Kommt er? Carsten Linnemann, bisher Generalsekretär. © dpa
Thorsten Frei (M.) könnte Spahns Nachfolger werden. © dpa
Am Notausgang: Jens Spahn räumt seinen Posten als Vorsitzender der Unions-Fraktion im Bundestag. © Kay Nietfeld/dpa
Berlin/München – Es ist eine kurze Nacht für Jens Spahn. Irgendwann gegen vier, fünf Uhr frühmorgens Ortszeit in den USA muss er mit dem Kanzler sprechen. Es ist das entscheidende Telefonat, und es wird bitter. Friedrich Merz, bei ihm ist schon Vormittag, verlangt vom Unions-Fraktionschef, einem der mächtigsten Männer in der CDU, den Rücktritt – schnell, sofort. Spahn weiß in diesem Moment, dass er sich nicht mehr halten kann, auch nicht will. Er erbittet eine Stunde Bedenkzeit, formuliert sein Rückzugsschreiben. Wenigstens selbstbestimmt abtreten. Nicht mal mehr das klappt rechtzeitig: Elf Minuten bevor Spahn seine Mail an die Fraktion versendet, streut Merz‘ Umfeld, der Kanzler und CDU-Chef fordere den Rücktritt.
Es ist ein Wochenende mit einem Knall, der die Union brutal durchschüttelt. Spahn stürzt über seine zunächst zutiefst private Entscheidung, mit Ehemann Daniel Funke eine Familie zu gründen. Weil er dazu das in Deutschland geltende Leihmutterschaftsverbot umgeht, eben in die USA ausweicht. Dort hat eine Frau das durch Samenspende seines Ehemanns entstandene Kind ausgetragen; in Teilen des Landes legal. Darf ein Politiker, ein früherer Gesundheitsminister, bewusst, mit viel Geld und besten Kontakten im Ausland deutsche Gesetze umgehen?
Die Rückschau auf die letzten Tage zeigt einen Machtkampf im Zeitraffer. „Das Baby und das Beben“, titelt „Bild“, die Zeitung mit sehr engem Draht zu Spahn spielt eine zentrale Rolle. Denn am Mittwoch, 15.50 Uhr, sendet Spahn an seine engsten Freunde eine Whatsapp-Nachricht mit der Botschaft, Vater von Georg geworden zu sein („Die stolzen Papas“). Acht Minuten später: die Schlagzeile samt Foto von Spahn und Funke mit einem Kinderwagen am Waldesrand, wohlwollend.
Doch: Es folgt verdutztes Schweigen, dann Schockstarre gerade in der Union. Persönlich gratulieren viele Spahn, nette Nachrichten im Sekundentakt. Er beantwortet viele knapp, aber individuell. Doch schnell macht sich Unbehagen bei den Parteifreunden breit: Da wurde deutsches Recht nicht gebrochen, aber umgangen. Am Donnerstag tauchen die Zitate auf, wie Spahn 2015 vor Leihmutterschaft warnte: „Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden.“ Dass sein Gesundheitsministerium 2020, als er Minister war, in der Antwort auf eine FDP-Anfrage im Bundestag scharf vor einer Legalisierung der Leihmutterschaft warnte, „Schäden für das Kindeswohl“ drohten. Und dass Spahn beim CDU-Parteitag noch im Februar 2026 keinen Pieps zu einem neuerlichen Beschluss gegen die Leihmutterschaft sagte (was er bereut).
Am Donnerstag mischt sich ein hässliches Wort in die Debatte: Doppelmoral. Umso mehr fällt auf, dass die erste Reihe der Union schweigt. Knappestmöglich wischt der Kanzler, der als einziger schon fünf Tage vorher informiert war, Journalistenfragen weg. CSU-Chef Markus Söder bleibt still. Dafür setzt ein Chor aus Reihe zwei ein: CSU-Politiker wie Landtagsfraktionschef Klaus Holetschek, die klarziehen, dass es beim strikten Leihmutterschaftsverbot bleiben müsse. Holetschek greift zum Handy, schreibt das Duzfreund Jens persönlich. Andere tun das nicht. Der wahlkämpfende CDU-Chef von Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Peters, fordert am Freitag öffentlich den Spahn-Rücktritt: „Nicht mehr tragbar.“
Das trifft Spahn schwer. Inhaltlich und in der Form. Das zeigt er, als er sich am Freitagnachmittag aus New York meldet. Im Podcast von „Bild“-Vize Paul Ronzheimer klagt Spahn, Peters kenne ihn lang, habe sich aber persönlich nicht gemeldet. In der eilig aufgenommenen 30-minütigen Sendung sagt Spahn, er lege seine Zukunft in die Hände der nächsten Fraktionssitzung am 8. September. Auch da verschätzt er sich.
Die Zahl der Kritiker wächst stündlich. Unter anderem schalten sich die Frauen in der Unionsfraktion zusammen, wütend über Spahn. Keine einzige Frau soll ihn verteidigt haben in der Runde. Christlich geprägte Unionspolitiker sind ebenso verstört. Und: viele, die mit Recht und Gesetz argumentieren. Keiner davon äußert sich homophob, die Zeiten sind in der Union seit Jahren vorbei. Doch es folgen weitere CDU-Landesverbände, mindestens einer hat laut „Spiegel“ eine fertige Rücktrittsforderung in der Schublade. Kanzler Merz telefoniert die Verbände am Samstagmorgen einzeln ab, spricht mehrfach mit Söder und senkt dann den Daumen.
Spahn geht. Ohne Selbstkritik. „Zunehmende Unerbittlichkeit“ in der Debatte beklagt er. Merz‘ Abschiedsworte bleiben kalt. „Richtig und unvermeidlich. Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut.“ Knapper geht es kaum. „Tage des Donners in der Union“, analysiert der sehr gut vernetzte CDU-Kenner Robin Alexander in seinem Podcast. „Absolut spektakulär.“
„Unvermeidlich“, sagt Merz knapp und kühl
Merz und Söder wollen zügig einen neuen Fraktionschef nominieren, noch im Juli. Angeblich gibt es hinter den Kulissen einen Plan für einen kleinen Umbau. Kanzleramtsminister Thorsten Frei könnte an die Fraktionsspitze wechseln. Der CDU-Mann aus dem Südwesten wirkt eh nicht glücklich in seinem Amt und organisierte die Regierungsabläufe oft nicht gut. Merz sagt am Sonntagabend im ZDF, die Lage könne„eine Gelegenheit sein, noch einmal über die Aufstellung der Bundesregierung nachzudenken“. In diesem Ringtausch kursieren auch Namen von CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann und von Fraktionsvize Günter Krings aus NRW, die zuletzt mehrfach bei Besetzungen leer ausgingen. Eine Sondersitzung der Fraktion wird für August geplant.
Spahn bleibt nun einfacher Abgeordneter. Er ist wohl noch an der US-Ostküste. Neue Priorität: Familie, das sagt er auch im Ronzheimer-Podcast. Das ist der Moment, in dem der 46-Jährige am aufrichtigsten klingt: „Das ist jetzt eine Verantwortung für diesen kleinen Wurm. Es ist ein tolles, tolles Gefühl.“