Der Traum von der Abnehm-Pille

von Redaktion

Münchens Uni-Chef forscht an Mitteln gegen Adipositas – warnt aber vor falschen Versprechungen

Abnehmspritzen dämpfen den Appetit. Sie sind aber nur gedacht für Adipositas. © Andriy Popov/PantherMedia

Die Abnehmpillen mit dem Wirkstoff Semaglutid sind demnächst in Deutschland verfügbar. © Smarterpix

Adipositas ist kein schwacher Wille, sondern eine chronische Erkrankung, betont Prof. Matthias Tschöp. Der Stoffwechsel-Experte © Johannes Simon

München – Jeder achte Mensch auf der Welt lebt mit Adipositas, Tendenz stark steigend. Und noch etwas erschreckt: Im vergangenen Jahr waren laut dem Kinderhilfswerk Unicef erstmals mehr Kinder und Jugendliche fettleibig als untergewichtig. Da Übergewicht viele Folgeerkrankungen nach sich zieht wie Krebs oder Diabetes, widmet sich die Wissenschaft seit Jahrzehnten der Frage, wie man übermäßigen Appetit eindämmen kann. Ein Pionier auf diesem Gebiet ist der Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität, Prof. Matthias Tschöp. Für unsere Leser ordnet er den Nutzen der Abnehmpille ein.

Das enthält die Abnehmpille

Mitte August soll die Abnehmpille des dänischen Herstellers Novo Nordisk in der Europäischen Union zugelassen sein. Schon seit Jahresbeginn sind die Tabletten zum gezielten Gewichtsverlust in den USA verfügbar. In den Tabletten steckt der Wirkstoff Semaglutid, der das körpereigene Darmhormon GLP-1 nachahmt. Er sorgt dafür, dass man sich länger satt fühlt und weniger Hunger hat. Im Unterschied zur Spritze ist in den Tabletten hundertfach mehr Wirkstoff enthalten. Den Grund: Semaglutid ist eine organische Verbindung aus sogenannten Aminosäuren. „Sie oral zu geben, ergibt eigentlich keinen Sinn, denn sie werden von der Magensäure weitgehend zerstört, bevor sie wirken können“, erklärt Tschöp. Deshalb komme im Darm kaum Wirkstoff an. Auch wenn man die Wirkstoffdosis vervielfache, sei die Wirkung weit schlechter zu steuern und weniger effektiv als bei der Spritze, sagt Tschöp und prognostiziert: „Die Semaglutid-Tabletten, die jetzt auf den Markt kommen, sind sicher nicht der Weg in die Zukunft.“ Insbesondere, da die Spritzen einfach zu gebrauchen seien, sagt Tschöp: „Ich habe das selbst einmal probiert, die Nadel ist so dünn, man spürt quasi nichts, keinen Schmerz und keinen Stich.“

Tablette weckt große Hoffnungen

Wenn eine Abnehmpille und eine Abnehmspritze ähnlich wirksam, medizinisch geeignet, gleich teuer und mit vergleichbaren Nebenwirkungen verbunden wären, würden 46,5 Prozent der Befragten die Tablette bevorzugen, ergab eine aktuelle, repräsentative YouGov-Umfrage im Auftrag der Gesundheitsplattform GoLighter. Besonders bei den Menschen mit Adipositas weckt die Abnehmtablette offensichtlich viele Hoffnungen: Unter den Befragten mit einem BMI ab 30 bevorzugen 51,0 Prozent die Tablette, während nur 9,3 Prozent die Spritze wählen würden. 43,6 Prozent der Menschen mit Adipositas, die derzeit keine Abnehmspritze nutzen oder dies planen, würden die Abnehmpille nehmen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass für viele Betroffene nicht die Therapie selbst, sondern die Form der Anwendung bislang eine entscheidende Hürde darstellt. Das deckt sich mit ersten Erfahrungen aus den USA: Dort waren rund 80 Prozent der Patienten, die sich nach Markteinführung für die Abnehmtablette entschieden haben, zuvor keine Nutzer von GLP-1-Therapien mit Spritze.

Einnahme täglich frühmorgens nötig

Täglich muss eine Semaglutid-Tablette auf nüchternen Magen eingenommen werden, mit mindestens acht Stunden Abstand zur letzten Mahlzeit. Danach muss 30 Minuten gewartet werden, bevor man etwas isst, trinkt. Die Abnehmtablette ist im Unterschied zur Spritze, die auch schon ab einem Alter von zwölf Jahren verschrieben werden kann, ausschließlich für Erwachsene zugelassen.

Dosierung und Wirkung

Wegen der Nebenwirkungen wie Übelkeit, die bei Tablette und der Spritze gleich sind, müssen die Patienten die Dosis schrittweise steigern. In Studien nahmen sie im Schnitt bis zu 17 Prozent ihres Ausgangsgewichts ab. Auch für die Tabletten gilt, dass sie lebenslang genommen werden müssen, stellt Prof. Tschöp klar und erklärt, dass Adipositas zu 70 Prozent genetisch verursacht ist: „Es ist eine chronische Erkrankung, die in einer hyperkalorischen Umgebung, wo Dickmacher rund um die Uhr zur Verfügung stehen, zu einem Anstieg des Körpergewichts und einer Verschlechterung des Stoffwechsels führt.“ Der LMU-Präsident zieht den Vergleich zu einem Blutdrucksenker: Nach dessen Absetzen steigt der Blutdruck ebenfalls wieder an. Die Signale im Gehirn, die einen übermäßigen Appetit verursachen, werden durch die Medikamente lediglich unterdrückt.

Mehr Nutzen?

„Diese Medikamente verändern die Welt und man wird mit ihnen Millionen Menschenleben retten“, sagt Prof. Tschöp. Doch gelten Abnehmmittel nach deutschem Sozialrecht, das maßgeblich ist für die Kostenübernahme durch Krankenkassen, als „Lifestyle-Arzneimittel“. Eine Kostenübernahme ist also nur möglich bei Begleiterkrankungen, die durch das Übergewicht hervorgerufen wurden. Schon ein moderates Übergewicht kann massive Langzeitschäden begünstigen, warnt der Experte. „Unerwünscht ist aber, dass auch objektiv schlanke Menschen mit einem gesunden Stoffwechsel, die aus ästhetischen Gründen ein paar Pfund abnehmen wollen, die Medikamente nehmen.“ Tschöp erwarte, dass die Preise fallen und die Kassen mehr Möglichkeiten zur Kostenübernahme bekommen werden. Am Ende sei es wirtschaftlicher, mehr Menschen mit Adipositas von Medikamenten profitieren zu lassen. „Wir verhindern schwere Konsequenzen wie Schlaganfall, Herzinfarkt und Krebserkrankungen, Neurodegeneration.“ Er plädiere dafür, das System Schritt für Schritt zu öffnen: „Wir sollten mit denen anfangen, die es am dringendsten brauchen: etwa Patienten, die sonst schon in jungen Jahren einen Magenbypass bräuchten.“

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