Auch für die Helfer war der Einsatz im Tiergarten maximal belastend. © Hirschberger/AFP
Die Todesfahrt endete außerhalb des Festgeländes.
Der Täter ließ seinen schwerbeschädigten Transporter zurück und flüchtete zu Fuß. © Gollnow/dpa
Schillernd hätte der Christopher Street Day noch bis tief in die Nacht verlaufen sollen. Nach dem Anschlag, der sich gegen 22 Uhr ereignete, wurde er abgebrochen. © Bilan/EPA
Berlin – Ein handbeschriebener Zettel hängt am Sonntagmorgen an einem Absperrgitter der Polizei am Rand des Berliner Tiergartens, dem großen Park mitten in der Hauptstadt. „Wir müssen zusammenhalten“, steht darauf. „Gemeinsam sind wir stärker als der Hass und die Gewalt.“ Antonia, eine junge Frau, stellt weiße Blumen davor und weint, als sie erzählt: „Ich war nur eine Ecke weiter. Ich habe die ganzen Krankenwagen gesehen, die hier angekommen sind. Meine Freunde waren alle hier dabei. Es hätte jeden treffen können.“
Zehntausende geschminkte, glitzernde Menschen feiern den ganzen Samstag beim Christopher Street Day (SCD) auf den Berliner Straßen. Mehr als 80 Trucks mit Musik fahren Richtung Tiergarten zur großen Abschlussparty am Brandenburger Tor. Die Straßen sind am Abend noch überfüllt, als gegen 22.00 Uhr immer mehr Sirenen von Rettungswagen und Polizeiautos rund um die Feiermeile aufheulen. Von allen Seiten fahren dutzende Einsatzwagen mit Blaulicht zum südlichen Rand des großen Parks.
Kurz darauf teilen die CSD-Veranstalter über das Internet mit, die Feier sei abgebrochen, die Menschen sollen das Gelände verlassen, von „Evakuierung“ ist die Rede. Zwischen den Bäumen des Tiergartens nahe dem Potsdamer Platz hat die Polizei bereits einen großen Bereich abgesperrt. Ein weißer Van war auf einem Fußgängerweg in den Park gefahren und gegen einen Baum gekracht.
Dutzende Sanitäter und Notärzte sind im Einsatz
Schnell werden erste Befürchtungen wahr, und die Polizei bestätigt: Es war kein Unfall, ein Mann hat auf dem dunklen Weg im Park zahlreiche Menschen, die vom CSD kamen, angefahren. Mehrere von ihnen erleiden schwere Verletzungen. Eine Frau stirbt.
Dutzende Sanitäter und Notärzte der Berliner Feuerwehr versorgen mitten in der Nacht Verletzte auf der Straße unmittelbar am Park. Menschen werden in Rettungswagen geschoben und zu Krankenhäusern gefahren. In einem schnell aufgebauten Zelt sprechen Seelsorger mit Zeugen der Tat, die unter Schock stehen.
Am Himmel kreist ein Polizeihubschrauber. Die Polizei hat den gesamten Park abgesperrt und sucht mit Wärmebildkameras aus der Luft nach dem Täter, den Zeugen als jungen Mann beschreiben. Aber vergeblich, er entkommt in der Dunkelheit.
Schnell kann das Landeskriminalamt einen Verdächtigen identifizieren: Der 21-jährige Abdul B. ist polizeibekannt und wird der islamistischen Szene zugerechnet, wie die Polizei später mitteilt. Noch in der Nacht stürmt ein Spezialeinsatzkommando (SEK) eine Wohnung in Berlin-Schöneberg. Es gibt allerdings keine Festnahme. „Es war niemand da“, sagt Polizeisprecher Florian Nath. Am Sonntag leitet die Polizei eine Öffentlichkeitsfahndung ein und stellt ein Foto des mutmaßlichen Täters ins Internet: Ein großer, junger Mann mit schwarzen Locken und einem dünnen Bart.
Am Sonntagabend rückt das SEK dann zu einem Einsatz in Berlin-Spandau aus. Dort, in einer Kleingartenanlage, hält sich der Verdächtige auf. Laut Polizei geht er mit einer Stichwaffe auf die Beamten los, sie schießen – B. stirbt.
Noch in der Nacht rätseln viele, wie der Täter mit seinem Auto in den abgesperrten Park kommen konnte. Vor den Eingängen hatte die Polizei im Vorfeld viele schwere Poller aufgestellt. Irgendwo muss der Mann eine Lücke gefunden haben.
Steinmeier: „Angriff auf unsere offene Gesellschaft“
Zahlreiche Politiker zeigen sich sehr betroffen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) lässt sich in eine Lagebesprechung des Innenministeriums zuschalten. Am Nachmittag nimmt er an einem Trauergottesdienst in der Marienkirche teil. Er verspricht, Deutschland werde „die Freiheit, die Offenheit, die Liberalität unseres Lebens und unserer Gesellschaft mit allem, was wir tun können, verteidigen“. Derartige Taten hätten „nur einen Zweck: Sie wollen unsere Gesellschaft spalten.“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagt: „Diese Tat ist ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft, auf unsere Art zu leben und zusammenzuleben.“
Während Polizisten am Vormittag noch das Unterholz in der Umgebung des Tatorts durchkämmen, stehen immer wieder Menschen aufgewühlt an den rot-weißen Flatterbändern der Absperrung. Oft kommen ihnen die Tränen, während sie sprechen. Auf einem großen Plakat auf dem Boden schreiben Menschen mit Stiften ihre Gefühle auf.
Ein Radfahrer hält und schaut zu dem Ort zwischen den Bäumen, an dem das demolierte Auto steht. „Bitte nicht ansprechen“, sagt er. Auch er hat sofort Tränen in den Augen. „Da spürt man wieder den ganzen Hass der islamistischen Welt auf den Westen.“ Ein anderer Mann sagt: „Plötzlich ist das wieder ganz nah“, er meint die Erinnerung an den islamistischen Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt von fast zehn Jahren. Ein weiterer Passant sagt, das Schlimme sei, dass die AfD jetzt wieder dazu gewinne. Eine Berlinerin, die nicht weit entfernt wohnt, spricht nur von „Wut“.
Der Vorsitzende eines queeren Chores sagt: „Jetzt erst recht. Man darf sich nicht einschüchtern lassen. Sonst erreichen diese Menschen ihr Ziel.“ Immer mehr Blumen liegen vor den Bäumen. Auf einem kleinen Plakat steht: „Liebe siegt.“