München unter Schock: Vor zehn Jahren legten Trauernde tausende von Blumen vor dem OEZ ab. © Kneffel/dpa
Heute erinnert ein Denkmal an die neun Opfer des rechten Terrors. © Schroeder/epd
Das Ehepaar Leyla gedenkt seinem Sohn Can. Der 14-Jährige war eines der neun Opfer. © Martin Hangen (3)
Ein Globus, ein Turnbeutel und eine Cap: Auch nach zehn Jahren ist Cans Kinderzimmer noch so, wie er es verlassen hatte.
München – Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein normales Jugendzimmer. In der Ecke steht ein Globus, davor ein großer Fernseher. Über einer Stehlampe hängt eine Baseballkappe, an der Wand darüber ein gelbgrünes Fußballtrikot. In Schwarz steht darauf der Name „Can“ und die Rückennummer 7 – dieselbe wie die seines großen Idols, Cristiano Ronaldo.
Can, dem das Zimmer gehörte, lebte für Fußball. Er übte Ronaldos Tricks, er nahm seinen Ball manchmal sogar mit zum Einkaufen. Dreimal pro Woche trainierte er – montags, mittwochs und freitags, oft direkt nach der Schule. Doch an jenem Freitag im Sommer fiel das Training aus. Stattdessen wollte er sich mit Freunden treffen, erzählte er seinen Eltern, bevor er die Wohnung verließ. Am Nachmittag des 22. Juli 2016 ging er zu McDonald’s am Olympia-Einkaufszentrum. Can kehrte nie mehr in sein Jugendzimmer zurück. Gegen 17.50 Uhr erschoss ein rechtsextremer Attentäter ihn und acht weitere Menschen. Fast alle waren Jugendliche.
Can Leyla wurde nur 14 Jahre alt. Mit ihm starben Armela S. und Sabine S. (beide ebenfalls 14), Selçuk K. (15), Roberto R. (15), Hüseyin D. (17). Außerdem Dijamant Z. (20) und Giuliano K. (19) und Sevda D. (45). Zehn Jahre nach dem OEZ-Attentat sitzen Hasan und Sibel Leyla, Cans Eltern, in ihrer Wohnung in Moosach. Es ist dieselbe wie damals, als Can noch lebte. In seinem Zimmer stehen noch sein Bett, seine Couch, sein Fußball-Rucksack und sein altes gelbgrünes Trikot des TSV Moosach an der Wand. Dazwischen viele Fotos: Can als kleines Kind auf dem Schoß seiner Eltern; Can als Jugendlicher im Kapuzenpulli, strahlend, mit wuscheligem Haar, das ihm in die Stirn fällt.
Wenn seine Eltern von ihm sprechen, wechseln ihre Gefühle zwischen Stolz, Trauer und Wut: „Für alle anderen ist es zehn Jahre her. Für uns Angehörige ist es wie am ersten Tag. Der Schmerz lässt nicht nach“, sagt Hasan Leyla. Die offenen Wunden, die vielen Fragen, sie blieben: Wie konnte so etwas in München passieren?
Am Tag des Attentats sah Hasan Leyla seinen Sohn nur kurz. Eine flüchtige Begegnung im Flur, nicht mehr. Ein Abschied ohne viele Worte. Hasan Leyla fuhr danach in die Spätschicht. Als er gerade Pause machte, klingelte sein Telefon. Es war seine Frau: Sie sagte, dass sie Can vermisst. „Ich ließ sofort alles stehen und liegen und rannte los, um ihn zu suchen“, erinnert sich Hasan Leyla.
Sibel Leyla hatte kurz zuvor von den Schüssen am OEZ erfahren. Sie wusste nicht, dass ihr Sohn im McDonald’s war. Erst wenige Wochen zuvor hatte sie ihm erlaubt, sich außerhalb von Moosach zu verabreden. „Für mich war er immer noch klein. Ich musste immer ein Auge auf ihn haben.“
Als Can nicht ans Handy ging, wuchs ihre Sorge. Hasan und Sibel Leyla fuhren zum Tatort, doch sie kamen nicht bis zum OEZ – alles war abgesperrt. Ein Bus brachte sie zu einer Sammelstelle am Olympiagelände, wo Angehörige auf Informationen warteten. „Aber es gab null“, sagt Hasan Leyla. Er rief eine OEZ-Hotline an, hing lange in der Warteschleife. Schließlich sagte man ihm: „Ihr Sohn ist nicht unter den Toten oder Verletzten. Er hat sich bestimmt irgendwo versteckt vor Angst“, gibt der Vater die Antwort wieder.
Die Hoffnung blieb. Immer wieder kamen neue Busse mit Menschen, die zur Sammelstelle gebracht wurden. „Ich dachte jedes Mal: Jetzt kommt Can, aber er kam nicht“, sagt Sibel Leyla. Den Grund erfuhren sie erst Stunden später, es war kurz vor 4 Uhr morgens: Ein Polizist kam auf sie zu und sagte: „Es tut mir leid, ihr Sohn ist tot“, erinnert sich Hasan Leyla. Der Vater unterschrieb ein Dokument, danach sei der Polizist in seinen Streifenwagen gestiegen und weggefahren: „Wir standen einfach alleine da, wir wussten nicht einmal, wie wir heimkommen“, sagt Leyla. Sein Bruder musste sie abholen.
Dieses Gefühl, allein zu sein, überkam sie immer wieder nach dem Attentat: das Gefühl, von Politik, Behörden und Gesellschaft im Stich gelassen zu werden. „Am zweiten und dritten Jahrestag standen wir vor dem OEZ mit nur wenigen anderen Personen, die Hälfte davon unsere Angehörigen“, sagt Cans Vater. Viele verdrängten die Erinnerungen an den Tag. Die Angehörigen kämpften hart, um sie ins kollektive Bewusstsein zurückzuholen. Sie gaben Workshops, saßen auf Podien.
Ebenso mühsam war ein anderer Kampf: die Anerkennung der Tat als rechtsterroristisches Attentat. Der Täter, ein 18-Jähriger, handelte aus rassistischer Überzeugung. Doch bis das bayerische Landeskriminalamt das anerkannte, dauerte es rund drei Jahre und benötigte mehrere Gutachten. Lange sprachen die Behörden von einem Amoklauf – für die Angehörigen ein untragbares Fehlurteil: „Wie blind musste man sein, um das nicht zu sehen – alle Zeichen deuteten darauf“, sagt Hasan Leyla. Und ihr Kampf soll weitergehen – die Angehörigen fordern einen Untersuchungsausschuss, um mögliche Fehler von Polizei und Behörden nach dem Attentat aufzuklären. Cans Mutter sagt: „Wir wollen Aufklärung. Ich will wissen, wieso mein Sohn sterben musste.“