meisten Tiere, sagt Klinghardt, sind instinktiv vor dem Feuer geflüchtet. Über den Waldboden krabbeln Ameisen – die Natur erholt sich. Aber der Mensch muss helfen, so schnell wie möglich.CARINA ZIMNIOK

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