70 Zentimeter Urzeit: Präparator Frederik Spindler steht vor dem Unterkiefer des Cyclotosaurus. Die Simulation zeigt den Riesenlurch bei der Jagd auf einen unachtsamen Grallator. Auf dem Grund liegt ein verwandter Metoposaurus, der aber am Gewässerboden jagte und nur zum Atmen auftauchte. Rundes Bild: ein Arizonasaurus. © K. Haag / Simulation: LfU / imago
München – „Cyclotosaurus ebrachensis“, haben die Wissenschaftler den Riesenlurch in Anlehnung an den Fundort nahe dem fränkischen Kloster Ebrach genannt. Ein Lurch, das klingt wenig gefährlich. Aber vor rund 230 Millionen Jahren in der Trias, der ersten Epoche des Erdmittelalters, war er „der Top-Predator“, wie Roland Eichhorn (60), Chefgeologe am Landesamt für Umwelt (LfU), sagt. Will heißen: Das etwa vier Meter lange Tier war ein fleischfressender Räuber und stand an der Spitze der Nahrungskette.
Als Lauerjäger wartete der Saurier im flachen Wasser, bis sich Beute näherte. Dann schnappte er blitzschnell zu. Was die 75 Zentimeter langen Kiefer mit hunderten spitzen Zähnen und fingerlangen Fangzähnen gefasst hatten, ließen sie nicht mehr los.
Zu seiner Beute zählten andere kleinere Saurier ebenso wie die Vorfahren der Säugetiere, die gerade zu großer Artenvielfalt aufblühten, wie Professor Oliver Rauhut, Oberkonservator an der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie, erläutert.
Das Bayern, das sie erlebten, hatte mit dem heutigen wenig gemein: Die Alpen hatten sich noch nicht aufgetürmt, Blumen und Gräser gab es noch nicht. Stattdessen wuchsen Wälder aus urzeitlichen Nadelbäumen, Riesenschachtelhalmen und Baumfarnen. Das Klima: mörderisch. Es war unerträglich heiß, weil das heutige Bayern auf dem Urkontinent Pangaea noch nahe am Äquator lag. Monsunartiger Regen wechselte sich mit extremen Trockenzeiten ab.
Darauf stützt sich die Hypothese, wie Cyclotosaurus ebrachensis zum Fossil wurde. Das Tier sei wohl in einem Tümpel verendet, der in einer besonders starken Trockenperiode komplett austrocknete, sagt Eichhorn. Die nächste Flut schwemmte die Knochen dann an eine Stelle, wo sie mit Sand bedeckt wurden und über die Jahrmillionen versteinerten. Dort sammelten sich auch die Überreste anderer Tiere, deren Fossilien nun im Steinbruch zutage befördert werden.
Frederik Spindler ist Paläontologe. Nachdem der Unterkiefer grob aus dem Zwei-Tonnen-Klotz herausgesägt war, machte er sich daran, ihn vom Sandstein zu befreien. „Am Ende geht das Sandkorn für Sandkorn“, sagt Spindler. Das Problem: „Der Knochen hebt sich zwar farblich gut vom Sandstein ab, aber er hat etwa die gleiche Härte. Etwas zu viel Druck – und schon platzt ein Stück Knochen ab.“
Winzige Spuren verraten Spindler mehr über die Gestalt des Urzeitjägers. Der 42-Jährige deutet auf feine Wellen auf dem Knochen. „Das zeigt, dass die Haut hier sehr dicht am Knochen lag.“ Die Informationen lässt der Paläontologe, der sich in seinem Studio „palaeonavix“ in Kipfenberg auf Illustration, Modellbau und Präparation spezialisiert hat, schließlich in ein Bild des Cyclotosaurus fließen. Er ähnelte unseren heutigen Alligatoren, ebenfalls gewiefte Lauerjäger. Aber eine Verwandtschaft besteht trotzdem nicht. Krokodile sind Reptilien, der Cyclotosaurus ebrachensis war eine Amphibie.
Was Spindler vom Knochen schabt, ist Material für den Mikropaläontologen Matthias Kranner (32). Er untersucht die Schalen winziger Krebstierchen. Das erlaubt ihm eine zeitliche Einordnung und gibt Aufschluss über die Umwelt, in der der Cyclotosaurus lebte.
Dass Bayern Saurier-Land war, belegen zahllose Funde, primär aus den Epochen Trias und Jura im Erdmittelalter, also vor 144 bis 248 Millionen Jahren. Die fränkischen Trias-Sandsteine geben, wie jetzt bei Rauhenebrach im unterfränkischen Landkreis Haßberge, immer wieder Überraschungen frei. 2024 wurde in Richelbach der Fußabdruck eines rund 100 Kilogramm schweren Arizonasaurus entdeckt. Die Solnhofener Plattenkalke aus dem Jura (ca. 144 bis 206 Millionen Jahre zurück) sind weltbekannt, seit hier 1861 der erste Archaeopteryx entdeckt wurde – eine wissenschaftliche Sensation, zeigt das rabengroße Fossil doch den Übergang vom Reptil zum Vogel. Erst vor zwei Jahren wurden hier Fossilien einer neuen Flugsaurier-Art entdeckt. Aus der gleichen Epoche stammen Unmengen von Ammoniten und anderen Meeresbewohnern sowie mächtige Fisch- und Pliosaurier, wie sie etwa im Kloster Banz und im Juramuseum Eichstätt zu sehen sind.
Doch die Stars der Saurierszene, der Tyrannosaurus rex und seine Zeitgenossen, sucht man hier vergebens, wie Eichhorn ein wenig zerknirscht einräumt. Die kamen erst später, in der Kreidezeit, und da war unsere Gegend für diese Kolosse nicht der richtige Lebensraum: keine große Landfläche, sondern ein flaches Meer mit zahllosen Inseln – eine Art Archipel wie die Malediven.
Umso glücklicher ist Eichhorn über den nun gefundenen Unterkiefer. „70 Zentimeter, das ist schon was“, sagt er. Dass man mit dem Fund die Jugend begeistern kann, zeigte der Namenswettbewerb, den das LfU ausgelobt hat. „Gesiegt hat ,Frankenzilla, der Dino-Killer‘“, berichtet Eichhorn lachend.
Bayerns Saurier-Geschichte ist Eichhorn wichtig. Wer sich selbst einmal auf die Suche nach Fossilien gemacht habe oder sich von ihnen verzaubern lasse, entwickle einen Bezug zu seiner Heimat. „Man lernt sie schätzen, und das ist doch eine begehrenswerte Eigenschaft.“