Handschlag mit Beigeschmack: Kenias Außenminister Musalia Mudavadi im März in Moskau mit Sergei Lawrow. © Makeyeva/P. Alliance
Nairobi – Russland rekrutiert Kämpfer aus dem Ausland als Söldner für seine Truppen in der Ukraine, um eine Mobilmachung im eigenen Land zu vermeiden. Seit über zwei Jahren rücken dabei afrikanische Staaten stärker in den Fokus. Über die Privatarmee Wagner, inzwischen als Afrika-Korps organisiert, hat sich Russland ein gutes Netzwerk auf dem Kontinent aufgebaut. In vielen Ländern genießt es einen guten Ruf.
Laut dem ukrainischen Verteidigungsministerium kämpfen Männer aus 36 afrikanischen Ländern auf russischer Seite. Kenia gilt als besonders attraktives Rekrutierungsziel: Das Land liegt im „Africa Organized Crime Index 2025“ bei Menschenhandel weit oben und belegt bei organisierter Kriminalität Rang vier. Ein Bericht von Geheimdienst und Polizei, im Februar im Parlament vorgestellt, nennt rund 1000 rekrutierte Kenianer für den Krieg in der Ukraine.
Gezielt angesprochen werden laut Bericht vor allem ehemalige Soldaten, Polizisten und arbeitslose Männer zwischen 20 und 50 Jahren. Gleichzeitig dokumentiert der Bericht, dass auch staatliche Stellen mit den Vermittlungsnetzwerken in Verbindung standen, darunter Arbeitsbehörde, Polizei, Einwanderungsbehörde sowie die Botschaften in Nairobi und Moskau.
Auch Politiker geraten laut Medienberichten in den Verdacht der Verstrickung. Ken Opala, Koordinator für Ost- und Südafrika der „Global Initiative Against Transnational Organized Crime“ mit Sitz in Nairobi, betont zwar, dass bislang noch kein Regierungsbeamter wegen Menschenhandels oder Schleusung von Kenianern nach Russland verurteilt wurde. „In der Vergangenheit gab es jedoch Berichte, die politisch einflussreiche Personen mit Arbeitsvermittlungsagenturen in Kenia in Verbindung brachten. Einige der Mitarbeiter der Agenturen sind bekanntermaßen enge Verwandte von Spitzenpolitikern und/oder Regierungsbeamten.“ Von den rund 1000 rekrutierten Kenianern sind bislang nur 53 in ihre Heimat zurückgekehrt.
Die Mitarbeiter der Agentur, die Brian (siehe oben) nach Russland lockten, wurden inzwischen verhaftet. Unter ihnen war ein Russe namens Mikhail Lyapin, der im September 2025 Kenia verließ, wie die russische Botschaft in Nairobi bestätigte. Dass russische Regierungsbehörden in die illegale Rekrutierung involviert sind, davon will die Botschaft aber nichts wissen – obwohl in einem Vertrag, der unserer Zeitung vorliegt, das russische Verteidigungsministerium als Vertragspartner genannt wird. Nachdem der Geheimdienstbericht im kenianischen Parlament vorgestellt wurde, sprach die Botschaft in einer Stellungnahme von einer „gefährlichen und irreführenden Propagandakampagne“, die in den kenianischen Medien und im öffentlichen Raum geführt werde.
Mehr als 600 Agenturen wurden inzwischen wegen Verstößen gegen nationale Vorgaben geschlossen, wie Außenminister Musalia Mudavadi mitteilte. Unter wachsendem politischen Druck reiste er im Frühjahr nach Russland, um die Rekrutierung kenianischer Staatsbürger zu thematisieren. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Sergei Lawrow erklärte er, künftig würden keine Kenianer mehr über das Verteidigungsministerium für die „Spezialoperation“ angeworben und konsularisch unterstützt. Sein russischer Kollege kommentierte die Aussagen nicht, sondern betonte: „Russland rekrutiert niemanden.“ Alle Kenianer und Bürger anderer Staaten, die sich Russlands Truppen anschließen, täten dies „freiwillig“.V. WETZEL