INTERVIEW

„Am besten kommt man schon um 4 Uhr“

von Redaktion

Tanzmeisterin Katharina Mayer aus Bad Tölz über das Besondere beim Münchner Kocherlball

Besonderer Flair: Beim Kocherlball am Chinesischen Turm im Englischen Garten in München treffen sich Tausende.

Historische Kostüme: Brunhilde Böttcher trägt eine Bediensteten-Uniform beim Kocherlball. © Yannick Thedens (3)

Tanzmeisterin Katharina Mayer mit Vortänzer Magnus Kaindl beim Münchner Kocherlball. © Haberl

München – Hier treffen Tradition und Romantik aufeinander: Der Kocherlball an diesem Sonntag verwandelt den Biergarten am Chinesischen Turm ab 6 Uhr morgens wieder in Münchens größten Tanzboden. Tanzmeisterin Katharina Mayer (49) aus Bad Tölz führt mit Vortänzer Magnus Kaindl die Gäste durch den Ball. Ein Gespräch über wilde Diener, unerwartete Taktwechsel und bayerische Frontfrauen.

Sie sind seit 20 Jahren Tanzmeisterin beim Kocherlball. Ist das eine besondere Ehre?

Diesen Job gibt es nur einmal auf der Welt. Und den mache ich. Das ist ziemlich cool. Ich moderiere, führe Menschen zusammen und leite sie beim Tanzen an. Die Tatsache, dass eine Frontfrau auf der Bühne steht, die den Männern sagt, wo es langgeht, ist in der bayerischen Kultur eher ungewöhnlich.

Wie kam es dazu?

Meinen Vorgänger, den alten Tanzmeister Willi Poneder, kannte ich schon als Kind. Er war ein Freund meines Vaters, der ein Volksmusikforscher war. In Poneders letztem Jahr stand ich mit ihm zusammen auf der Bühne beim Kocherlball. Er war der alte Erfahrene. Ich die junge Wilde, die dafür sorgen sollte, dass die Volkskultur wieder mit der urbanen Kultur zusammenkommt. Nach seinem Tod habe ich übernommen.

Apropos Vergangenheit: Im 19. Jahrhundert trafen sich die Kocherl, das weibliche Küchenpersonal, und andere Hausangestellte sonntags frühmorgens vor der Arbeit am Chinesischen Turm zum Tanz. Heutzutage beginnt der Ball auch im Morgengrauen. Muss das sein?

Der Flair am frühen Morgen ist etwas ganz Besonderes. Wenn die Leute in der Dämmerung ihre Tischdecken ausbreiten, die Kerzenleuchter und das Essen auspacken. Es gibt nichts Vergleichbares. Am besten, man kommt schon gegen 4 Uhr, sonst sind alle Sitzplätze weg.

Und dann geben Sie den Startschuss…

Um 6 Uhr begrüße ich die Gäste. Aber es wird nicht lange geredet. Der Platz zwischen Bühne und Gastronomie verwandelt sich sofort in einen großen Tanzboden. Mit meinem Vortänzer Magnus Kaindl führe ich die Tänze vor. Es gibt Paartänze wie Polka, Walzer oder Boarischer sowie Figurentänze mit schönen Namen wie Kikeriki oder Krebspolka. Mein Lieblingstanz heißt „Bleamal“, eine bayerische Polka mit langsamen, groovigen Rhythmen. Gegen 8 Uhr machen wir eine Münchner Française, das ist ein Gassentanz, den man in der Gruppe tanzt.

Können die Leute heutzutage überhaupt noch anständig tanzen?

Viele machen bei den Tanzkursen mit, die wir vorab mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München im Hofbräuhaus anbieten. Die platzen aus allen Nähten. Das Schöne ist, dass hier Leute aus allen Schichten, Altersgruppen und Nationalitäten aufeinandertreffen. Wir zeigen Gebrauchstänze, die man relativ einfach lernen kann. Der schwierigste Tanz ist der Zwiefache, weil hier die Musiker unregelmäßige Taktwechsel spielen. Ansonsten kann man auch ohne Vorkenntnisse zum Ball kommen und einfach mittanzen.

Kann man sich dabei auch blamieren?

Nein! Das Schlimmste, was man machen kann, ist rumstehen. Dabei ist noch nie ein Ballvergnügen aufgekommen. Man kann übrigens auch alleine zum Kocherlball kommen. Dort findet sich immer ein Tanzpartner.

Gibt‘s eine Kleiderordnung?

Jeder darf sich so anziehen, wie er mag. Viele Leute kommen in Tracht, einige in historischen Kostümen. Hier eignen sich am besten Kleider, die früher die unteren Gesellschaftsschichten trugen, die den Ball damals zelebrierten. Also Verkleidungen als Magd, Koch, Kellner oder Diener.

Weil es diese Kocherl und ihre Verehrer mit der Sittlichkeit nicht so genau genommen haben sollen, wurde der Ball 1904 verboten. Und erst 1989 wieder ins Leben gerufen. Wie wild geht‘s heute zu?

Es ist ein wilder, lebendiger, lauter Ball. Von 6 bis 10 Uhr wird fast ohne Pause durchgetanzt. Die beiden Musikkapellen wechseln sich beim Spielen ab.

Ihr skurrilstes Erlebnis?

Einmal hat es so stark geregnet, dass Magnus und ich die Schuhe ausziehen mussten. Wir waren total durchnässt. Dann ist der Strom ausgefallen, wir hatten kein Mikro mehr und die Band musste unplugged spielen. Aber wir haben weitergemacht und viele Besucher sind dageblieben und haben in den Pfützen getanzt. Das war toll.

Und wenn die Musik beim Kocherlball verstummt ist, was machen Sie dann?

Magnus arbeitet beim Kulturreferat, Abteilung Volkskultur. Und ich begleite als Tanzlustvermittlerin viele große Kunst- und Kultur-Veranstaltungen. Ich bin eigentlich immer dort, wo Menschen zum Tanzen zusammenkommen.

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