Zwei Kenianer in der russischen Falle

von Redaktion

Eine der letzten Aufnahmen von David Kuloba (l.), die seine Mutter erhielt. © Privat

Bedrückende Erinnerung: Susan Kuloba mit einem Foto ihres ältesten Sohnes. © Veronika Wetzel

Kämpfer wider Willen: David Kuloba (mit Messer) dachte, auf ihn warte in Russland eine Tätigkeit als Wachmann. Sieben Wochen, nachdem er Kenia verlassen hatte, starb er in der Ukraine. © Privat

Nairobi – Die Nachmittagssonne brennt auf Kibera herunter. Die Luft in der Wellblechhütte am Rande des größten Slums Afrikas, mitten in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, ist stickig, Fliegen schwirren durch den kleinen Raum. Susan Kuloba sitzt auf dem Bett. Sie sieht müde, abgekämpft aus. In den Händen hält sie einen Geldbeutel und schaut auf ein Foto von einem jungen Mann. Ihr ältester Sohn, David.

Es ist lange her, dass sie von ihm gehört hat: Zuletzt am 4. Oktober 2025. „Im Januar wäre er 23 Jahre alt geworden“, sagt sie und wischt sich über die Augen. David nahm ein Jobangebot in Russland von einer angeblichen Arbeitsagentur in Nairobi an und landete später an der Front in der Ukraine.

Als Bauarbeiter verdiente er in Nairobi nur 80 Euro im Monat. Auf der Suche nach Arbeit im Ausland stieß er online auf die Agentur Global Face. Als er seiner Mutter davon erzählte, einen Job als Wachmann in Russland erhalten zu haben, versuchte sie ihn umzustimmen – vergeblich.

Kurz vor der Abreise erhielt er eine Liste mit russisch-englischen Vokabeln, alles militärische Begriffe. Misstrauisch wurde er davon angeblich nicht. Am 17. August reiste er mit sieben weiteren Kenianern nach Russland – in der Hoffnung auf ein neues Leben, ein besseres.

Doch die Realität sah anders aus. „Als er in Russland angekommen ist, schickte er mir ein Bild in Militäruniform. Ich war extrem geschockt.“ David musste einen russischsprachigen Vertrag unterschreiben und kam kurz darauf in ein Militärcamp. Er saß in der Falle.

Vor dem Fronteinsatz schickte er seiner Mutter den Vertrag per WhatsApp. Dazu: „Heb ihn auf, mir wurde gesagt, dass diejenigen, die auf diese Mission geschickt werden, selten zurückkommen.“ Laut dem Vertrag, der unserer Zeitung vorliegt, „verpflichtet sich (der Bürger) freiwillig, einen Militärdienst in den Streitkräften der Russischen Föderation abzuleisten“. Vertragspartner ist das Verteidigungsministerium, die Vereinbarung ist ein Jahr gültig.

Susan Kuloba schrieb ihrem Sohn, aber die Nachricht wurde nie zugestellt. Besorgt wandte sie sich an einen Freund von David, der mit ihm gemeinsam gekämpft hatte. Er berichtete, ihre Einheit sei unter Beschuss geraten und habe David im Wald zurücklassen müssen. Er gab ihr die Nummer eines russischen Agenten. Als sie die Nummer kontaktierte, wurde ihr mitgeteilt, dass ihr eine Entschädigung von 100.000 Dollar zustehe – wenn sie persönlich nach Russland komme.

Brian, der seinen wahren Namen und sein Foto nicht in der Zeitung sehen will, hatte mehr Glück. Wenigstens ein bisschen. Er erfuhr durch einen Freund von Global Face, das ihm ein Gehalt von bis zu 250.000 Rubel (rund 3000 Euro) für einen Fabrikjob versprach – ein verlockendes Angebot für den Ladenbesitzer, der in Kenia 200 Euro brutto im Monat verdiente. Dass er medizinische Tests durchlaufen musste, wunderte Brian angeblich nicht.

Erst in Russland angekommen, erhielt er per WhatsApp die Ergebnisse seiner medizinischen Tests. Auf denen stand, dass er als „Militärangestellter“ in Russland arbeiten würde. Alle Versuche, den Agenturmitarbeiter zu erreichen, schlugen fehl. „Er hatte mich schon auf WhatsApp blockiert.“ Als Brian sich weigerte, den Vertrag zu unterschreiben, sagte der Russe aus dem Militärbüro zu ihm: „Ihr unterschreibt diesen Vertrag. Wir haben der Agentur 1,5 Millionen Rubel (etwa 16.500 Euro) für jeden von euch gezahlt. Entweder du zahlst uns das Geld plus die Kosten für das Visum und den Flug zurück – oder du unterschreibst.“

Danach wurde er in ein Trainingslager in Kamjanka in der Ukraine gebracht. In dem Lager war er nicht der einzige Afrikaner – andere kamen aus Togo, Nigeria, Südafrika. „Viele der Männer in dem Camp hatten keine Beine mehr oder ihnen fehlten Hände. Die Verletzten leben dort“, erzählt Brian. Die Behandlung in dem Lager sei schlecht gewesen:

Brian wurde nur viereinhalb Tage trainiert, dann ging es an die Front in Vovchansk. „Auf dem Weg zur Kampfzone mussten wir einen Fluss durchqueren. Er war voller toter Körper.“ Seine Truppe wurde schon auf dem Weg zur Front getroffen. Aber Brian warf sich rechtzeitig auf den Boden, schützte sich mit einer Leiche. So wurde nur seine Hand verletzt.

Zunächst hieß es, mit der Verletzung könne er noch schießen, doch nach zwei Wochen begann die Hand wegen der fehlenden medizinischen Versorgung zu faulen. Also durfte Brian doch zurück ins Lager. Er kam ins Krankenhaus, besorgte sich eine Ausgehgenehmigung und floh zur kenianischen Botschaft in Moskau. Eine Mitarbeiterin der Botschaft zahlte schließlich seinen Rückflug.

Eine Entschädigung für Rekruten oder deren Familien werde es nicht geben, sagt Kenias Außenminister Musalia Mudavadi. Der Schrecken des Krieges mag vorbei sein, doch die Männer, die heimkehren, werden ein Leben lang mit den psychischen und körperlichen Folgen kämpfen: „Ich würde inzwischen jeden Job in Kenia nehmen“, sagt Brian, „aber ich kann nicht arbeiten, weil ich meine Hand nicht richtig benutzen kann.“ Eine Operation kann er sich nicht leisten.

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