Milan Nedeljković ist erst seit Mitte Juni BMW-Chef und muss gleich einen harten Sparkurs fahren. © BMW
Dämmerung bei BMW: Weil die Absätze in China einbrechen, müssen Stellen abgebaut werden. Auch die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung fordern Anpassungen beim Personal. © Sven Hoppe
München – Bis vor Kurzem herrschte mit der Vorstellung der Neuen Klasse bei BMW Partystimmung, nun trifft es den Münchner Hersteller hart: Nach Volkswagen, Audi, Porsche und Mercedes baut auch BMW im großen Stil Stellen ab. Das teilten Konzernchef Milan Nedeljković und Betriebsratschef Martin Kimmich den Mitarbeitern am Mittwoch in einer Informationsveranstaltung mit. „Mir ist bewusst, dass die nächste Zeit von uns allen viel abverlangen wird“, sagte Nedeljković dort laut Teilnehmern. „Doch wir müssen sicherstellen, dass unser Unternehmen wieder profitabler und wettbewerbsfähiger wird.“
Konkret will der Dax-Konzern weltweit 8000 Stellen streichen. Das wären rund fünf Prozent der aktuell 154.000 Mitarbeiter, von denen fast die Hälfte in Deutschland arbeitet. Betriebsbedingte Kündigungen soll es nicht geben, die in der Betriebsvereinbarung geregelte Beschäftigungssicherung gilt weiter. Stattdessen werden 50.000 der 84.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von BMW in Deutschland ein Abfindungsangebot auf den Tisch bekommen. Das Freiwilligenprogramm soll von Oktober 2026 bis Ende 2027 gelten. Daneben werden über Verrentungen oder auslaufende Verträge sozialverträglich Jobs wegfallen, indem Stellen nicht nachbesetzt werden. Auch bei Standorten im Ausland werden Arbeitsplätze abgebaut, dort jedoch ohne Abfindungen.
Standort München besonders betroffen
Besonders betroffen sind dennoch alle deutschen Standorte, vor allem der Stammsitz in München. Allein im Forschungs- und Entwicklungszentrum FIZ in München und im Vierzylinder-Turm arbeiten über 25.000 Entwickler, Ingenieure, Designer, Betriebswirte und Verwaltungsangestellte. Hier dürfte es die größten Einschnitte geben. Die ohnehin durchautomatisierte Produktion wird dagegen verschont.
Wie hoch die Abfindungen ausfallen, die sich nach Gehalt und Betriebszugehörigkeit richten, ist unklar. BMW hat eine Milliarde an Rückstellungen für das Programm gebildet. Würden alle 8000 Jobs über das Freiwilligenprogramm wegfallen – was nicht realistisch ist –, wären das 125.000 Euro pro Stelle. Mercedes bot laut Medienberichten in einem ähnlichen Programm langjährigen Mitarbeitern mit Führungserfahrung bis zu 500.000 Euro für den Abgang. Von 40.000 angeschriebenen Mitarbeitern nahmen dort bis ins Frühjahr etwa 5500 den goldenen Handschlag an.
BMW berichtet am heutigen Donnerstag seine Zahlen zum zweiten Quartal und dürfte einen drastischen Einbruch des China-Geschäftes melden. Es sind die ersten Quartalszahlen, die Milan Nedeljković als neuer BMW-Chef präsentieren wird. Erst Mitte Mai hatte er den Chefposten von Oliver Zipse übernommen, der noch mit einem soliden Quartal verabschiedet wurde. Vier Wochen nach Amtsantritt kassierte Nedeljković Mitte Juni wegen der China-Probleme Zipses Gewinnprognose für das laufende Jahr, annoncierte stattdessen einen deutlichen Rückgang des Konzernergebnisses. In China war der gesamte Neuwagenmarkt damals um etwa 20 Prozent eingebrochen, was auch andere deutsche Hersteller ins Schlingern bringt. Der Volkswagen-Konzern lieferte in China im ersten Halbjahr ein Viertel weniger Autos aus als im Vorjahreszeitraum, bei Mercedes war es fast ein Drittel.
Auch bei der Betriebsveranstaltung zum geplanten Stellenabbau ging Nedeljković auf die Probleme ein. „Weder der Protektionismus noch die gravierenden Marktveränderungen werden wieder verschwinden“, sagte er vor den Mitarbeitern. „Daher müssen wir jetzt schnell und konsequent unsere Strukturen und Prozesse verschlanken und unsere Kostenposition deutlich verbessern.“
Allerdings dürfte die China-Schwäche nicht der einzige Grund für die Maßnahmen sein. Zum einen waren für die Entwicklung der Neuen Klasse viele schlaue Köpfe nötig. Nun sind die ersten Modelle der nächsten Generation von Elektro-BMWs auf dem Markt. Zum anderen fordern auch Automatisierung und Künstliche Intelligenz ihren Tribut. „Wir sehen schon, dass Automatisierung und Digitalisierung den Personalbedarf verändern“, hatte Personalchefin Ilka Horstmeier im Mai eingeräumt.
Experten sehen Schritt als überfällig
Experten halten sich mit Kritik zurück. Der Schritt sei angesichts der sinkenden China-Verkäufe nötig, sagt etwa Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka (s. Interview). Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center in Bochum hält ihn sogar für „überfällig“: „Die echten Probleme kommen erst noch“, warnt er. So habe BMW noch keine adäquate Strategie, um die Verkäufe in China wieder anzukurbeln. Selbst die sonst angriffslustige IG Metall blieb gelassen. BMW reagiere „auf den wegbrechenden Markt in China“ und gestalte den Abbau „mit den Instrumenten der Tarifparteien“, sagte Bayern-Chef Horst Ott der ARD. Der Betriebsrat von BMW war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Bei BMW heißt es, man mache so vielen Mitarbeitern ein Abfindungsangebot, weil man keine schwarzen Listen mit Streichkandidaten erstellen wolle. Für die verbleibenden Mitarbeiter seien keine Einschnitte bei Gehalt oder Arbeitszeit geplant, betonten Unternehmenskreise. Erste Sparmaßnahmen gibt es aber: 2024 hatten sich Konzern und Betriebsrat bereits darauf geeinigt, dass ab 2027 die Prämien für Dienstjubiläen wegfallen. Außerdem wurde das Weihnachtsgeld für 2025 und 2026 auf 85 Prozent reduziert. Ab 2027 soll es laut der damaligen Vereinbarung aber wieder in voller Höhe gezahlt werden.